Ja, es regnet, und ja, es ist wirklich kalt, aber es könnte egaler nicht sein. Der Boss hat ins Münchner Olympiastadion geladen und knapp 40.000 Fans sind seiner Einladung gefolgt. Ob Langzeit-Anhänger oder Erstbesucher – der Bruce kriegt sie alle. Ein trivialeres Thema als das Wetter könnte es also kaum geben, in den nächsten 2 Stunden 50 Minuten. 

9643-30313I19930Ein Springsteen Konzert unter drei Stunden? Gibt’s sowas überhaupt? Ich hab bisher noch keins erlebt, aber heute herrschen ja auch spezielle Bedingungen. Vermutlich will er uns einfach nicht länger als nötig frieren sehen und legt deswegen den Turbo ein. Entgehen tut einem trotzdem nichts. Knapp 30 Songs packt er in den Abend. Wünsche bleiben definitv keine offen.

Dafür entgeht diesmal vielen das ganze Erlebnis an sich. Von der U-Bahn bis zum Stadion stehen sie praktisch Spalier, die Last-Minute-Verweigerer. Dutzende wollen noch ihre Tickets loswerden, weil es ihnen dann doch ein bisschen zu frisch ist an diesem Sonntagabend. Die ca. 80€ pro Karte dürften die wenigsten wieder reingeholt haben. Wer sich jetzt aber über das finanzielle Minusgeschäft ärgert, dem sei gesagt, das ist nichts gegen den Verlust dieses Live-Spektakel verpasst zu haben. Hättet ihr mal lieber die Zähne zusammen gebissen!

IMG_0633Standesgemäß ohne Support Band unterwegs – das braucht der Boss nicht, den Einheizer macht er da lieber gleich selber – betritt er um 19:15 die riesige Bühne im Olympiastadion und sorgt gleich zu Beginn für einen der intimsten Momente. Ganz allein, mit Mundharmonika und Akustikgitarre anstelle seiner Signature Fender Telecaster, stimmt er den Creedence Clearwater Revival Song „Who’ll Stop The Rain“ an. Faust aufs Auge. Im Grunde hat er uns da schon alle im Sack. Was dann folgt, ist gewohnte Großartigkeit. Zusammen mit seiner phänomenalen E-Street Band spielt er sich durch ein wahres Energiebündel an Setlist. Neben alten Klassikern (das Kult-Album „Born In The USA“ spielt er komplett und am Stück!!!) gibts auch neuere Songs seiner aktuellen Platte „Wrecking Ball“. Die Kernzeile des Titeltracks „And hard times come, and hard times go“ wird auch diesmal wieder wie ein Endlos-Mantra vom Publikum mitgebrüllt. Genauso wie später der Refrain von „My Hometown“ und der obligatorische Stadion-Chor am Ende von „Badlands“. Insgesamt bringt er Songs aus 10 oder noch mehr Alben unter.

Sparsam dosiert er diesmal nur die Balladen. Kein „The River“, und auch auf „Thunder Road“ warte ich vergeblich. Aber das ist schnell verziehen, wenn er bei „I’m On Fire“ mit zusammengekniffenen Augen dieses unnachahmliche  „Woohooooooooohoohoo“ ins Mikro pustet. Wem es da nicht jedes Haar am Körper aufstellt, der hat keine Seele, oder erste Erfrierungserscheinungen.

9643-22530I11303Bei jedem Song werden er und seine E-Street Band frenetisch gefeiert. Vor allem die Bläser spielen in einer eigenen Liga. Publikumsliebling Nummer zwei neben dem Boss selbst ist ganz klar Jake Clemons. Der Neffe von Saxofon-Legende, E-Street-Band-Gründungsmitglied und Springsteens Jugendfreund Clarence „Big Man“ Clemons trat 2011 nach dem Tod seines Onkels in dessen zugegeben riesige Fußstapfen. Er füllt sie bravourös aus. Aber auch der Rest der üblichen Verdächtigen spielt wie immer erstklassig. Vom stoischen Beat-Professor Max Weinberg am Schlagzeug, über Roy Bittan am Piano, Stevie Van Zandt und Nils Lofgren an den weiteren Gitarren, Garry Tallent am Bass und Soozie Tyrell an der Violine, bis zum stimmgewaltigen Backgound-Chor, Springsteen schart von jeher Hochkaräter um sich. Nur der rote Schopf seiner Ehefrau Patti Scialfa fehlt auch diesmal auf der Bühne. Vielleicht kümmert sie sich wie letztes Jahr daheim in New Jersey um die Kinder, und lässt ihrem Boss seinen Spaß auf Tour.

