Seth und Scott Avett, die Avett Brothers, sind das, was unsere Eltern „gut erzogen“ nennen würden. Sie sind so nett und höflich, dass es einem die Sprache verschlägt. Man kann gar nicht anders, als die beiden schon beim ersten Händedruck zu mögen. Und: Sie haben brav unsere Fragen beantwortet.

Zwischen Soundcheck und ihrem Konzert in der Muffathalle haben sie sich die Zeit genommen, mit uns über Songwriting, Konzerte, ihre GAP-Werbung und North Carolina zu reden. Wie schön, dass es so erfolgreiche wie nette Musiker gibt! Los geht’s, quasi live aus dem Backstagebereich der Muffathalle mit Seth und Scott Avett:

theavettsDas neue Album „The Carpenter“ der Avett Brothers hat ein bisschen was von allem: Bluegrass, Pop, Grunge, Folk, Americana, Pop. Wovon lässt man sich denn bitte bei einer so wilden Mischung inspirieren?
Vom Leben ganz allgemein. Und nein, nicht irgendeines, sondern ihr eigenes Leben. Wieso sollten sie das Leben von jemand anderem neu erfinden, wo doch in ihrem ganz persönlichen auch so viel passiere, das sie zu Songs inspiriert. Das macht vielleicht manchmal verletzlich, aber was soll’s – so ist es halt, ihr Leben. Auf „The Carpenter“ finden sich Songs, die schon etwa sieben Jahre alte Gedankengänge verwerten. Jeder entdecke immer neue Sachen und bastle daraus einen Song: Kinder, eine neue Liebe, ein Sonnenaufgang – zu viele verschieden Dinge, als dass man dafür einen fiktiven Erzähler bräuchte.

Wenn schon so viel Persönliches in den Songs wieder zu finden ist, ist das dann nicht schwer – vor inzwischen so vielen Leuten sein Innerstes auszubreiten?
Das schon, aber es wäre nicht unmöglich, das durchzuziehen. Man brauche einfach immer ein bisschen länger, sich daran zu gewöhnen.

Wie schreiben die beiden Brüder denn ihre Songs?
Normalerweise gibt es keine Formel für ihr Songwriting. Allerdings wären sie vor ein paar Monaten durchaus mal geplant gemeinsam mit Notizbüchern an Seths Küchentisch gesessen und hätten gemeinsam an manchen Liedern gearbeitet. Aber das wäre eher Ausnahme als die Regel und das, was einer richtigen Formel am nächsten käme.

Rick Rubin hat die letzen beiden Platten der Avett Brothers produziert. Der Mann, der die Red Hot Chili Peppers, die Beastie Boys und auch Johnny Cash wieder ganz nach vorn gebracht hat. Wie ist das denn mit so einer Größe im Studio?
Vorab: Die Buben wollen einfach immer nur ein besseres Album als das letzte rausbringen. Daran hat sich auch bei der Arbeit mit Rick Rubin nichts geändert und bei den Aufnahmen zu „I And Love And You“ war ihnen Rubins Präsenz auch nicht so bewusst – das Album und ihre eigene Arbeit daran standen ganz klar im Vordergrund. Die Bands, die Rubin vorher produziert hat, hätten die Avett Brothers schon vorher beeinflusst und deshalb war es für sie irgendwie klar, dass sich ihre Wegen kreuzen und sie gemeinsam mit Rick Rubin arbeiten würden.

Die Avett Brothers haben letzten Herbst eine Werbung für die Bekleidungskette GAP gemacht. Wie kam das denn an – fanden das alle gut oder schrie so mancher Fan auch „Sell Out!“?
Hm, da sind sie sich nicht so sicher. Viele würden einfach die ganze Geschichte zu dem Projekt nicht kennen. Und ganz ehrlich, sie hätten dieses Angebot auch zu Zeiten, als sie noch als Reinigungskräfte in Concord arbeiteten, dankend angenommen. Es war eine Möglichkeit – und wenn man mit der okay ist, dann sollte man die ja auch einfach annehmen dürfen. Ganz abgesehen davon fügt Seth hinzu: „If it is good enough for Willie Nelson, it is good enough for us.“ – Period.

