Hits, Hits, Hits. Das war unsere einhellige Meinung nach der Show, die die beiden Quin-Schwestern beim Hurricane Festival 2010 abgeliefert hatten. Ordentlich Hit-Potential werden viele sicher auch ihrem neuen Album „Heartthrob“ attestieren. Die Schnittmenge der Fans von damals und heute wird aber nicht allzu groß sein. Zumindest dürfte das Album polarisieren, und zwar ordentlich.

2010 auf dem Hurricane hatten sie den Slot vor ihren kanadischen Landsmännern, den Indie-Rock-Ikonen von den Weakerthans und waren – trotz gerade überstandener Lebensmittelvergiftung – ganz und gar großartig. Die Platzierung im Line-Up absolut stimmig.

Das würde mit dem aktuellen Album so nicht mehr passieren. Da hätte man sie wohl eher vor Bands wie FUN. auftreten lassen. Oh, Moment, das passiert ja in der Tat gerade! Die Mädels waren zuletzt mit den inzwischen völlig überflüssigen Killers auf Tour und sind im Sommer tatsächlich auch mit der für uns nicht nachvollziehbar Grammy-geadelten Kombo FUN. unterwegs.

Tegan_And_Sara_New_Press_Picture_895Man kann es ihnen ja nicht verübeln, dass sie nach so vielen Jahren als Band nach größerem Streben, auch ein Stück abhaben wollen vom Kuchen. Raus aus dem Indie-Club, rein in die Rollschuhdisko, so scheint zumindest die einfache Rechnung zu lauten. Warum nicht in der Bugwelle des gerade allgegenwärtigen Erfolgsphänomens Elektro-Pop? Da geht schließlich was! Wahrscheinlich werden sie durchaus populärer sein, mit der neuen Schiene. In den USA kommt das gerade super an. Um ihre bereits Ende 2012 erschienene Single „Closer“ zu promoten, waren sie schon in jeder respektablen US-Talk-Show von Letterman über DeGeneres bis O’Brien zu Gast. Aber dafür wirklich komplett die Gitarren opfern? Die tragen die beiden nämlich nicht mehr selber, sondern haben sie eine Reihe nach hinten gereicht. An die  Backing Band. Hören tut man sie auch dort nicht so recht. Keyboards überall, totaler Synthie-Overkill, Drumcomputer-Terror, dazu noch massenweise Background Schallallas.

Im Ernst, Mädels? Ihr hattet fast sowas wie ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem was ihr bisher gemacht habt. Ihr konntet rockig bis punkig (The Ocean, Hell, Northshore), liebenswert verschroben (I Was Married), dazu perfekte Indie-Pop-Perlen (Walking With A Ghost, The Cure) und ganz wunderbare Akustik-Cover von „Bad Religion“ (Suffer) bis „Bruce Springsteen“ (Dancing In The Dark).

Jetzt tut man sich schwer die Songs überhaupt irgendwie differenziert zu beschreiben. Mit der überdrehten, kaugummi-klebrigen Single-Auskopplung Closer fängts an, mit dem etwas düsteren Depeche Mode inspirierten Shock To Your System (hätte als Titeltrack auch gepasst) hörts auf. Dazwischen? Nun ja, wenig abwechslungsreiches.

Irgendwie ungut fühlt man sich an die Entwicklung von Dover erinnert. Von der ehemals straighten Grunge-Rockband, die sich weder besonders gut bewegen konnte, noch besonders gut angezogen war, wurden die Spanier 2006 praktisch über Nacht zur von Stylisten und Produzenten gleichermaßen aufgepimpten High-Gloss-Retorten-Variante ihrer selbst. Aus den Boxen quietschte statt schreddernder Gitarren plötzlich ein grusliger Plastik-Sound, zu dem die generalüberholte Band perfekt durchchoreografiert die neonfarbene Bühnendeko durchschritt.

Ganz so schlimm ist es bei Tegan & Sara nicht. Da kommt die Entwicklung schon etwas nachvollziehbarer daher. Es wurden schon immer, zumindest aber seit „The Con“ (2007), fleißig Synthesizer & Co eingesetzt und sowohl Frisur als auch Outfit saßen schon immer einwandfrei. Auch wenn jetzt etwas mehr Ballonseide und Rouge im Spiel ist. Dazu hört man auch den aktuellen Songs an, dass es grundsätzlich gutes Material ist. Feines Songwriting. Auch die Texte sind jetzt nicht auf einmal Bieber-Kaliber, sondern immer noch voll ehrlich empfundenem Herzschmerz. Leider ersticken die schönen Melodien und Texte völlig in den künstlichen Arrangements. Die trotzigen, manchmal leicht quäkigen, aber immer unverwechselbaren Stimmen der beiden Quins kamen, v.a. bei den zweistimmigen Parts, auf den Vorgänger-Platten viel besser zur Geltung. Auch diese hatten schon starke Elektro-Tendenzen, und waren keineswegs unpoppig. Aber unter dem Pop-Puderzucker waren Gitarre, Bass und Schlagzeug die maßgeblichen Zutaten. Ein schöner Kontrast und eine spannende Mischung. Diese Platte hat einen so übergroßen Einheits-Elektro-Pop-Stempel, da ist kein Platz für Stilmix.

Ich mag Tegan & Sara und habe ehrlich Respekt davor, was sie bisher abgeliefert haben. Sie werden viele neue Fans gewinnen mit diesem veränderten Sound, und sicher hat das, was sie hier machen seine Daseinsberechtigung. Aber leider nicht in meinem Plattenschrank.

 

 

Auf  www.teganandsara.com könnt ihr „Heartthrob“ komplett im Stream hören.

Das aktuelle Album von Tegan & Sara „Hearthrob“ ist am 08. Februar bei Warner erschienen.

 Foto: PR