Ein Doppelalbum also. Nicht wenige Bands haben sich mit dem ambitionierten Unterfangen gleich 2 vollwertige Platten in einem Rutsch aufzunehmen schon verhoben. Wenn dann noch der Stempel „Konzeptalbum“ dazukommt, treibt es meistens Fans und Skeptikern gleichermaßen die Sorgenfalten auf die Stirn. Nicht so bei Biffy Clyro. Wer sich bereits ein bisschen mit dieser Band beschäftigt hatte, wusste, dass die drei Schotten das Zeug haben, auch so ein Mammutprojekt zu stemmen. Was Biffy Clyro am Ende  mit „Opposites“ abliefern, ist schon fast frech. Wo soll das noch hinführen?

Biffy Clyro sind eine dieser Bands, die sich ihren Erfolg verdammt hart erspielt haben. Sänger und Gitarrist Simon Neil und die Zwillingsbrüder Ben und James Johnston an Bass und Schlagzeug kennen sich seit der Schulzeit, machen zusammen Musik seit sie 14 sind. Von Papa Johnstons Garage wo alles anfing, über die Auftritte auf Schulpartys und in Jugendzentren, irgendwann in kleine Clubs in der Umgebung war es ein langer Weg. Bis es die Kunde davon, dass sich da auf der Insel was ziemlich interessantes zusammenbraut auch aufs europäische Festland schaffte, dauerte es mal locker bis ins 10. Jahr der gemeinsamen Bandgeschichte. Nach ersten Konzerten in Clubs folgten schnell die 500-1.000er Locations und auf einmal waren da Support-Auftritte für Stadionshows der Foo Fighters und Muse. Die Maschine war endgültig ins Rollen gekommen. Mit ihrem letzten Album „Only Revolutions“ waren Biffy Clyro dann fast eineinhalb Jahre auf Tour. Den kleinen Clubs waren sie spätestens da entwachsen, spielten 2010 sogar eine eigene Headliner Show in der ausverkauften Wembley Arena. Die bei diesem Konzert entstandene Live-DVD ist jetzt schon ein Klassiker.

Biffy_Clyro_New_Press_Picture_08

 

Vorgeschichte – die letzten beiden Alben

Mit ihrem vierten Longplayer „Puzzle“ aus dem Jahr 2007 – sicher das Schlüsselalbum der Band, das heute noch für den Großteil der „alten“ Fans als Maßstab für alles Folgende herhalten muss – war klar, die drei sind zu Großem fähig. Diese Platte war wie ein Urknall für das Phänomen Biffy. Was auf dieser Platte an roher und gleichzeitig songwriterisch ausgeklügelter Rockgewalt geboten war, hat viele umgehauen. Drei Mann, drei Instrumente, ein bisschen Beiwerk – mehr war da nicht nötig für eine der besten Rockplatten der näheren Vergangenheit. Beim Folgealbum „Only Revolutions“ war der Druck entsprechend groß. Nicht weniger groß war die Entrüstung vieler „Old-School-Fans“ als sich die Band erdreistete kein zweites „Puzzle“ abzuliefern. Eindeutig poppige Tendenzen hatten in den hochintelligenten „In Your Face“-Gitarrensound Einzug gehalten, die Songs mit ihren bisher eher vertrackten Rhytmusstrukturen und Tempowechseln waren zugänglicher geworden. Manche hatten sogar Radio-Hit-Potenzial. „Only Revolutions“ wurde ein riesiger Erfolg und spätestens jetzt war klar, diese Band mit dem seltsamen Namen musste man auf dem Schirm haben.

 

„Opposites“ – Gruppentherapie und Größenwahn in Albumform

Booklet · T0002Wenn der Druck nach „Puzzle“ groß war, war er nach „Only Revolutions“ enorm. Das ausgedehnte Touren, plus das ein oder andere ernste persönliche Problem der Bandmitglieder führte dazu, dass sie sich entfremdeten, eine Pause brauchten voneinder. Sie mussten sich um sich selbst kümmern, bevor sie sich wieder um Biffy Clyro kümmern konnten. In der Making-of-DVD, die mit der Limited Edition Box von „Opposites“ zu haben ist, sagt Neil, es wäre mit das Furchterregendste gewesen, was er bisher erlebt hat. Die Johnston Zwillinge sind auch seine Brüder, er hatte sich in ihrer Nähe immer am wohlsten gefühlt. Wenn sie nicht zu dritt unterwegs waren, fehlte etwas. Auf einmal war das Gegenteil der Fall, er wollte sie einfach nicht um sich haben.

