Six down, six to go – weiter geht’s mit dem Jahresrückblick 2012, immer noch subjektiv, eh klar.

Neben viel Schönem, gabs aber auch Tragisches in diesen Sommermonaten.

Kurz vor Einlassbeginn der Radiohead Show in Toronto stürzt das Dach der Open Air Bühne ein. Große Teile des Equipments sind irreparabel beschädigt, aber neben dem Tod eines Crew-Mitglieds kann das wohl als marginaler Schaden betrachtet werden. Das tragische Unglück veranlasst die Band zu einer Verschiebung aller nachfolgenden Shows in den Herbst.

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Kurz nach der Veröffentlichung ihres grandiosen Doppel-Albums „Yellow & Green“ im Juli verunglückt die Progessive-Metal-Band Baroness mit ihrem Tourbus in England. Nach einem knapp 10 Meter tiefen Sturz ist es praktisch ein Wunder, dass keine Todesopfer zu beklagen sind. Am schlimmsten erwischt es Frontmann und Mastermind John Baizley, der mit schlimmsten Arm- und Beinfrakturen, die Gitarre erstmal für den Rest des Jahres an den Nagel hängen wird.

Ende des Monats schockiert die Nachricht vom plötzlichen Tode des No Use for a Name Sängers Tony Sly nicht nur die Punkrockgemeinde. Zusammen mit seinem besten Kumpel, Lagwagon Frontmann Joey Cape, hatte er kurz vorher noch Shows gespielt. Sly war sicher mit verantwortlich, dass in den 90ern viele Jungs zum ersten Mal eine Gitarre in die Hand genommen und sich die Fingerkuppen blutig gespielt haben. Er wird schmerzlich vermisst werden.

Neue Platten gibt’s von: Japandroids – „Celebration Rock“, The Hives – „Lex Hives“, The Walkmen – „Heaven“, Bouncing Souls – „Comet“, Smashing Pumpkins – „Oceania“, The Gaslight Anthem – „Handwritten“, Frank Ocean – „Channel Orange“

Im August verstört Brian Fallon von The Gaslight Anthem mit bizarren Statements zur Schöpfungsgeschichte. Sein Outing als Kreationist stößt nicht bei allen Fans auf Verständnis. Worauf er nicht unbedingt seine diplomatischste Seite auspackt und sich in zahlreichen Medien regelrecht mit seinen Anhängern anlegt. Vielleicht hätte er seine Energie besser in das im Vormonat veröffentlichte 3. Album seiner Band, „Handwritten“, investieren sollen. Das bleibt nämlich bis auf den Titelsong und das zugegebenermaßen doch ziemlich ordentliche 45 eher hinter den hohen Erwatungen zurück.

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Im gleichen Monat erhält die schreibende Zunft noch Zuwachs von Chuck Ragan und Flo Weber. Während der Hot Water Music Sänger, der angesichts seiner zahlreichen Aktivitäten völlig ohne Schlaf auszukommen scheint, zusammen mit vielen bekannten Musikern eine Art Tourtagebuch mit dem Titel „The Road Most Traveled“ veröffentlicht, schreibt der Sportfreund den Roman „Grimms Erben„, für den die Geschichten der Gebrüder Grimm Pate stehen.

Im August erscheint irgendwie so gar nix gscheids.

September. Die verschobenen Radiohead Shows werden nachgeholt. Bei zwei ausverkauften Konzerten in der Berliner Wuhlheide liefern die Briten, unterstützt von den klug ausgesuchten Caribou als Support, eine wirklich atemberaubende Show. Eine perfekte Songauswahl, so harmonisch als käme alles von einem einzigen Endlos-Album, und genug LED Fläche um ein ganzes Fussballfeld zu pflastern. Alles in allem der Inbegriff von innovativer und inspirierender Musik, so eindrucksvoll auf die Bühne gebracht, dass einfach das Wort „Gesamtkunstwerk“ herhalten muss.

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Muse bringen im gleichen Monat mit „The 2nd Law“ ihr sechstes Studioalbum raus. Nachdem auf dem Vorgänger „The Resistance“ schon erste beunruhigende Tendenzen in Richtung Pathos-Overkill und Pop-Schmonz zu erkennen waren – oh und vergessen wir nicht diesen höchst zweifelhaften Twilight Song im Jahr davor – durfte man gespannt sein. Was soll ich sagen, mein Album wars dann am Ende wirklich nicht und wird’s auch nicht werden. Jungs, ich weiß, ihr wollt euch immer weiterentwickeln, allen zeigen wo der Hammer hängt und irgendwann im Weltraum spielen, aber, nennt mich reaktionär, Songs wie Stockholm Syndrome oder Hysteria sind einfach soviel fetter als der neue Pop-Opern-Wahn. Ok, live wars dann schon wieder ne Schau und zumindest hatte man ein paar Songs zum Bierholen. Trotzdem sollte jemand den Schlagzeuger Herrn Howard noch aufklären, dass rote Spandexanzüge wirklich ausnahmslos an jedem Mann eine Zumutung sind.

