Dass die Musik der schottischen Post-Rocker Mogwai praktisch prädestiniert ist für Soundtracks, dürfte auf der Hand liegen. Schaffen sie doch mit ihren zu 99% ohne Gesang auskommenden Song-Kunstwerken extrem komplexe und stimmungsvolle Klangwelten. 

Dass ihr aktuellstes Werk „Les Revenants“ nun zur musikalischen Untermalung einer neuen, ebenso betitelten und ziemlich hoch gehandelten Zombie-Serie aus Frankreich dient, mag auf den ersten Blick verwundern. Aber auch nur auf den ersten.

mogwai101007 medMogwai sind soundtracktechnisch kein unbeschriebenes Blatt. Das visionäre Regie-Wunderkind Darren Aronofsky (Pi, Requiem For A Dream, The Wrestler) verpflichtete die Band bereits 2006 zusammen mit  dem Kronos Quartett und Komponist Clint Mansell für den Score zu „The Fountain“ (mit Rachel Weisz und Hugh Jackman). Im gleichen Jahr lieferten Mogwai auch die Filmmusik zu „Zidane – A 21st Century Portrait„, einer Doku über den -inzwischen leider gefallenen – Fussballgott der Franzosen Zinedine Zidane.

Nun also ein neues Kapitel in Sachen Soundtrack. Gute Serien haben Hochsaison, nicht nur in den USA. Europa zieht nach. Anscheinend kriegt es wirklich jede Nation (außer Deutschland) hin, mindestens ein Top-Format abzuliefern. England hat „Shameless“ und „Downton Abbey“, Dänemark „The Killing“, Schweden seine Wallander-Reihe, usw. Nun kommen also auch die Franzosen um die Ecke. Mit einem ziemlich innovativen Zombie-Format. Die 2012 beim Sender Canal + gestartete Fernsehserie „Les Revenants“ basiert auf einem Film mit Namen „They Came Back“ aus dem Jahr 2006 und hat in Frankreich für ein durchwegs positives Medienecho gesorgt. In einer beschaulichen Berg-Stadt gehen umheimlich Dinge vor sich. Auf unterschiedliche Weise zu Tode gekommene Einwohner kehren praktisch unversehrt in die Mitte der Gemeinschaft zurück um ihr Leben wieder aufzunehmen. Aber die Stadt wird von unerklärlichen Phänomenen heimgesucht. Von einer „Auferstehung des Fantasy Genres“ ist da die Rede (Le Monde) oder gar einer Reminiszenz an die mystische Atmosphäre von David Lynch’s Twin Peaks (Libération). Als man Mogwai für den Soundtrack verpflichtete, gab es nur einen vagen Skript-Entwurf, nicht ansatzweise filmisches Material, an dem sich die Band hätte orientieren können. Die Macher zäumten das Pferd von hinten auf – sie wollten sich für die Umsetzung von der Musik Mogwais inspririeren lassen. Auch ein Ansatz.

Les-revenants-serie-canal+Das Ergebnis ist eine weitere große Platte der Band und gar nicht so weit weg von einem klassischen Mogwai Album. Wer die fünf Schotten, aus Glasgow, und ihre inzwischen sieben Studioalben (ohne EPs und Soundtracks) kennt, weiß, dass sie nicht umsonst als eine der definierenden Bands des Post-Rock Genres gelten.

Ihre Musik ist ein magischer Sog aus Rock und Ambient, aus subtil und kraftvoll, düster und naja, nicht ganz so düster, beklemmender Dichte und Schwerelosigkeit, sphärisch und erdig zugleich. Wenn die älteren Alben tendenziell noch mehr in die Magengrube zielten, öffnete man spätestens bei der fulminaten „Hardcore Will Never Die, But You Will“ den Elektronik-Klängen die Türe noch ein ganzes Stückchen weiter.

Auf „Les Revenants“ starten sie ganz sachte. Xylophon, Cello und etwas, das wie ein außer Kontrolle geratenes Metronom klingt machen im Opener „Hungry Face“ den behutsamen Anfang. Doch bereits zur Mitte des Songs stoßen Piano und wummernde Drums dazu – nimmt die atmosphärische Dichte zu. Diese Instrumentierung, ergänzt durch Orgel- und Synthesizer Klänge bestimmt fast nahtlos das ganze Album. Die klassische Mogwai Besetzung ist fast nur unter der Oberfläche zu erkennen. Trotzdem klingt es in jeder Minute nach ihnen. Die Mitte des Albums markiert mit „Special N“ ein Song, der einem fast unbemerkt ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Er fühlt sich an als würden sich -aktuelles Beispiel – nach einem unfassbar langen und trüben Winter endlich die ersten Sonnenstrahlen durch das diesige Dauergrau kämpfen um bis zum Ende des Songs den Tag in wohliges Sonnenlicht zu tauchen.

Nach diesem kurzen Ausbruch bestimmen wieder düstere, sphärische Klänge das Geschehen. „Modern“ kommt dann extrem elektronisch daher, wird aber mit „What Are They Doing In Heaven Today“ von einem neu arrangierten Gospel-Song, inklusive Gesang abgelöst. Das Ende macht mit Wizard Motor“ der Song, in dem man die Band dann vielleicht am allermeisten wiedererkennt.

Erstaunlich ist einmal mehr, wie es die Schotten schaffen, teilweise ganz simple Melodien so wirkungsvoll zu verpacken und uns mit nur 14 Songs durch ein unheimliches Wechselbad der Gefühle zu schicken. Irgendwo schwankt die Platte stets zwischen drohendem Unheil, Hoffnungsschimmer, Klaustrophobie und Erlösung. Dabei riecht die Platte nie platt nach Horror. Das beunruhigende Gefühl schleicht sich eher unterschwellig an. Das Böse kommt halt meist auf leisen Sohlen.

Die Musik von „Les Revenants“ verspricht in der Tat Großes für die Serie. Hoffen wir, dass wir sie auch bald bei uns zu sehen bekommen.

Bis dahin, hört diese Platte, bewusst und laut oder als Hintergundmusik, zum Frühstück, in der Bahn oder auf dem Weg nach Haus, aber hört sie. Sie ist ganz wunderbar.

(Und wenn ihr schon dabei seid, hört bitte auch gleich noch den Vorgänger „Hardcore Will Never Die, But You Will“ und wenn dann noch Zeit ist, das zugehörige Remix-Album „A Wrenched Virile Lore“).

Für Eilige noch Anspieltips auf „Les Revenants“: „Hungry Face“, „Special N“, „Modern“, „Wizard Motor“

Und als Vorgeschmack auf die Serie, hier schonmal der offizielle Trailer (auf Englisch wird das Ganze „Rebound“ heißen), natürlich inklusive der Musik von Mogwai und für alle nicht frankophilen unter uns, inklusive englischer Untertitel.

 

 

„Les Revenants“ von Mogwai ist am 25. Februar 2013 erschienen bei Rock Action

Fotos: PR