Das letzte Jahr war ein feines. Zumindest in musikalischer Hinsicht. Das behaupte ich jetzt mal und versuche mich an einem kleinen Jahresrückblick – total subjektiv, völlig unkoordiniert und ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit. Los geht’s…..

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Der Januar startet mit einem Filmkracher, der nicht nur das Zeug zu einem absoluten Klassiker hat und Ryan Gosling endgültig zur coolsten Sau des Planeten macht, sondern auch mit dem Soundtrack des Jahres aufwartet: „Drive“. Jeder geht mit einem Ohrwurm aus dem Kino. Die Mädels mit „Real Hero“ von College oder Desires „Under Your Spell“, diesen wunderbar dahingehauchten 80ies-mäßigen Pop-Perlen. Die Jungs hören ab sofort bei jeder Autofahrt nur noch The Chromatics „Tick Of The Clock“ und überlegen sich, ob es too much wäre sich auch so ne ballonseidene Skorpionjacke zuzulegen.

Eine außerordentliche Freude bereitet uns im noch jungen Jahr auch unser Lieblings-Kanadier John K. Samson, seines Zeichens Frontmann der famosen Weakerthans und der einzig wahre Eishockey-Poet. Sein Album Provincial ist natürlich ganz großartig – wie zu erwarten war – und hält mit „Ipetitions.Com/Petition/Rivertonrifle„einen Songkracher bereit, der via gleichnamige Petitions-Homepage auch noch der Eishockey-Legende Reggie Leach in die Hockey Hall of Fame verhelfen soll. Einen Monat später erscheinen in seinem Buch „Lyrics & Poems“ seine gesammelten Texte, natürlich inklusive „Ipetitions.Com/Petition/Rivertonrifle“.

Außer dass noch Kraftklubs Mit K erscheint, passiert nicht recht viel.

Alles schaut nach Russland als im Februar drei Aktivistinnen der Mädels-Punk-Band Pussy Riot nach einem „Punk-Gebet“ in einer Moskauer Kirche wegen Gotteslästerung und Rowdytum verhaftet werden. Es folgen internationale Solidarisierungsaktionen der breiten Öffentlichkeit aber auch vieler namhafter Künstler, und jede halbwegs versierte Hobbystrickerin versucht sich an einer dieser kleidsamen Wollmasken.

Platten gibt’s in diesem Monat von: Team Me – „To The Treetops“, Deichkind –“Befehl Von Ganz Unten“

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Der März gehört dem Boss. Bruce Springsteen veröffentlicht mit „Wrecking Ball“ sein 17. Album und schiebt für den Sommer gleich eine Tour hinterher. Der nimmermüde Haudegen lässt es sich auch in fortgeschrittenem Alter nicht nehmen praktisch jährlich eine Welttour runterzureissen. Und zumindest in Frankfurt merkt man ihm seine 63 Jahre nicht an. Auch für 2013 stehen schon wieder die Stadiontermine für die regelmäßig 3 Stunden und länger dauernden Live-Spektakel. Ein Fan geht jedes Jahr, aber auch für jeden sonst halbwegs Musikinteressierten sollte es auf der „Shows-to-see-before-I-die-Liste“ stehen – ein Konzert vom Boss. Beim seit 1987 alljährlich in Austin/ Texas stattfindenen Kult-Musik-Happening SXSW ist Herr Springsteen dann auch noch Key Note Speaker. Sauber!

Sonst gibt’s diesen Monat mit „Port Of Morrow“ noch ein neues Album von The Shins.

Im April spielt Frank Turner in der Wembley Arena sein bisher größtes Konzert. 7,5 Jahre nach der ersten, ist es seine 1.216. Show. Zur Party hat der Gastgeber ein paar seiner langjährigen Musiker-Freunde mitgebracht. Dazu mit Billy Bragg aber auch ein Urgestein der britischen Revoluzzer-Garde, der selber sicher ein gutes Stück dazu beigetragen hat, dass der Herrr Turner tut, was er ebenso tut. Denkwürdigster Gast des Abends ist aber sicher Mama Turner herself, die den braven Buben vorbildlich mit einem Mundharmonika-Solo unterstützt – in Rock und Strickweste. Na ja, von irgendwem muss er’s ja haben, die Musikergene.

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Auch der diesjährige Record Store Day Ende des Monats bietet wieder Famoses. Vorm Londoner Rough Trade West karren organisierte Sammler und Ebay-Maniacs die Raritäten kiloweise und in Einkaufswägen davon, während sich andere für nur eine heißbegehrte Single 2 Stunden die Beine in den Bauch stehen. Vinyl ist wieder extrem populär  und es wird spannend sein zuzusehen, wie die gute alte Schallplatte wieder eine Aufholjagd in Richtung CD startet.

