Alt-J sind ein Phänomen. Vier Studenten treffen sich an der englischen Leeds University. Sie mischen mal eben gefühlt jeden aktuell angesagten Musikstil so zusammen, dass es unfassbar gut klingt und stauben mit ihrem ersten Album ganz nebenbei den renommierten Mercury Prize ab. Von 0 auf 100 sind sie mit ihrem cleveren Indie-Folk-Synthie-Pop zum Liebling von Hipstern und Kritikern gleichermaßen avanciert.

Klingt alles ziemlich elitär und durchkonzeptet. Ein Dreieck, das griechische Zeichen Delta, Symbol für Veränderung, muss gleichermaßen als Bandname und Logo herhalten. Im Bandnamen aber dargestellt durch die entsprechende Tastenkombination auf englischen Mac-Tastaturen, eben Alt + der Buchstabe J. Soweit so gut, wir haben es ja hier schließlich mit Akademikern zu tun.

Das erste Album von alt-J "An Awesome Wave" (2012)

Alt-J „An Awesome Wave“ (2012)

Nach ihren Abschlüssen in Englischer Literatur und – wen wundert’s – Kunst, ziehen die vier nach Cambridge, wo sie sich voll in die Musik stürzen und bei Infectious Records unter Vertrag genommen werden. Das Label, bei dem auch Bands wie The Temper Trap, These New Puritans oder Ash’s Tim Wheeler mit seinem Duo Tim & Emmy zuhause sind, dürfte mit Alt-J ihr neues Zugpferd gefunden haben. Ihr Debüt „An Awesome Wave“ erscheint im Mai 2012 und bringt ihnen beim britischen Mercury Prize direkt die Trophäe für das beste Album ein.

Joe Newman (Gitarre/Gesang), Gwil Sainsbury (Gitarre/Bass), Thom Green (Schlagzeug) und Gus Unger-Hamilton (Keyboards) wissen selbst nicht so recht, wie das passieren konnte. Ihre 2012er Shows in England sind wahre Erleuchtungs-Veranstaltungen. Das Publikum ist nicht nur zu 100% textsicher sondern der Band schon jetzt in beinah kulthafter Verehrung ergeben.

Sie treffen mehr als nur einen Nerv. Ihr Album-Debüt ist in der Tat brilliant. Alternative-Art-Pop mit Folk-Anleihen, Hip Hop Beats, ein bisschen Dubstep und Synthie-Spuren. Das Ganze gepaart mit klassischer Instrumentierung und mehrstimmigen Gesangsharmonien. Typisch British? Wohl eher nicht. Aber very sophisticated allemal. Was die Jungs fabrizieren lässt sich schwer vergleichen, könnte sogar genre-definierend werden. Alles was sie da, im wahrsten Sinne des Wortes, zusammenbasteln ergibt ein stimmiges Ganzes, wie stilistisch unterschiedlich die Einzelteile auch sein mögen. Das ist, ob wissentlich oder einfach nach Gefühl, hochintelligent gemacht. Indem sie sich den Schranken bestehender Genres verweigern, haben sie womöglich ganz nebenbei ihr eigenes geschaffen. Trotzdem machen sie bei all dem Anspruch Spaß und die Musik ist absolut zugänglich.

Der Guardian schrieb ungemein treffend: „In another galaxy, the oddly twinkly murder-ballad Breezeblocks, which has the singers squeezing their eyes shut as they cough: „Please don’t go, I love you so,“ would even be a hit single.

Das ganze Album ist wie ein aus Versatzstücken ihrer persönlichen Einflüsse zusammengeklebtes, sehr kleinteiliges Artwork. Nur dass man die Klebekanten dabei nicht sieht. Der schwüle Chillout-Appeal von Tesselate schickt einen für 3 Minuten in einen musikalischen Limbus, Dissolve Me ist die Happy-Pill in Songform und die pure Schönheit von Taro lässt einen fast demütig zurück. Davor pendelt „Fitzpleasure“  zwischen psychodelischem Cowboy-Drum & Bass und filigran instrumentiertem Zwiegesang. Die letzten 30 Sekunden von Blood Flood sind unbezahlbar, wären aber auch nichts ohne den gewissenhaften Aufbau, den die 300 davor geleistet haben. Groß!

Nicht nur wer sich bei Altmeistern des eklektischen Stilmixes wie Radiohead gut aufgehoben fühlt, sollte sich Alt-J unbedingt einmal anhören. So klingt die Zukunft.

Alt-J sind in Kürze auch in Deutschland auf Tour (leider sind, wenig verwunderlich, bereits alle Termine ausverkauft)

21.02. Hamburg – Uebel & Gefährlich

22.02. Köln – E-Werk

23.03. Berlin – Astra Kulturhaus

 

Foto: PR