Der Hotspot für Rap-Musik in München ist seit neuestem die Philharmonie. Zumindest wenn es nach Chilly Gonzales geht. Der Moll-Fetischist, Meister-Entertainer und selbsternanntes „Musical Genius“ gastierte am Freitag eben da und ließ nach einem über zweistündigen Wahnsinns-Konzert ein euphorisch feierndes Publikum zurück. Dieser Mann ist nicht zu bremsen – eigentlich braucht er nur noch seine eigene TV Show. Bis es soweit ist, freuen wir uns auf baldige Wiederholung im Juli und verlosen direkt 1 x 2 Tickets für des Meisters nächstes Konzert am 07.07. in München.

Der Kanadier Chilly Gonzales, bürgerlich Jason Charles Beck, ist Pianist. Ein in jeder Hinsicht außergewöhnlicher. Außergewöhnlich gut und außergewöhnlich anders. Klassisch ausgebildet hatte der Jazz-Pianist keine Lust die vorgezeichnete Laufbahn einzuschlagen. Dazu liebäugelte er zu sehr mit den Möglichkeiten der populären Musik. Er wollte, dass auch klassische oder klassisch inspirierte Musik von allen gehört werden kann. Von Laien und Profis und vor allem zur reinen Freude am Hören und nicht nur um der verbissenen Bewertung wegen.

2713_6411Logische Konsequenz also, dass er versucht die Vorzüge unterschiedlicher Genres miteinander zu verheiraten. Das gelingt ihm so gut, dass wenig unmöglich scheint. So gibts zur Einstimmung ins Wochenende neben wunderschönen Solostücken, Nachwuchsunterricht und dem traurigsten Geburtstagsständchen, das je eine Bratsche gespielt hat, auch das ein oder andere Voll-Orchester-Gangster-Rap-Stück inklusive ordentlichem F-Wort-Einsatz. Da wundert sich dann auch keiner mehr über seinen Signature-Look aus Satin-Morgenmantel, fiesen Hausslippern und irrer Lockenmähne.

Wo fang ich nur an? Über zwei Stunden dauert seine grandiose Show, und hätte gerne auch noch mal zwei gehen können. Zwar war der gute Chilly erst im November letzten Jahres in München zu Gast, damals aber Solo. Nur er und sein Piano im Prinzregententheater. Nicht dass er als Einzelereignis nicht ausreichen würde, schließlich ist er nicht nur ein „Musical“ sondern auch ein „Entertaining Genius“. Aber die jetzige Konstellation mit Orchester hat schon nochmal ein anderes Potential. Er hat das Hamburger Streichquartett Strings Deluxe mitgebracht. Nachdem er den Auftakt der Show allein bestreitet, bekommt er zunächst Unterstützung von den vier überaus schmuck gewandeten Herren und ihren zwei Geigen, einer Bratsche und einem Cello. Das klingt schon ordentlich imposant, was allein diese Besetzung aufspielt. Als die Bühne sich dann vollständig füllt, begleiten noch eine Bläserformation (Querflöte, Klarinette, Flügelhorn und Posaune) sowie Kontrabass und Schlagzeug das Klavier. Die Songs entwickeln so eine Dynamik und Wucht, dass es schon fast unmöglich ist, sich nicht in seinem Sessel zu bewegen. Und wenns nur der Kopf ist, der mitwippt. Der Meister selbst liefert am Flügel eine Performance ab, die seinesgleichen sucht. Voller Körpereinsatz, fliegende Mähne, umgeben von einem steten Sprühnebel aus Schweiß.

Alexandre_Isard_DSC_3669Neben der hervorragenden musikalischen Show versteht es Mr. Gonzales auch vortrefflich das Publikum verbal zu unterhalten. Neben Kanada und Frankreich hat er eine Zeit lang in Berlin gelebt und wohnt aktuell in Köln. Gleichermaßen souverän gibt er also seine Geschichten in Englisch und Deutsch zum Besten. Mit einer beneidenswerten Leichtigkeit, einem natürlichem Gespür für Witz und Timing erteilt er uns ganz nebenbei eine äußerst unterhaltsame Lektion in Musikgeschichte. Wie kurz(weilig) doch der Weg vom klassischen 3/4 Walzer über den den 4/4 Pop zum weltweit einzigen 6/8 Takt Rap sein kann. Dazu wissen wir jetzt warum das Klavier die Orchesterinstrumente beneidet und andersherum, und warum es wohl niemals ein Erfolgsalbum „Solo Posaune 1“ geben wird. Dazu wird man Stücke in Dur auch nie wieder so vorurteilsfrei hören können, wie zuvor. Gonzalessche Weisheit: Dur ist der klanggewordene Status Quo. Dur ist konservativ, sogar reaktionär. Und dazu noch all dieser falsche Optimismus! Moll ist da schon weit weniger verlogen. Außerdem klingt ohnehin jedes Dur-Stück um Längen besser, wenn man es um nur ein paar Millimeter verschiebt. In Moll entwickelt sogar sein Nummer-Eins Hass Lied „Die Stunde des Siegers“ von Vangelis ungeahnte Qualitäten. Und „Bruder Jakob“ erst! Richtig verwegen klingt das auf einmal. Nur dass laut Chilly Gonzales in der Mollversion der gute Jakob nicht mehr schläft. „Bruder Jakob is dead.“ Bratschist Ingmar, der zu Showzwecken oder tatsächlich Geburtstag hat, darf sich dann auch noch selber sein Moll-Ständchen spielen. Gonzales kommentiert den Spaß gewohnt trocken: „Another year gone, Ingmar!“

