Endlich hat das Warten, das Spekulieren, das Bangen ein Ende. Seit einer Woche ist „Random Access Memories“, das neue Album von Daft Punk in den Länden. Wucht-Brummen wie „One More Time“ gibt es darauf nicht zu hören. Stattdessen: entspannte Disco-Vibes und légère Westcoast-Grooves.

160970-40932I31878Lange lange mussten wir auf „Random Access Memories“ warten, das vierte Studioalbum unserer Lieblingsfranzosen (nach Phoenix). Der erste Vorbote aufs neue Werk ließ Grandioses erahnen. Inzwischen kann ich den Song schon nicht mehr hören. Aber: Was musste ich ihn auch auf Dauerrotation hören? Ob morgens zu Hause beim Zähneputzen, auf dem Weg zur Arbeit, im Büro, vor dem Weggehen, nach dem Weggehen, vor dem Schlafengehen, beim morgendlichen Kaffee… Inzwischen dröhnt „Get Lucky“ auch aus jeder Bar-Box und ist auf Heavy-Rotation bei allen Sendern.

Ganz klar, „Get Lucky“, die neue Single von Daft Punk, ist ein potentieller Sommer-Hit. Ein geschmackssicherer Sommer-Hit. Ein funky Sommer-Hit. Und wenn man den Song nicht mehr hören kann? Für Nachschub sollte das neue, vierte Daft-Punk-Album „Random Access Memories“ sorgen. Doch darauf sind die funky Pop-Melodien dann doch relativ selten.

Groß war das Getöse. Peu à peu veröffentlichten die beiden Franzosen Song-Snippets, Werbetrailer, die etwa beim US-Coachella-Festival liefen, wurden von Fans abgefilmt und ins Netz gestellt. Ein Video hier, ein Song-Schnipsel da und die Fans staunten, diskutierten, spekulierten. Irgendwann war das ganze ein Selbstläufer. Klar, dass nicht nur die Single, sondern auch das Album nach dem Release auf Platz eins der iTunes Charts stürmte. Auch „Discovery“, das letzte groß gefeierte Daft-Punk-Album aus dem Jahr 2001, knackte die Charts des Download-Anbieters.

Doch wie klingt es denn nun, das neue Daft-Punk-Werk? Ein vorweg: Einen sommerlichen, glücklich machenden Pop-Hit wie „Get Lucky“,  bei dem jeder ein zufriedenes Grinsen anknipst, sucht man auf dem Album vergebens. Dafür gibt es funky, groovy Uptempo-Tunes wie „Lose Yourself To Dance“, auf dem – wie bei „Get Lucky“ – Hip-Hop-Nerd Pharrell Williams mit seinem Falsett-Gesang brilliert.

Groovy!

Seit Beginn ihrer Karriere lassen sich die beiden knapp 40-Jährigen, die 1997 mit „Around The World“ und später mit der Club-Hymne „One More Time“ von New York bis Tokio für volle Tanzflächen sorgten, von vergangenen Musik-Epochen inspirieren. Dieses Mal sind die späten Siebziger dran. Überall auf dem neuen Album blitzt die groovy Studio 54-Ära auf. Neben Disco gibt es auch Prog-Rock und Fusion-Jazz zu hören. Passend zum 70s-Flair haben sich die beiden Androiden in schnieke, Pailletten-besetzte Anzüge von Hedi Slimane, Chefdesigner von Yves Saint Laurent, geschmissen. Die Biker-Jacken vom letzten Studioalbum, „Human After All“, haben sie im Roboter-Vintage-Store abgegeben; die harten, technoiden Beats sind warmen, entspannten Grooves gewichen.

Die 13 Songs wurden von echten Studiomusikern in Paris, New York und Los Angeles eingespielt, ganz so, wie Musik vor der Erfindung von digitalen Alleskönner-Programmen gemacht wurde. Mit Vintage-Vocodern wurden die für Daft Punk typischen Roboterstimmen erzeugt.

Für die Aufnahmen scharten die beiden Franzosen eine ganze „Funky Bunch“ um sich. Chic-Frontmann Nile Rodgers zupfte die Gitarre, Chilly Gonzales nahm mit den beiden French-House-Pionieren eine reduzierte Piano-Ballade auf („Within“), während in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Paul Williams der theatralische, streckenweise an ein Musical erinnernde Achtminüter „Touch“ entstand. Für „Instant Crush“ holten sich Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter The-Strokes-Frontmann Julian Casablancas ins Studio. Von dessen Rockorgan ist in der zurückhaltenden Pop-Nummer leider nicht mehr viel übrig. Das Beste an dem Song: das verspielte Gefiepste gegen Ende. Daraus lässt sich bestimmt ein toller Sommer-Remix machen. Justice, please!

160970-41073I32039Der viel zitierte  Track „Girgio by Moroder“, in dem Disco-Pionier und „Munich Sound“-Mitbegründer Giorgio Moroder aus dem Nähkästchen plaudert, ist zwar toll produziert, aber auch etwas nervig und mit seinen neun Minuten strapaziös lang. Umso gelungener ist dafür „Fragments Of Time“, eine entspannte Nummer, der perfekte Sundowner nach einem Tag am Meer. Für den Track arbeiteten Daft Punk mit Todd Edwards zusammen. Mit dem US-House-DJ war für „Discovery“ bereits der vertrackte, kühle 80s-geprägte Titel „Face To Face“ entstanden. Dieses Mal setzten die Kollaborateure auf warme Vocals und ein harmonisches Arrangement.

Die Rückkehr des Grooves

Ganz klar, nicht jeder wird das neue Daft-Punk-Album mögen. Viele Nummern klingen beim ersten Hören sperrig, belanglos. Doch es ist den beiden Elektro-Perfektionisten nicht genug dafür zu danken, dass sie womöglich endlich ein Ende des ewigen David-Guetta-Kirmes-Geballers eingeläutet haben. Daft Punk bringen den Groove zurück in die Clubs. Moderne Elektro-Musik entwickle sich keinen Schritt weiter, das Genre mache eine Identitätskrise durch, viele Songs seien austauschbar, sind Daft Punk überzeugt. Dem stumpfen EDM-Boom-Boom und den harten Dance-Beats begegnen die beiden Musiker auf ihrem neuen Album mit funky Disco-Grooves, die an die Disco-Ära Ende der Siebziger Jahre erinnern.

Statt derben Dubstep-Beats gibt es auf „Random Access Memories“ funky Disco-Vibes und entspannte Westcoast-Grooves. Echte Musiker statt elektronischen Schnickschnack. Weniger Guetta, mehr Fleetwood Mac. „Random Access Memories“ ist ein Album, zu dem man am besten in einem alten Chevrolet die kalifornische Küste entlang braust, direkt in einen pfirsichfarbenen Sonnenaufgang hinein.

Daft Punks „Random Access Memories“ ist am 15. Mai bei Sony Music erschienen.

Fotos: Sony Music/David Black