130308steh.de_146Seth und Scott Avett haben vor zehn Jahren noch jeden erdenklichen Job ausgeführt – Reinigungskraft war nur ein Beispiel. Und abends haben sie ganz schön oft in Bars gespielt. Dort hat sie auch Dolph Ramseur von Ramseur Records entdeckt. Haben ihnen denn diese „street corner days“ etwas bis heute mit auf den Weg gegeben?
Na logo, zäh und selbstbewusst haben sie sie gemacht, diese Tage,  und die Erfahrungen wären wichtiger als jeder Erfolg. Es hätte etwas recht Anstrengendes: Damals wie heute machen sie eigentlich einen Handwerksjob  – nur inzwischen eben nicht mehr mit Muskeln und Besen, sondern eher mit anderen Instrumenten. Stärker mache es sie aber allemal, wenn inzwischen eben auch eher innerlich.

Das Banjo hatte bei den Avetts schon immer einen festen Platz in der Band. Eigentlich nicht das Instrument, mit dem man auf Platz Nummer Vier der US-Billboard-Charts klettert. Heute hat aber jede halbwegs anständige Folkband ein Banjo an vorderster Front. Gab es da wohl eine Veränderung in der ganzen Pop-Kultur?
Die grundlegende Frage vor zehn Jahren war: Was kann man mit zwei Stimmen und zwei Instrumenten anstellen? Die Avetts sagen, Langhorne Slim hätte sich das gefragt und auch die Buben von Old Crow Medicine Show. Aber klar, es hätte einfach ein paar Leute gebraucht, die sich für diese Art von Musik wieder interessieren, sie machen und nicht damit aufhören – wie zuvor bei Grunge am Beginn der Neunziger. 2004 stieß die Musik mit Banjo, die sie immer schon lieben und machen, endlich wieder auf öffentliches Interesse. Es hätte aber doch auch viel mit den Songs an sich zu tun. Wenn der Song nicht zum Banjo passe, dann passe das Banjo auch nicht zum Song. Erzwingen könne man es jedenfalls nicht.

Ist es denn manchmal schwierig, als Brüder in einer Band zu sein (Wir denken hier an Oasis und die Kings of Leon)?
Nein, überhaupt nicht. Es gäbe wohl Meinungsverschiedenheiten, aber die löse man halt einfach. Streitereien seien doch einfach sinnlos.

Die ganze Familie der Avetts lebt rund um Concord in North Carolina. Hat das Leben in der mittelgroßen Kleinstadt denn sie, ihre Texte und ihren Stil geprägt?
Absolut. Die Kühe, die Sterne, die Bäume – alle hätten sie selbst und natürlich auch ihre Songs mit beeinflusst.

130308steh.de_199Gibt es denn etwas, was sie vermissen, wenn sie auf Tour sind?
Ja, schon so einiges. Sie mögen Arbeiten sehr. Auf Tour hätte man eben nur etwa fixe zwei Stunden Arbeitszeit und dann viel Fahrerei und Warterei. Da müsste man dann schon kreativ werden, um was zu arbeiten zu finden. Ab und zu fühlten sie sich wie in einem Rattenkäfig eingesperrt und die Abwechslung fehle ihnen. Zuhause in Concord hätten sie einfach alles, was sie zum Arbeiten und Kreativ-Sein brauchen. Concord ist einfach ihr Zuhause, in dem es ihnen an nix mangelt. Viel mehr aber vermissten sie natürlich ihre Familien, die ja sonst nur einen Steinwurf entfernt wohnen. Sie versuchten, irgendwie alles unter einen Hut und in Balance zu bringen.

Das 2011er-Konzert im Ampere hat viele Münchner umgehauen, weil sie so unglaublich gute Live-Qualitäten an den Tag gelegt haben. Was ist denn der liebste Live-Song der Avett Brothers?
Es gäbe immer einen, aber der ändere sich jeden Abend. Oft hinge es vom Soundcheck ab und oft wären es die neuen Songs.

Grammy-Auftitt, Grammy-Nominierung (wir hätten ihnen ja zwei gegegeben!), Top Ten der Billboard-Charts – was kommt da denn bitte als nächstes?
Man weiß es nicht. Sie machen einfach ihr Ding und ganz ehrlich: Sie planen nichts. Man freue sich, wenn man Komplimente bekommt, aber wenn nicht – hey, was soll’s! Jedes Kompliment zähle, das von uns genauso wie das von einem Label.

Und von uns gibt’s natürlich eins: großartige Band, großartiges Album, großartiges Konzert. Danke für das alles!

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Fotos: Sandra Steh/ www.steh.de (3)