Man nimmt ein Gemälde, zerschneidet es in Stücke und setzt diese dann neu zusammen. Einige Original-Teile werden verworfen und durch eigene Pinselstriche ersetzt. Ist das Resultat dieses kreativen Prozesses ein neues Kunstwerk? Ja, findet Björk.

Die Isländerin ließ von den Songs ihres letzten Studioalbums, „Biophilia“, von verschiedenen Künstlern Remixe anfertigen und veröffentlichte diese unter dem Titel „Bastards“ auf einer CD. Dabei ging es Björk nicht um die besten Einzeltracks, sondern um die „perfekte Remix-Auswahl, die als Ganzes funktioniert“. „Mich hat das unglaublich beeindruckt, wie ‚Biophilia‘ in diesen Remix-Versionen auf vollkommenes Neuland transportiert wird und dabei trotzdem die Essenz der jeweiligen Original-Tracks erhalten bleibt“, so die Sängerin. Tatsächlich funktioniert Björks Remix-Album „Bastards“ als eigenständiges Werk. Die Songs klingen anders als die Original-Versionen und können teilweise neuen Genres zugeordnet werden. „Crystalline“ in der Version von Omar Souleyman wird zu einer exotischen Bollywood-Nummer, während dasselbe Lied bei Matthew Herbert nach einem verschwurbelten Club-Track klingt.


Björk – „Mutual Core“

Ob Pop-Diva Madonna, Indie-Bands wie Bloc Party oder Soul-Queen Adele – Sänger und Sängerinnen sowie Bands aus den unterschiedlichsten musikalischen Ecken setzen auf Remixe. Künstler respektive deren Plattenfirmen vertrauen angesagten, namhaften Produzenten oder jungen, in Insider-Kreisen bekannten DJs die Songs an und vergeben regelmäßig Remix-Aufträge. Dadurch erreichen sie Hörer, die sich ansonsten möglicherweise nicht für ihre Musik interessieren würden.

Einige Musiker – wie Björk – legen ganze Remix-Alben vor. Bereits 1987 veröffentlichte Madonna mit „You Can Dance“ ein komplettes Remix-Album mit neuen Versionen von Songs ihrer ersten drei LPs. „J To Tha L-O! The Remixes“ von Jennifer Lopez war 2002 das erste Remix-Album, das auf Platz eins der US-Charts einstieg. Das erfolgreichste Remix-Album stammt von Michael Jackson. Sein 1997 veröffentlichtes Werk „Blood On The Dance Floor“, das neben acht Remixen seines Albums „HIStory“ auch fünf neue Songs enthielt, gilt als bis dato meistverkauftes Remix-Album.

Was ist ein Remix?
Ein Remix ist die Neuabmischung eines bestimmten Songs. Im Unterschied zur Cover-Version werden beim Remix die Bestandteile des Originals neu arrangiert und zusammengesetzt. Es werden also zum Beispiel Gesangsparts weggelassen oder verfremdet, das Tempo wird verändert, zusätzliche Instrumente hinzugefügt oder Klangeffekte entfernt. Diese Neuinterpretation kann dann dem Original nach wie vor sehr ähnlich sein oder nur noch Fragmente davon enthalten und nach einem komplett neuen Song klingen. „Ich versuche für mich wichtige Elemente herauszuarbeiten und im neuen Kontext zu präsentieren. Der gesteckte Rahmen bleibt dabei in erster Linie Clubkompatibel“, bringt es DJ Wankelmut auf den Punkt.

Die Wurzeln der Remix-Kultur liegen in Jamaika, wo in den sechziger Jahren spezielle Dub-Versionen, also reduzierte, instrumentale Fassungen von Reggae-Tunes, entstanden, um einen optimalen Klang für die Sound-Systemen zu erzeugen. In den Siebzigern entdeckte die Musikindustrie das Publikum in den Diskotheken neben den Radiohörern als neue Zielgruppe. So wurde in der New Yorker Disco-Szene mit langen Remix-Versionen bekannter Radio-Hits experimentiert. Um die Songs für die Clubs interessanter zu machen, wurden sie „tanzbar“ gemacht. Denn mit dreiminütigen Popsongs konnte man auf der Tanzfläche nicht für die nötige Stimmung sorgen. Als einer der Remix-Pioniere gilt US-Produzent Tom Moulton, der beispielsweise Gloria Gaynors 1975er Album „Never Can Say Goodbye“ als durchgehenden Mix produzierte. Gegen Ende der siebziger Jahre waren Remixe schon derart weiterentwickelt, dass sie DJs Türen in die Musikindustrie öffnen konnten. Viele legten sich einen eigenen, unverkennbaren Stil zu und hinterließen auf unterschiedlichen Tracks ihre Handschrift.

