phoenixFinanzmisere? Bankenkrise? Börsencrash? Nein, der Titel des neuen Phoenix-Albums, „Bankrupt!“, ist kein politisches Statement. „Wir wollten künstlerisch nochmals bei null anfangen“, erklärt Gitarrist Christian Mazzalai im Interview. „Nachdem wir in den vergangenen Jahren dank des Erfolgs von ‚Wolfgang Amadeus Phoenix‘ so viel erlebt hatten, wollten wir uns nackt fühlen, die Vergangenheit ruhen lassen.“ Also alles auf Anfang, um dann mit neuen Ideen wieder von vorne loszulegen.

Zwei Jahre tourten die vier französischen Indie-Popper mit den Songs ihres letzten, 2009 erschienenen Albums, „Wolfgang Amadeus Phoenix“, um die Welt. Das Werk brachte der Band nach drei von der Kritik gefeierten Alben den internationalen Durchbruch – einen Grammy als „Best Alternative Album“ inklusive.

Trotz des zunehmenden kommerziellen Erfolgs – und einem Vertriebsdeal mit Warner Music fürs neue Album – wollen Phoenix nach wie vor als unabhängige Rockband wahrgenommen werden. Die vier Musiker, die ein eigenes Label betreiben, wollen die kreative Kontrolle behalten, wie Mazzalai betont. „Selbst wenn niemand anderes auf der Welt unsere Musik mögen würde, kümmert uns das nicht“, lacht er ins Telefon. „Unser Ziel ist es jeweils, dass jeder von uns vieren mit dem Resultat zufrieden ist – und das ist sehr schwer.“ Da kann es auch mal zwei Jahre dauern, bis ein neues Album fertig ist.

Einen Tag nach dem letzten Konzert ihrer Welttournee waren Phoenix wieder im Studio. Still sitzen können sie scheinbar nicht. „Auf Tour steht man ständig unter Strom, denn es gibt immer etwas zu tun“, so Christian Mazzalai. „Wenn man dann nach Hause kommt, hat man erst einmal nichts zu tun. Ich weiß dann manchmal gar nicht so recht, was ich mit der freien Zeit anfangen soll.“ Er sei nach der letzten Tour als erstes in eine Brasserie gegangen, habe sich ein Sandwich bestellt und sei an der Theke gesessen, erinnert sich der Gitarrist. „Das war ein tolles Gefühl. Aber nach ein paar Stunden musste ich wieder etwas unternehmen.“

Dass es zwei Jahre dauern würde, zehn neue Songs zu schreiben, hätten die vier Enddreissiger, die seit über zehn Jahren zusammen Musik machen, auch nicht gedacht. Aber sie wollten alles richtig machen. Unter Druck setzen ließen sie sich allerdings nicht. „Wenn wir neue Songs aufnehmen, schotten wir uns völlig von der Aussenwelt ab“, erklärt Mazzalai in seinem charmanten, von französischem Sing-Sang durchtränkten Englisch. „Wir konzentrieren uns vollständig auf die Musik und vergessen alles drum herum.“

Für drei Monate zogen Sänger Thomas Mars, die beiden Gitarristen Laurent Brancowitz und sein jüngerer Bruder Christian Mazzalai sowie Bassist Deck d’Arcy nach New York, um in den von den Beastie Boys gegründeten Oscilloscope Laboratories mit neuen Sounds zu experimentieren.

Chinatown, wo die Franzosen lebten, scheint die Band inspiriert zu haben, immer wieder tauchen auf dem neuen Werk asiatische Melodien auf. So zum Beispiel auf der ersten Single „Entertainment“, deren Synthie-Hook an David Bowies „China Girl“ erinnert. „Wir haben nach neuen Notenformen gesucht“, erklärt Mazzalai, „so haben wir zum Beispiel sehr viel äthiopische Musik gehört – und diese Art von Musik ist asiastischen Songstrukturen sehr ähnlich.“ So genau weiß er aber nicht, woher diese Einflüsse kommen. Denn Phoenix lassen sich beim Songwriting von verschiedenen kleinen, alltäglichen Dingen inspirieren, wie er sagt. „Vielleicht liegt es auch daran, dass wir in New York in Chinatown gelebt haben“, sinniert Mazzalai.