Auch deswegen hat „Opposites“ sicher etwas von einer musikalischen Gruppentherapie. Die drei rissen sich zusammen und beschlossen die Nummer durchzuziehen. Nicht nur eine neue Platte aufzunehmen, sondern gleich ein Doppelalbum. Die erste Platte  „The Sand at the Core of Our Bones“ sollte sich mit den vergangenen Problemen beschäftigten, mit dem Tief, durch das sie als Band gegangen waren, aber auch allem, was sie als Menschen und Band bis hierhin definiert hatte. Die zweite mit dem Titel „The Land at the End of Our Toes“ sollte ein optimistischer Blick in die Zukunft werden. Ein Zeugnis für die vielleicht kitschig klingende, aber einfache Wahrheit, dass man es zusammen schaffen kann, wenn man zusammenhält und schätzt, was man aneinander hat.

Aus dem klimatisch rauhen Schottland reisten sie ins sonnenverwöhnte Kalifornien. Good Vibes, Sonne und ein Haufen freundliche Kalifornier sollten den Grundstein bilden für die dringend notwendige Wohlfühlatmosphäre. Fünf Monate blieben sie in L.A. und Santa Monica um an der Platte zu arbeiten. Dabei blieben sie einmal mehr ihrem Produzenten Garth Richardson treu, der auch schon für die beiden Vorgängeralben verantwortlich war. Verstärkung holten sie sich noch von den beiden Komponisten Clint Mansell und David Campbell. Erster zeichnet verantwortlich für diverse recht progressive Arthouse-Film-Scores (u.a. Requiem for a Dream, The Wrestler oder Moon) während der zweite eher in klassischen Gefilden unterwegs ist und schon Songs für einen Großteil vergangener und aktueller Rock- und Popgrößen von Dolly Parton über Aerosmith bis Jimmy Eat World orchestriert hat.

Dazu haben sie ein wahres Sammelsurium an Belgleitinstrumenten im Gepäck. Ob Harfe, Mariachi-Bläser, eine Kazoo-Symphonie oder Steptänzer (!) – sie packen so viele musikalische Finessen in ihre Songs, dass es wirklich mehrere Durchgänge braucht bis man das alles erfasst hat. Selbst nach einer Woche Heavy Rotation stößt man immer noch auf neue Details. Spätestens die Kirchenorgel schreit dann eigentlich endgültig „Achtung Größenwahn!“. Aber es greift alles so unglaublich gut ineinander, dass man sich fragt, warum das vorher noch keiner ausprobiert hat.

Die Basis dafür, dass das alles so hervorragend klappt, ist sicher das unglaubliche Songwriter-Talent von Sänger, Gitarrist und Mastermind Simon Neil. Nach eigener Auskunft hat er für die Platte 45 Songs geschrieben und das in einem Zeitraum von nur sechs bis acht Wochen. Nur die wirklich besten haben es auf das Doppelalbum geschafft. Ein paar werden noch für B-Seiten der Single-Auskopplungen herhalten, der Rest kommt in die Tonne. Neues Album, neue Ideen. Da wird nichts recycelt. Eine Songmaschine der Mann.

The Sand At The Core Of Our Bones

Der Opening Track des ersten Albums „Different People“ beginnt dann auch direkt mit besagter Kirchenorgel und scheint allen Ernstes eine Ballade zu sein. Mutig. Aber spätestens zur Hälfte des Songs, als die Gitarre einsetzt und gleich mal zu Anfang klarmacht, wo hier riffmäßig wieder der Hammer hängt, steht fest: Der Titel „Opposites“ ist Programm. Direkt dieses erste Lied entwickelt im zweiten Teil ein echt unverschämtes Ohrwurm-Potenzial. Dazu ist es mit seinem spannenden Aufbau gleich der prädestinierte Opener für die kommenden Live-Shows. Mit „Black Chandelier“, das ja bereits vorab als zweite Single ausgekoppelt wurde, folgt ein recht klassischer Song. Fast ein bisschen tiefgestapelt, bei all dem Bombast, den die Platte sonst so zu bieten hat. Aber gerade deshalb auch wieder sinnig. Mit „Sounds Like Ballons“, seinem Mörderriff und einem Monster-Mitsing-Chorus sowie der wunderschönen Ballade „Opposite“ hat das Album so etwas wie ein neues „Bubbles“ und „Many of Horror“.