Er ist in der Tat ein Phänomen. Auf kaum eine Show im Jahr wird so hingefiebert, wie auf die zurecht legendären Konzerte des inzwischen 63-jährigen – der übrigens keinen Tag älter aussieht als 55. Höchstens! Seine Leidenschaft für die Musik hält ihn wohl jung. Dazu sicher die gehörige Portion Gutmensch-Gene. Das Business hat ihn nicht merklich versaut. Er ist echt geblieben, und nimmt es, wie kaum ein anderer Ernst, dem Publikum etwas zurückzugeben. Und seine Fans wissen das. Wer sich zu einem seiner Konzerte aufmacht, der kann sich sicher sein, der Boss liefert ab. Immer! Wir stehen hier zum Teil mit Daunenjacken und auch Menschen in Skihosen habe ich gesehen, aber er spielt eiskalt in seiner Standarduniform. Hemd, Weste und ziemlich enge Jeans. Er muss sich den Allerwertesten abfrieren, aber das interessiert ihn nicht. Und es vertreibt ihm schon gar nicht sein leicht verschlagenes Dauergrinsen aus dem Gesicht. Zu späterer Stunde reisst er sich sogar noch das Gilet vom Leib und knöpft demonstrativ das Hemd auf. Keine Kompromisse. Das schätzt man so an ihm. In seiner Heimat ist er deswegen sowas wie ein Nationalheiliger, aber auch im Rest der Welt wird er von Menschen jeden Alters und unterschiedlichster Herkunft fast kultisch verehrt.

9643-30311I19928Der Weltstar, der, nicht nur was seine Live-Performances angeht das unangefochtene Maß aller Dinge ist, versteht sich aber immer auch auf Augenhöhe mit seinen Fans. Auch diesmal haben wieder unzählige Besucher selbstgebastelte Schilder mit Songwünschen dabei, die der Boss sorgsam auswählt, einsammelt und brav abarbeitet. Dazu holt er sich gleich zweimal Gesangs-Verstärkung aus dem Publikum. Den Refrain von „Waitin‘ On A Sunny Day“ dürfen drei Front-Row-Kids ins Mikro krähen. Das Schöne dabei ist, hier unterstellt ihm wirklich keiner eine kalkulierte Sympathie-Aktion – das hat der Mann nun wirklich nicht nötig. Es ist einfach genau das richtige Zeichen. Er selbst wird älter – aber seine Musik ist zeitlos. Der Nachwuchs steht schon in den Startlöchern – die nächste Generation glühender Springsteen-Fans. Denjenigen, die es nicht zu ihm auf die Bühne geschafft haben, aber zumindest in die vorderen Reihen der Arena, stattet er in alter Gewohnheit auch einen Besuch ab. Und nicht nur einen. Immer wieder stürzt er sich von der Bühne hinunter und tigert den Graben entlang. Der Boss zum Anfassen. Auch das eins seiner Versprechen. Die stets bereits zu Beginn der Show hochgekrempelten Hemdsärmel haben eben auch Symbolcharakter. Spätestens wenn dann zu den Zugaben die Flutlichter angehen, gibt es keine Trennung mehr zwischen dem Star dort oben und den Leuten dort unten. Dann verschmilzt endgültig alles zu einer einzigen riesengroßen und – dank der inzwischen schier unendlichen Farbenvielfalt im Funktionsklamottensegment – auch noch quietschbunten Party. Mehr geht einfach nicht.

Wieder einmal hat sich der Ausnahmekünstler an diesem Abend in München nach allen Regeln der Kunst abgerackert für seine Fans, die auch nach knapp drei Stunden im Dauerregen völlig euphorisiert singen und tanzen, was die kalten Knochen aber immerhin biergeölten Kehlen hergeben. Irrerweise wünscht man sich am Ende sogar, es würde noch weiter gehen. Einfach immer weiter. Aufgegeben wird nicht, auch nicht von den Zuschauern. Und so ist die Bilanz zwischen dem Meister und seinem treuen Publikum am Ende durchaus ausgeglichen. Aber einen hat er gehörig in den Hintern getreten, der Bruce. Nämlich den Wettergott. Und so hätte da am Ende statt des obligatorischen „Kommen Sie gut nach Hause“ vielleicht besser folgendes auf der Stadion-Anzeigentafel stehen sollen: Der Boss 1 – Petrus 0.

 

 

Fotos: PR (4), themusicminutes