Ein schlacksiger Jungspund aus dem sagenumwobenen Island bittet zur Vorführung in München und hinterlässt sein Publikum in einer Mischung aus Verzückung und Melancholie. Nicht nur für Fans der Insel oder Verehrer ihrer wohl berühmtesten Söhne Sigur Rós dürfte dieser Mann eine Entdeckung sein. Denn Ólafur Arnalds schafft etwas ganz Besonderes. Musik, die glücklich und traurig macht zugleich.

Ein Piano, ein Streichquartett, drei Macbooks, ein iPad und noch ein Kollege der  – O-Ton – einen Haufen „stuff“ bedient. Das ist die Besetzung, die am Dienstagabend die Bühne der Muffathalle betritt.
Am Flügel sitzt Ólafur Arnalds, 26 Jahre alt, Multiinstrumentalist, Komponist und kein großer Geschichtenerzähler. Was einem wundervollem Konzerterlebnis aber keinen Abbruch tut. Im Gegenteil.

For-Now-I-Am-Winter-CMS-Source4-1024x789Gerade erst war Chilly Gonzales in München zu Gast. Auch Pianist, auch mit kleinem Orchester angerückt, auch nicht wirklich in ein Genre zu stecken. Was die beiden noch gemeinsam haben ist, dass sie den elitären Anspruch klassischer Musik ablehnen, dem E-Genre gehörig U-Flair einhauchen. Vom Typ könnten sie allerdings verschiedener nicht sein. Gonzales, der exzentrische Über-Entertainer wechselt mühelos zwischen Musik-Maniac und Showmaster. Wo Gonzales im positiven Sinne laut ist, ist Arnalds in jeder Hinsicht und im besten Sinne leise. Und dabei ist das wortkarge Musik-Genie keineswegs unlustig. Was er sagt ist geistreich und sogar sehr witzig. Wie er da so leicht schepps am linken Bühnenrand an seinem Klavier sitzt, und ganz einfach und unaufgeregt vor sich hin spielt, ist das pure Understatement. Für die Kulisse sorgen seine musikalischen Begleiter und ein wirklich gutes Lichtkonzept. Die Bewegungen auf der Bühne sind minimal. Die Menschen sind fast komplett statisch. Bewegung bringt nur das Licht. Man fühlt sich an ein Theaterstück erinnert. Den Moment wenn der Vorhang aufgeht, oder den, kurz bevor er fällt.

In erster Linie geht es aber um seine Musik. Die pendelt irgendwo zwischen Indie, Klassik und Elektronik. Man merkt, dass er schon viel Filmmusik geschrieben hat. Jedes Lied ein Mini-Soundtrack für die persönlichen Gedanken und Erinnerungen des Zuhörers. Mit Arnalds Musik im Ohr wird alles Banale besonders. Jeder Spaziergang zum erhebenden Ereignis. Alles wird zur filmischen Szene. Die Sonne glitzert magischer als sonst, die Bäume wiegen weicher im Wind, über allem liegt ein leicht surrealer Schleier. Und auch live wirkt dieser Zauber. Man taucht völlig ein in diese Zwischenwelt. Man spürt entweder ein ständiges verklärtes Grinsen im Gesicht, oder einen kleinen Kloß im Hals. Man vergisst sogar das kühle Bier in der Hand, bis es Zimmertemperatur hat, und es ist völlig egal. Zugleich ertappt man sich dabei möglichst geräuschlos zu atmen oder nicht allzu sehr auf seinem Stuhl herumzurutschen, weil schon die kleinste Störung eine Beleidung dieser meisterlich arrangierten Reduziertheit wäre. An diesem Abend erlebt man wie intensiv auch der leiseste Ton wirken kann. Umso gewaltiger erwischen einen dann die Passagen, in denen es die Musik ausladender wird, sich alle Instrumente vereinen, die Lautstärke zunimmt und sich die Stücke zu majestätischen Klangwällen aufbauen. Kein Lied, das einem keinen Schauer über den ganzen Körper schickt.

Ólafur Arnalds ist ein weiterer begnadeter Musiker, der sich entschlossen hat, nicht den „klassischen“ Weg zu gehen. Und genau das macht seinen Reiz aus. Jemand, der schon Schlagzeug in einer Hardcore-Band namens Fighting Shit gespielt hat, und der als Punkfan gezwungen werden musste Chopin zu üben, sitzt nun mit einer Streicherformation und ein paar Macs am Steinway und erfindet den Soundtrack fürs Jetzt.

Drei Alben hat er bereits veröffentlicht, dazu mehrere EPs und Soundtracks. Sein wunderschönes aktuelles Werk heißt „For Now I Am Winter“ und ist im Mai bei Mercury Classics (Universal) erschienen. Um es mit Arnalds eigenen Worten zu sagen: „You should buy it. Because it’s good.“ Da hat er verdammt recht.

 

 

Fotos: Hedinn Eiriksson/ Mercury Classics (Universal), Marino Thorlacius/ Mercury Classics (Universal)