biffy_liveDie Texte sprechen bis hierhin eine eindeutige Sprache und manchmal tut es fast körperlich weh, was Neil da auspackt. „You left my heart like an abonded car/ old and worn out no use at all“ heißt es da, oder  noch expliziter „I can’t stop bleeding here/ can you suture my wounds“. Daneben dann Passagen wie „Ancient Rome, we built that fucker stone by stone/ our fingers bled our feet were worn/ but we stood strong and carried on“. Es geht hier nicht nur um Verlustängste und Trauer sondern auch ums bildliche Zähne Zusammenbeißen. Da kann man dann auch schonmal Gottes Plan in Frage stellen, wie im folgenden „The Joke’s On Us“, wieder so ein Hit! Bei „Biblical“ wird dann endgültig die ganz große Pomp-Kanne ausgekippt – hier drückt neben einer Streicherformation sogar ein ganzer Chor aus den Boxen, ordentliche Mitsing-Woohooos am Songende inklusive. Sicher hätte der Song auch als abgespeckte Gitarrenversion funktioniert, aber ganz ehrlich, die Gänsehaut, die einem dieser Über-Refrain über den Rücken jagt, hätte es dann nicht gegeben. Die Refrains dieser Platte sind in der Tat unfassbar. Dave Gohl hat einmal gesagt „Wenn du glaubst einen großen Refrain geschrieben zu haben, schmeiß ihn weg und schreib einen noch größeren.“ Diesem Credo scheint auch Neil zu folgen. Ob wissentlich oder unwissentlich. Es ensteht wirklich der Eindruck, jeder Song wolle den vorigen mit einem noch besseren Refrain einer noch fetteren Hookline übertrumpfen.

„A Girl and His Cat“ paart Synthies mit einem weiteren Hammer-Riff und zieht ordentlich an Tempo an. „Little Hospitals“ ist dann eher ein Old-School-Biffy-Song: verschrobene Gitarre, fetter Basslauf, hämmernde Drums, sonst nichts. Naja fast. Denn einen kleinen Spaß erlaubt man sich dann auch hier mit den Kazoos und ein bisschen verstecktem Xylophon-Geklimper. Dazwischen wirds mit „The Fog“ erstmal gewöhnungsbedürftig. Der Song ist mal so gar nicht Biffy Clyro Style. Ein bischen New Age, ein bisschen Akte X und Neil schraubt seine Singstimme mal locker eine Oktave höher. Nichtsdestotrotz kann man sich dem seltsamen Reiz dieser Nummer nicht entziehen. Nur an den wirklich schrägen, dissonanten Synthie-Part, der die Strophen trennt, kann man sich schwer gewöhnen. Wobei auch der am Ende Sinn macht, wenn der Song in einem infernalen Elekro-Synthie-Nebel verschwindet. Das Schlusslied der ersten Platte „The Thaw“ kommt dann nochmal richtig episch daher. Dem leicht countrymäßigen Beginn folgen wieder Orchester, mehrstimmiger Gesang und ein versöhnliches Finale, das schon einen ersten stimmungtechnisch optimistischen Ausblick auf das Thema der 2. Platte gibt. „Please believe in me, like I believe in you/ it’s the only thing to see us through“. Wir tun’s gern!

The Land At The End Of Our Toes

Der Opener der zweiten Platte ist das bereits als erste Single erschienene „Stingin Belle“. Beim ersten Mal Hören vielleicht ein wenig spröde. Aber kaum hat man den Gedanken gefasst, setzt der Dudelsack ein, und da ist er wieder, dieser Moment, wenn alles Sinn macht. Und ehrlich, es war auch Zeit für ein ordentliches Dudelsack Solo. Biffy Clyro widmen ihrem National-Instrument mal eben den halben Song (zumindest in der Albumversion des Songs). Sauber. Mit „Modern Magic Formula“, „Spanish Radio“ und „Victory Over the Sun“ kommt dann ein brutaler Hattrick daher. Sicher drei der besten Songs des Albums. Der erste wieder alter Biffy-Style. Andauernde Taktwechsel und ein unorthodoxer Aufbau. Gerade wenn man zum vermeintlichen Ausklang des Songs Luft holt, wird nochmal gnadenlos rausgehauen. „Spanish Radio“ ist dann einer der verspieltesten Songs der Platte, wahrscheinlich sogar der Bandgeschichte. Die Mariachi-Bläser sind bei den Aufnahmen am für dieses Genre völlig unüblichen 5/4 Takt schier verzweifelt. Die Nerven aller mussten am Ende der Session mit ordentlich Tequila beruhigt werden. Neil ist zurecht stolz auf diesen Song, den er persönlich für einen der besten hält , die er je geschrieben hat. Denn wenn man am Anfang noch denkt „Jetzt sind sie völlig übergeschnappt“, groovt sich die die ungewohnte Soundmischung fast beängstigend schnell ein um am Ende eine Wendung zu nehmen, die zu Beginn beim besten Willen keiner erwartet hat. Ein großartiges Stück. Mit „Victory over the Sun“ beschließt der vielleicht beste Song des Albums dieses Trio. Dieses Riff ist ein akustischer Virus, im besten Sinne, den kriegt man schon nach dem ersten Mal hören nicht mehr aus dem Kopf. Und wieder kombiniert man zu dieser knackigen Gitarrenmelodie Streicher.

