Am Anfang war es ein diffuses Gerücht, dann kam der erste Filmtrailer, schließlich ein Album und am Ende gab’s sogar Tourtermine. Der Wahnsinn war vom Gaga-Trio Studio Braun systematisch durchgeplant und hat funktioniert! Die letzten Monate des Jahres 2012 standen unter dem Zeichen des gefakten Popkultur-Phänomens. Mit „Fraktus“ muss wohl wirklich das letzte Kapitel der Musikgeschichte neu geschrieben werden. Wir konnten dem Live-Spektakel am Freitag Abend in München beiwohnen und sind immer noch voll drauf!

artikelEs ist erstaunlich voll an diesem Abend im Freiheiz an der Donnersbergerbrücke, das Publikum illuster. Pärchen mittleren Alters,  die Kernzielgruppe in den 80ern, neben elitären Möchtegern-Berlinern mit Palminger’s Alter Ego Bernd-Wand-Gedächtnis-Frisur. Dazu ein Haufen ambitionierte Konzertgänger, die sich das einfach anschauen müssen, ein paar junge Hipster, und hier und da ein waschechter Computer-Freak. Dass die Band den ganzen Humbug rund um Fraktus und ihre erfundene Geschichte konsequent durchzieht, wird schon im Foyer klar. Neben dem üblichen Merch aus T-Shirts und Platten, sind nämlich auch echte Raritäten im Angebot, darunter streng limitierte Tourplakate aus den 80ern.

Daneben gibt’s am Infostand von Die Partei (Titanic Gründer Martin Sonneborn zeichnet dafür verantwortlich) gleich noch erfrischende Polit-Parolen vom Kaliber „Piraten zurück nach Somalia“. Äh, ja.

fraktus1Das Ambiente in der Freiheizhalle kann eigentlich nur entfernt als industrial bezeichnet werden, aber ehrlicherweise funktiniert das alles hier richtig gut, wie man noch sehen wird. Als Intro gibt’s nochmal den Fraktus Filmtrailer. Die Menge wird eingepeitscht von den euphorischen Statements deutscher Musikgrößen wie Stefan Remmler, H.P Baxxter und der Formel Eins Ikone Peter Illmann. Alle liegen Fraktus, diesen visionären Wegbereitern des deutschen Techno, zu Füßen. Die ersten johlen schon jetzt. Dann betreten Bernd Wand (Jaques Palminger), Dickie Schubert (Rocko Schamoni) und Thorsten Bage (Heinz Strunk) die Bühne. Irgendjemand hat ihnen im Hobbykeller aus ein paar Metern Leuchtschlauch, Schweißermasken und Air Force Overalls ganz erstaunliche Bühnenoutfits zusammengebastelt. Sehr gut sehen sie aus!

Ab jetzt geht’s für gut 90 Minuten ins musikalische Absurdistan. Ein wilder Mix aus Retro-Techno-Pop-Elektro drückt aus den Boxen. Wenn Palminger, das selbsternannte Fleischpüppchen der Liebe, nicht mit einer Neunschwänzigen Katze auf ein minimalistisches Drum-Set einpeitscht, frickelt er an etwas herum, das einer Mischung aus Laserschwert, Super Soaker und Riesentaschenlampe mit Saiten wohl am nächsten kommt. Daneben kümmert sich Schamoni schwerpunktmäßig um den Gesang. Mal au nature, mal wüst verzerrt oder via Megaphon. Dazu schrubbt er massenweise irre Synthie-Sounds. Strunk hackt entweder auf einem Umhängekeyboard wie von Sinnen oder haut auf seiner Querflöte (!) Hitmelodien am laufenden Band raus. Der Jethro Tull des Techno.

fraktus2Das Set ist von vorne bis hinten spitze und man muss zugeben, so gut hatten wir uns das alles echt nicht vorgestellt. Es ist tatsächlich bei aller Verspultheit musikalisch top, ein Riesenspaß und extrem kurzweilig. Wie angenehm es doch ist, wenn sich Musik, und diejenigen, die sie machen, mal nicht ganz so ernst nehmen.  Highlights sind auf jeden Fall „Jagt den Fuchs“, „Affe sucht Liebe“ und die Psycho-Polka „All die armen Menschen“. Auch der Fraktus-Signature-Scat „O-O- oÄo“ wird ausgiebig eingebaut und vom Publikum brav mitgegrölt.

Gespielt werden noch „Bombenalarm“, an dessen komplexem Text Thorsten Bage nach eigener Auskuft „zum Teil jahrelang geschraubt hat“, „Pogomania“,  „Kleidersammlung“ (Gimme your old Clothes!), „Mann“, „Supergau“ und „Untergund“. Einfach einmal das ganze Greatest Hits Album „Millenium Edition“ durch. Zwischendurch kommt es mit Strunks stuntmäßiger Solo-Performance der Euro-Trash-Nummer „The Vengabus is Coming“ fast noch zum bandinternen Eklat. Aber ehrlich, sowas primitives hat ja wohl auch gar nichts in einem Set voller Hochkaräter verloren.

Als stimmungsvolle Untermalung gibts auf der Leinwand im Hintergund wunderschön pixelige Animationen, gesellschaftskritische Buzz-Word-Orgien oder verträumte Bildcollagen mit Einhorn, Tiger und vielen Sonnenuntergängen. Choreografisch lassen sich die Herren nicht lumpen. Auch wenn man ihren ausgeklügelten Posen mitunter anmerkt, dass sie in ihrem Alter hier und da „ein bisschen Rücken“ haben.

Am Ende gibt es mit dem Studio Braun Klassiker „Computerfreak“ noch den weltweit einzigen Techno-Acapella-Kracher, den Palminger zur Feier des Abends mit virtuos platzierten Vocal-House Elementen aufpimpt. Einfach Wahnsinn.

Wer nicht dabei war, wird es sich beim besten Willen nicht vorstellen können, was da alles zur Aufführung gebracht wurde. Für viele Beschreibungen müssten wahrscheinlich die passenden Wörter noch erfunden werden.

Mal sehen, was nach der Comeback-Tour noch kommt, vielleicht ein paar Festivals? Wir würden in der ersten Reihe stehen. Und auch wenn „Fraktus“ jetzt doch nur kurz wieder auf der Bildfläche erscheinen sollten, die 3 berufsgestörten Herren, haben mit Studio Braun sicher schon wieder den nächsten Irrsinn in Planung.

 

Fotos: PR, super iPhone Fotos von Lisa & Mike