Kreatives Spielzeug und Marketing-Tool
Schon immer waren Remixe also sowohl wirtschaftliches Marketing-Tool der Musikbranche als auch kreative Spielwiese für DJs. Heute werden Remixe als eigene Kunstform anerkannt. Bereits ab 1998 wurde jährlich ein „Remixer Of The Year“ mit einem Grammy Award geehrt – der erste ging an House-Legende Frankie Knuckles. 2002 wurde die Kategorie dann in „Best Remixed Recording“ umbenannt. Seitdem wird der beste Remix-Track – und nicht ein einzelner Künstler – gekürt. Mit dem Preis soll laut Statuten eine Person honoriert werden, die zuvor aufgenommenes Material verändert und daraus etwas Neues und Einzigartiges geschaffen hat. Zu den bisherigen Gewinnern zählen der Brite Stuart Price und der Franzose David Guetta, die den Preis je zweimal gewannen. Dieses Jahr ging der Grammy für den besten Remix an Shootingstar Skrillex. Der US-amerikanische DJ und Produzent, der Sonny Moore heißt, tritt weltweit in den großen Hallen auf und hat für verschiedene Stars wie Lady Gaga und Bruno Mars Remixe angefertigt – und ihnen dadurch geholfen, neue Fans hinzuzugewinnen. Denn ein radikaler Remix kann zum Beispiel einen Rock-Song auch tanzwütigen Club-Kids schmackhaft machen. Nicht umsonst liess Lady Gaga die Titel ihres aktuellen Albums „Born This Way“ von so unterschiedlichen Künstlern wie Goldfrapp, Foster The Pople und Metronomy bearbeiten.

Heute werden DJs und Produzenten, die für die Remixe verantwortlich zeichnen, teilweise selbst zu Popstars. Allen voran David Guetta, der mit seinen „Boom Boom Boom“-Produktionen weltweit die Charts dominiert. Auch der 23-jährige Anton Zaslavski aus Kaiserslautern, der unter dem Künstlernamen Zedd unter anderem Songs von den Black Eyed Peas und Lady Gaga remixte, wurde zum international gefragten Produzenten. Remixe sind ein lukratives Geschäft. Hip-Hop-Mogul Sean „Diddy“ Combs verlangt angeblich bis zu 100.000 US-Dollar für einen Remix unter seinem Namen.

Neue Seiten zur Geltung bringen
Doch neben den wirtschaftlichen Aspekten gibt es gleichzeitig auch einen künstlerischen Anspruch. So kann ein Remix neue Komponenten eines Songs zum Vorschein bringen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Neuinterpretation von Jamie xx, Haus-Produzent der britischen Band The xx, von Adeles Nummer-eins-Hit „Rolling In The Deep“. In der Version des umtriebigen Soundtüftlers wird die pulsierende Soul-Nummer zu einem coolen Dubstep-Track. Der junge Brite hat ein Händchen für innovative Remixe. „We’re New Here“, seine Remix-Ausgabe von Gil Scott-Herons letztem Studioalbum „I’m New Here“, wurde von Kritikern hoch gelobt. Auch der Kanadier The Weeknd ist bekannt für seine stilprägenden Remixe, mit denen er neue Facetten bekannter Songs zeigt. Lady Gagas Eurodance-Brummer „Marry The Night“ wird bei ihm zu einer reduzierten, modernen R’n’B-Nummer.

Natürlich gibt es gute und weniger gute Remixe. Hin und wieder ist die überarbeitete Version sogar erfolgreicher als das Original. So gelang etwa Boris Dlugosch 1999 mit seiner House-Version des im Original grandios schrägen Moloko-Downbeat-Tracks „Sing It Back“ ein europaweiter Club-Hit. Allein dieses Jahr sorgten zwei Remixe für Chartsüberraschungen: So schaffte es die für ihre eigenwilligen und nicht gerade Mainstream-tauglichen Kompositionen bekannte Lykke Li mit einem Club-Remix ihres Titels „I Follow Rivers“ auf Platz eins der europäischen Charts. Nach Wochen an der Spitze wurde die schwedische Sängerin von einem anderen Remix auf der Pole Position abgelöst. Eine hierzulande bis dato nur einem Insider-Publikum bekannte israelische Formation namens Asaf Avidan & The Mojos eroberte mit „One Day/Reckoning Song“ die Hitparade. Dank einem Remix des Berliner DJs Wankelmut avancierte der Akustik-Titel zu einem späten Sommer-Hit. Der 25-Jährige wollte den Song, den er auf einer Reise gehört hatte, in seine Sets einbauen. „Die Stimme und der Ausdruck, wie Asaf Avidan den Song singt, ist etwas sehr Besonderes und hat eine grosse Faszination auf mich ausgestrahlt“, erzählt DJ Wankelmut. Und so bastelte er sich Ende 2011 einen eigenen Edit. Schnell machte der Track in einschlägigen Online-Blogs die Runde und wurde später offiziell veröffentlicht. So erhielt der Titel sozusagen eine zweite Chance.

Das Björk-Remix-Album „Bastards“ gibt’s zum Beispiel hier.

Foto: Björk, Inez van Lamsweerde and Vinoodh Matadin