biffy_live2Diese clevere Instrumentierung macht jeden Song spannend. Mal ist sie sehr subtil oder auch so vielschichtig, dass man im ersten Moment gar nicht versteht, was das Ganze gerade so besonders gut macht. Wirklich oft werden Streicher eingesetzt. Das kann auch schief gehen, wenn man damit nur eine platte Instant-Aufhübschung bezweckt, die den Song in erster Linie aber schön langweilig macht. Laut Neil geht es ihnen nicht darum einfach diesen „Pretty Button“ zu drücken, sondern die Arrangements clever einzusetzen. Das ist ihnen extrem gut gelungen. Nichts ersäuft unter einem Geigen-Zuckerguss, sondern die Kerninstrumente Bass, Schlagzeug und Gitarre sind durchgehend die Stars und Richtungsgeber. Allen voran die Gitarre. Neil ist ein wahrer Meister. Auch wenn seine Melodien zum Teil nicht mehr ganz so herausfordernd sind, wie noch zu Biffy Clyros Anfangszeit als wegweisende Art- oder Progrock Band, wo man bei jedem zweiten Song seine Mühe hatte die Eins im Takt zu finden, so offenbart sich mit der neugewonnenen Offenheit auch eine neue Stärke.

Sie können inzwischen einfach alles. Mit dem folgenden „Pocket“ ist ihnen nun auch noch ein wirklich leichtfüssiger, Feel-Good Indie-Rocksong gelungen, für den Jimmy Eat World wahrscheinlich inzwischen ihre Großmutter verkaufen würden. Schon fast ein bisschen unfair.

„Trumpet or Tap“ kommt dann zunächst im Blues Gewand daher bevor sich der Chorus zu hymnischen Gruppengesängen aufschwingt, und „Skylight“, wieder eine Zusammenarbeit mit Mansell, erinnert ein wenig an „Behind Blue Eyes“ von The Who, das auch von Limp Bizkit schonmal verunstaltet wurde. Elektronischer als hier wirds nicht mehr. Sogar ein Drumcomputer kommt zum Einsatz. Beschlossen wird die zweite Hälfte mit drei Songs, die ungewohnt viel Pop-Appeal haben. „Accident without Emergency“ ist vielleicht einen Tick zu brav geraten, aber bei „Woo Woo“, sind sie wieder voll da. Auch hier hat man schon wieder den Stadionchor im Ohr. Beim Schlusssong „Picture a Knife Fight“  schließt sich der Kreis, sowohl inhaltlich als auch musikalisch. Wie schon im Opening Song der ersten Platte ertönt die Kirchenorgel, wenn auch hintergründiger, und wie könnte man die Mission des kompletten Albums besser zusammenfassen als mit der letzten Zeile dieses finalen Songs: „We got to stick together/We got to stick together“. Amen.

biffy_opposites

Großes gewagt und gewonnen

Das Album ist ein Kraftakt gewesen. Das Making Of Video lässt nur erahnen, mit wieviel Hingabe, Herzblut und Aufwand diese zwei Platten entstanden sind. Sie haben es sich nicht leicht gemacht, haben Großes gewagt und gewonnen. Manchmal ist Größenwahn wohl auch gesund. Neil sagt aber auch, dass dieses Album das Ultimum ist, was im Kontext dieser Band zu leisten ist. Wer also für das Folgealbum ähnliches erwartet, darf jetzt schon umdenken. Ab sofort kann Weiterentwicklung nur noch Reduktion heißen. Was uns aber keineswegs beunruhigen sollte. Schließlich sind die großartigen frühen Alben der Band der beste Beweis, dass sie auch in dieser Disziplin Meister sind.

Bis es soweit ist, dürfen sich die Bands mit dem Headliner-Abo schonmal warm anziehen. Vielleicht sind sie es, deren Stirn sich am Ende in Sorgenfalten legt. Biffy Clyro spielen mit Muse in den USA jetzt nochmal die ein oder andere Support-Show auf deren gigantischer Stadiontour. Dann dürfte es mit ihnen als Vorband endgültig vorbei sein. Die Foo Fighters haben ja eine Pause auf unbestimmte Zeit angekündigt… Ein Platz wäre also schonmal frei. Jemand der mit ziemlicher Sicherheit eines der besten Doppelalben der jüngeren Rockgeschichte abgeliefert hat, hat absolut Anspruch darauf.

 

„Opposites“ von Biffy Clyro ist erschienen am 28.01.2013 Warner Music

Bilder: PR, www.facebook.com/biffyclyro (2)