Nach drei Monaten in New York hatten die vier Musiker Heimweh nach Frankreich. Zurück in Paris, verfeinerten Phoenix zusammen mit dem geschmackssicheren Produzenten Philippe Zdar – selbst Mitglied des French-House-Duos Cassius – die Songideen. Ein anderer Produzent wäre für die eingeschworene Truppe nicht in Frage gekommen. „Philippe ist ein alter Freund von uns, er hat uns von Anfang an begleitet und kennt uns alle sehr gut. Es ist schwierig für uns, uns auf jemand Fremdes einzulassen.“

Phoenix haben alles richtig gemacht – auch wenn es bestimmt nicht die beste Platte in der bisherigen Band-Karriere geworden ist. Im Netz kritisieren zahlreiche Fans die vielen Synthies und die fehlenden Höhepunkte. Auf „Bankrupt!“ gibt es zehn von 80s-Pop inspirierte Songs zu hören, die zwar nicht – wie etwa „1901“, „Fences“ oder „Lisztomania“ vom letzten Album – sofort ins Ohr gehen, sondern ihre Qualitäten erst bei mehrmaligem Hören offenbahren. Das neue Werk ist deutlich synthielastiger als die älteren Phoenix-Platten.

Ich habe ihn jedenfalls schon, meinen Sommer-Hit 2013. Zu den kühlen Synthie-Klängen und der Mitsumm-Melodie von „Trying To Be Cool“ sehe ich mich sonnenbebrillt die kalifornische Küste in einem Cabrio entlang cruisen. Song Nummer vier auf dem neuen Phoenix-Album ist wohl das eingängigste Stück der Platte. Andere Titel, wie „Drakkar Noir“ und „S.O.S. In Bel Air“, brauchen etwas länger, haben aber ebenfalls das Potenzial, uns durch den Sommer zu begleiten. Etwas anstrengend ist dagegen der Titeltrack, mit einem knapp siebenminütigen Intro, der dann in einer luftigen Ballade endet.

Insgesamt klingt „Bankrupt!“, trotz des angekündigten Neuanfangs, immer noch nach Phoenix. Die Band hat sich nicht neu erfunden – und das ist gut so. Der typische Pop-Appeal ist geblieben. Dies macht u.a. ein Remix von Dev Hynes alias Blood Orange der ersten Single „Entertainment“ deutlich: Dort singen die Original-Sugababes Mutya Keisha Siobhan den Refrain – mehr Pop geht nicht. Auch wenn einige der Songs im Synthie-Gefiepse unterzugehen drohen, Phoenix haben ihr Gespür für simple, schöne Melodien nicht verloren. Gleichzeitig zeigt eine „Entertainment“-Coerversion von Dinosaur Jr., dass hinter der glatten Pop-Fassade der Franzosen nach wie vor hemdsärmelige Rockmusiker stecken.

Bleibt noch eine Frage: Was soll das Ausrufezeichen im Albumtitel? „Weil wir dieses Gefühl, wieder ganz am Anfang zu stehen, so aufregend finden. Wir lieben es!“ Wir auch.Phoenix_Bankrupt

Das fünfte Phoenix-Album, „Bankrupt!“ erscheint am 19. April über Warner Music. Neben der Standard-Version ist auch eine Deluxe-Edition mit exklusiven Demo-Aufnahmen erhältlich. Im Sommer spielen Phoenix bei einigen Festivals, u.a. bei „Rock am Ring“ und „Rock im Park“. Eine Tour wird es vermutlich auch noch geben.

Foto: Flora Hanitijo/Warner Music