Bemerkenswerte Alben im September kommen von Propagandhi mit „Failed States“, in Form des selbstbetitelten Albums von Gallows und Dinosaur Jrs „I Bet On Sky“. Auch Billy Talent hat mit „Dead Silence“ was neues am Start und The XX veröffentlichen mit „Coexist“ endlich ihr sehnsüchtig erwartetes 2. Album.

Auch die deutschsprachige Musik hatte 2012 ein gutes Jahr. Casper nahm den Hype aus 2011 mit rüber und zog gleich noch Kraftklub und die Kollegen von Vierkanttretlager mit. In Herrn Griffeys Kielwasser schwamm sich dann auch noch der Maskenmann Cro zum Liebling der Kiddies und durfte sogar bei „Wetten Dass..?“ auftreten. Naja, den hätts jetzt nicht ganz so dringend gebraucht, aber gut.

Im Oktober krachts dann aber nochmal ordentlich. Die Hamburger Kombo Captain Planet veröffentlicht mit „Treibeis“ ihr 2. Album, und trittn gar virtuos in die Fußstapfen der wunderbaren Turbostaat. Wer sich erst an die anfangs vielleicht irritierende Gesangsstimme gewöhnt hat, wird belohnt. Für mich persönlich eine der Entdeckungen des Jahres.

Für wens dann noch ne Ecke lauter und ein bissl mehr präzise formulierte Verachtung sein darf, der ist mit den aus Husum kommenden Frau Potz perfekt bedient. Mit herrlich hysterischem Geplärre wird hier die ganz große Kanne Gesellschaftkritik ausgekippt. Und auch hier gilt, wer die erste Minute durchhält, will mehr davon!

Der systematische Irrsinn und Oberhammer  kommt aber in Form von Fraktus. Im Film-Trailer huldigen deutsche Musikgrößen von Jan Delay bis H.P. Baxxter den eigentlichen Begründern des deutschen Techno. Alles entpuppt sich als der neueste Coup der berufsgestörten Studio-Braun Kollegen Strunk, Palminger und Schamoni. Der Film startet im November und wird schnell zum absoluten Hype während parallel die Musikvideos der Band aus den 80ern erscheinen und schon die Comeback-Tour der gealterten Fraktus-Formation angekündigt wird. Mit Song-Perlen wie „Affe sucht Liebe“, „Jagt den Fuchs“ und „Kleidersammlung“ ist sicher, die Musikgeschichte muss tatsächlich neu geschrieben werden. Wer war noch mal Kraftwerk?

Was kommt noch raus: …And You Will Know Us By The Trail Of Dead – „Lost Songs“, Benjamin Gibbard – „Former Lives“, Tame Impala – „Lonerism“, Bob Mould – „Silver Age“

Bei den Grammy Nominierungen im November werden auch einige unserer Lieblinge bedacht. Man darf gespannt sein, ob z.B. die Black Keys oder Mumford & Sons ihren Kaminsims bald mit dem ein oder anderen Gold-Grammophon schmücken dürfen. Beide sind in je 6 Kategorien nominiert. Insgesamt sind diesmal erstaunlich viele gute Bands und Musiker dabei. Vielleicht ein Silberstreif am Horizont, der bisher eher mit unvermeidlichen Ärgernissen aus dem Mainstream-Radio bevölkert war. Hoffen dürfen diesmal also auch noch Frank Ocean,  Jack White, Alabama Shakes, The Lumineers, Florence & The Machine, Bruce Springsteen, Björk und die Chemical Brothers. Im Februar sind wir schlauer, da geht’s in LA zur Sache.

Die Platte des Monats (für nicht wenige sogar des Jahres) ist „Koi No Yokan“ von den Deftones.

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Dezember. Die Black Keys kommen nach der Tourabsage des letzten Jahres endlich Ende des Jahres nach Deutschland. Nicht nur gefühlt haben sie ein paar Venue-Größen übersprungen und so sind allesamt erwartungsfroh oder skeptisch, wie sich das Duo in der nicht gerade einfach zu spielenden Olympiahalle in München machen werden. Natürlich funktionieren sie in kleinen Clubs und Kaschemmen, aber es ist erstaunlich wie es diese 2 Jungs, die einen Teil des Sets tatsächlich auch zu zweit bestreiten, schaffen, die Halle auszufüllen. Die Show verzichtet bis auf ein paar Videoelemente größtenteils auf effektheischenden Schnickschnack. Sie sind eben geniale Musiker, und das muss reichen. Tut es auch. Aber als am Ende der Show zwei überdimensionale Discokugeln übers Publikum herunterfahren, da schrumpft die riesige Halle auf einmal für einen Song kuschelig zusammen und kurz sind wir doch dort – im kleinen Club.

Im Dezember haut man uns bekannterweise alles von der Special-Special-Edition bis zum alljährlich neuaufgelegten Weihnachtswerk der Kollegen Boublé und Cicero um die Ohren aber leider meist keine ordentlichen neuen Alben. Aber den neu gefüllten Abteilen im im Plattenregal nach zu urteilen, war auch ohne den Dezember ausreichend sehr gutes bis exquisites Material dabei.

In diesem Sinne, große Vorfreude auf alles, was uns 2013 erwartet. Das Jahr ist jung und wir sind gespannt!

„Danke 2012 – Du warst gut zu uns! Pt. 1“ gibt’s hier.

Fotos: Chrissy Piper, PR (3)