Eins der bemerkenswerteren Releases im April war „Blunderbuss“ von Jack White.

Im Mai bittet Ryan Adams in Paris praktisch zur Privataudienz ins absolut überirdisch großartige La Cigale. Knapp 400 ergebene Anhänger lauschen in diesem alten Theater, von roten Samtsesseln aus dem Meister, wie er allein, über 2 Stunden lang an gefühlt 17 Instrumenten mal ganz lässig zeigt, wo der Butler den Most holt. Dazu gibt’s zahlreiche neue Katzenstories und sowohl die Platte seines Metal-Side-Projekts Orion als auch das mit seiner Punkcombo The Shit aufgenommene Album „Hits The Fan“ auf Kassette. Beide sehr zu empfehlen. Ach, kauft einfach alles von dem Mann – er ist eine Sensation. Für schlappe 300 Euro kann man seit Frühling ganz praktisch seine gesammelten Werke als Monster-Pack mit irgendwas um die 73 Platten erwerben. Naja, nicht ganz, sind wohl eher um die 20.

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Eben noch solo auf Tour hat der bis dahin als Against Me! Frontman bekannte Tom Gabel Mitte des Monats sein Coming Out als Transgender in der US-Ausgabe des Rolling Stone. Die Art und Weise wie Laura Jane Grace, so der neue Name der Musikerin, das Thema in die Hand nimmt zeugt von Mut, Klugheit sowie großer Sensibilät und verdient allerhöchsten Respekt. Sicher hat sie mit ihrem Schritt den Weg für viele nach ihr ein Stückchen mehr geebnet. Spannend wird auch sein, die Alben der Band noch mal ganz neu zu hören. Viele bis dato recht kryptische Textpassagen machen jetzt auf einmal Sinn. Darüber hinaus ist für 2013 ein Album angekündigt, das sich mit dem Titel „Transgender Dysphoria Blues“ komplett diesem Thema widmen soll.

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Das kommt raus: Hot Water Music – „Exister“, Off! – „Off!“, Alt-J – „An Awesome Wave“

Glastonbury pausiert dieses Jahr aber die deutsche Festival-Saison im Juni/ Juli wartet mit einigen Knüllern auf. Das Comeback der schwedischen Hardcore-Legende Refused spaltet die Fangemeinde. Während die einen „Sellout!“ brüllen und den vermeintlich gefallenen Idealisten in Designeranzügen die Pest an den Hals wünschen, haben andere Tränen der Verzückung in den Augen und fangen wieder an, das legendäre „The Shape Of Punk To Come“ in Endlosschleife zu hören. Fest steht, die Songs dieser musikalisch einfach unsäglich fitten Bande um Dennis Lyxzén sind heute zeitgemäß wie eh und je. Und ich wage zu behaupten, dass der Sound dieser 15 Jahre alten Scheibe innovativer klingt als vieles, was letztes Jahr veröffentlicht wurde.

Mumford & Sons, die seit ihrem Mega-Erfolgsalbum „Sigh No More“ so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner von Millionen Musikfans fast aller Genres geworden sind, liefern trotz gipsbearmtem Marcus Mumford tadellose Shows ab. Scheißegal, dass sie inzwischen Mainstream sind, sie sind einfach verdammt gut, und treffen mit ihrer ehrlichen, leicht nostalgischen und einfach so schön mitsingbaren Musik wohl einen Nerv. Wirklich eine prädestinierte Festival Band. Seit Erscheinen des sehnsüchtig erwarteten Nachfolgers „Babel“ im September, dürfte sich wohl schon wieder  jeder vom Skinny-Jeans-Nerdbrillen-Bubi bis zur Charivari-hörenden-Nageldesignerin auf die Open Air Saison 2013 freuen.

Weitere Highlights waren sicher die immer herrlich aufspielenden Sportfreunde Stiller mit einem echt spektakulären Bühnendesign und einer denkwürdigen Charity Aktion für die pfandsammelnden Wasseraktivisten von Viva con Agua. Der minutenlange Becherregen in Richtung Bühne dürfte beim Southside wohl in kürzester Zeit für den Löwenanteil im Spendentopf gesorgt haben. Bravo Buam!

Noch dabei auf Deutschlands Festival-Bühnen waren u.a. Frank Turner, Florence and The Machine, The Stone Roses (ja, die gibt’s noch!), Thees Uhlmann, Justice, Die Antwoord, La Dispute, Hot Water Music, The XX, The Cure, Rise Against, Of Monsters And Men, Bonaparte, Kate Nash, Sigur Ros, Jamie Lidell und Bloc Party.

Wie es weitergeht? „Danke 2012 – Du warst gut zu uns! Pt.2“ gibt’s hier.

Fotos: PR (7), Frank Turner in der Wembley-Arena via facebook.com/frankturnermusic