Um das Versagen haufenweise schlechter Klavierlehrer wieder gut zu machen, fischt er sich auch noch den jungen Neil aus dem Publikum, der mal eben unter seiner Anleitung den Nachfolger zu Gonzales 3-Ton-Hit „Never Stop“ aus der iPad Werbung komponieren soll. Man lacht und leidet gleichermaßen mit dem Schüler wider Willen, dessen Enthusiasmus sich erstmal in Grenzen hält. Ob ihn die Physis des Herrn Gonzales selbst eingeschüchtert hat, die schweißgetränkte Tastatur oder die Tatsache, dass man als geschätzt 13jähriger eben eher ungern vor 2.000 Zuschauern auf einem Klavierhocker sitzt… Das Endergebnis ist samt Orchesterbegleitung absolut gelungen, aber der wahre Spaß ist natürlich der Weg dahin.

cover_digipack_SP2Das Konzert ist eine echte Tour de Force. Es wird improvisiert und auch mal live ein Stück fürs gesamte Ensemble komponiert. Und ein paar Alben hat er ja auch noch! Neben Stücken von den letzten beiden Platten „Solo Piano“ und „Solo Piano 2“, wie dem wunderschönen „White Keys“, das nur unter Verwendung der weißen Tasten komponiert wurde,  „Rideaux Lunaires“, „Othello“ oder „Dot“, kommen irrwitzigste Rap-Stücke zur Aufführung. Allen voran die Rache-Hymne „The Grudge“, in der sich Gonzales wenig schmeichelhaft aber umso unterhaltsamer über eine Ex-Freundin auslässt. Der selbsternannte „Worst MC“ macht das ziemlich virtuos. Wer bei Ben Folds‘ Piano-Rap „Bitches Ain’t Shit“ dachte, jetzt hat er endgültig ein Rad ab, darf umdenken – hier kommt der wahre Irre! Im positivsten Sinne, versteht sich. Mit seinem 2010er Album „Ivory Tower“ (produziert von Boys Noize) haut er uns neben Rap auch knüppeldicken Elektro um die Ohren. Man mag kaum glauben, dass „Solo Piano“ vom selben Künstler kommt. Ein bisschen Genie und Wahnsinn.

Seine Genialität stellt er auch immer wieder mal in den Dienst anderer Künstler. Obwohl er Kollaborationen eigentlich gar nicht so gerne mag, macht er Ausnahmen für Musiker, die er mag. Ganz großartig seine Version von Jamie Lidells „Multiply“ (natürlich in Moll!), oder sein Piano auf Feists Superhit „Limit To Your Love“. Die Liste wird länger. Auch beim diesen Freitag erscheinenden Daft Punk Album „Random Access Memories“ und der ersten Single „Get Lucky“ hat er seine Finger im Spiel.

Sein Anbandeln mit Pop &  Co mag für Hardliner ein No Go sein, für manch einen die Melodien vielleicht hier und da zu gefällig, oder der Typ selbst einfach zu irre. Ihr Pech. Chilly Gonzales ist ein Ereignis, und vielleicht einer der besten Musiker und Entertainer, die wir gerade haben. Geht auf ein Konzert und überzeugt euch selbst! Und alle anderen? Ach, hört doch einfach weiter Dur!

 

Am 7. Juli kommt er schon zurück nach München. Wieder in die Philharmonie, wieder mit Orchester und 1 x 2 Tickets könnt ihr direkt bei uns gewinnen. Einfach bis Sonntag, 19. Mai, 12:00 Uhr hier unten einen Kommentar hinterlassen (wichtig: mit eurer richtigen Email Adresse anmelden!), und wir ziehen dann einen glücklichen Gewinner, der per Mail benachrichtigt wird. Viel Glück!

 

 

Aktuelles Album von Chilly Gonzales „Solo Piano 2“ erschienen im August 2012 bei Gentle Threat (Indigo).

Fotos: (c) 2012 Alexandre Isard Gentle Threat All right reserved