Wir haben Euch ja schon das Video gezeigt, aber jetzt wird Tacheles gesprochen! Rocky Votolato hat uns vor seinem Auftritt in München einiges erzählt: von der Tour, von seinem Bruder, von der Reunion seiner alten Band Waxwing, von ökologischem Bewusstsein. Von allem also ein bisschen was. Wir hatten es ja schon erwähnt: Der ist einfach wahnsinnig nett!

art_votolatosFür den zweiten Teil Deiner Europa-Tour hast Du Deinen Burder Cody dabei. Läuft das harmonisch oder eher im Noel & Liam Gallagher-Style?
Es ist super. Wir sind gar nicht so wie die Gallaghers, wir verstehen uns prächtig.Wir haben schon ganz schön gestritten als wir jünger waren, anfangs waren wir auch in den Waxwing-Jahren manchmal noch unberechenbar. Inzwischen sind wir aber erwachsen geworden, haben sehr viel Respekt gegenüber dem anderen und schätzen uns sehr – auch als Musiker. Ich bin wirklich dankbar, dass Cody mit auf Tour ist – manchmal wird das Leben on the Road nämlich auch sehr einsam. Er hatte gestern Geburtstag und es war schön, den mit ihm gemeinsam in Europa zu feiern: Wir haben ihm eine Überraschungs-Punkrock-Show in Leipzig geschmissen, mit 80 Leuten. Das war cool!

Stichwort „Waxwing„: Spielt Ihr auch Songs aus der Waxwing-Zeit, wenn Ihr gemeinsam auf Tour seid?
Ja, machen wir. Manche Songs haben einen Fugazi-Einschlag. Die Lieder klingen aber definitiv anders als auf den Waxwing-Alben, weil wir minimalistische Arrangements [Anm. alles, was zwei Gitarren halt hergeben] nutzen und Waxwing war eine wirklich harte, laute und aggressive Band. Wir spielen also eigentlich Akustik-Versionen mancher Songs. Hoffentlich kann ich irgendwann Waxwing einmal nach Europa bringen und den Leuten die lauteren Versionen der Songs präsentieren.

Du warst ja auch bei The Revival Tour mit am Start. Wenn man sich Deinen Twitter-Stream und Deinen Facebook-Account genauer anschaut, sieht es so aus, als hättest Du jede Sekunde davon geliebt.
Es war großartig. Wir hatten super Konzerte, Wiesbaden zum Beispiel war grandios, da haben wir in einer alten Kirche gespielt. Aber das Beste für mich war, dass ich von allen Beteiligten viel lernen konnte. Die Songs von allen Mitwirkenden zu spielen, gemeinsam auf der Bühne zu stehen, der Zusammenhalt – das war in Kombination das Schönste für mich. Ich bin ja sonst viel solo unterwegs und bei der Revival-Tour gab es jeden Abend verschiedene Kombinationen von Freunden, die mit Dir auf der Bühne stehen – das war echt super. Zwölf Wochen gemeinsam auf Tour verbinden einfach: Chuck [Ragan] ist jetzt einer meiner besten Freunde, Dave Hause ist irrsinnig lustig, Joe Ginsburg, Jon Gaunt – sie alle bringen gute Erinnerungen zurück!

Dein letztes Album „Television of Saints“ ist im Frühling 2012 erschienen. Wann kommt denn das nächste Album?
Ich habe gerade angefangen, Songs zu schreiben. Ich war so viel auf Tour, dass ich gar nicht so viel Zeit zum Schreiben hatte. Ich habe eine Menge Ideen und einen Haufen Lyrics – vielleicht klappt’s mit einem neuen Album ja schon Anfang des nächsten Jahres. Mal sehen!

„Television of Saints“ hast Du mit einer Kickstarter-Kampagne finanziert. Wirst Du das das bei der nächsten Platte auch machen?
Kann ich noch gar nicht sagen, ich glaube, das wird sich noch herausstellen. Ich muss einfach sehen, was sich richtig anfühlt, wenn das Album fertig ist. Ich wäre der Arbeit mit einem Label und einem Produzenten nicht generell abgeneigt, aber das wird sich alles zeigen. Für das letzte Album war [die Kickstarter-Kampagne] genau richtig und ich bin sehr glücklich mit dem Ergebnis.

Auf Deiner jetzigen Tour warst Du offensichtlich ganz beeindruckt von Assisi und dem Heiligen Franz von Assisi.
Ja, es hat mir wirklich sehr gut gefallen. Assisi ist überwältigend. Es ist sehr schön dort und dort steht auch die Basilika des Heiligen Franziskus. Ich bin immer sehr fasziniert von Heiligen. Es ist schon eine einmalige Gelegenheit, solche Pilgerstätten zu besichtigen. Ich empfehle jedem nach Assisi zu fahren, der sich ein bisschen für Heilige interessiert.

Rocky Votolato

So, der Heilige Franziskus im speziellen war ja der Heilige der Tiere und Natur. Ich weiß, dass Du ein strikter Gegner der Keystone XL-Pipleline bist. Machst Du das, weil Du aus Texas kommst oder weil Dir die Umwelt generell so wichtig ist?
Eher letzteres. Ich bin der Überzeugung, dass wir Menschen als Lebewesen noch ganz schön lernen müssen, wie wir mit unserem Planeten umgehen. Alle sind immer um die Wirtschaft besorgt, aber viele erkennen einfach nicht, dass die Wirtschaft auch von der Umwelt abhängt. Wenn die Umwelt stirbt, stirbt die ganze Wirtschaft mit. Ich mag wie Franz von Assisi Tiere und die Natur – ich denke nicht, dass beide da sind, um von der Menschheit zerstört und ausgebeutet zu werden. Ich spreche offen über diese Angelegenheit, weil ich es als meine Aufgabe ansehe, wo ich schon in der Öffentlichkeit stehe. Ich möchte tun, was ich kann, um die Leute zum Nachdenken anzuregen und diese immens destruktiven Projekte zu stoppen. Gerade das Keystone-Projekt betrifft mich auch persönlich, weil die Pipeline über einige der größten Trinkwasserspeicher der USA führen soll. Es wird die ganze Nation betreffen: Ich prophezeihe es – diese Pipeline wird leck sein und sie wird das Trinkwasser von einer Menge Menschen in der Mitte der USA verschmutzen, die von diesem Trinkwasser abhängig sind. Es wegen der Kinder, die mit dem verschmutzen Wasser leben müssen, weshalb ich offen gegen dieses Projekt bin.

Wir hatten es eben schon davon: Du bist in Texas aufgewachsen und dann nach Seattle gezogen. Ist Deine heutige Singer/Songwriter-Musik noch von Deinen Wurzeln aus dem Süden beeinflusst?
Ich musste mich mit einer Menge Dinge auseinandersetzen, ich hatte etwas Ballast vom Süden mit in den Nordwesten gebracht. Außerdem gab es auch einige Musikrichtungen, mit denen ich experimentieren wollte. Das alles passiert aber immer eher unterbewusst, die Songs entstehen einfach – ich muss nur zur Richtung Zeit zugreifen um sie zu fassen. Ich bin in einer sehr ländlichen Gegend in Texas aufgewachsen und die hat mich schon beeinflusst: Klar, dass Country, Folk und Singer/Songwriter-Musik ihren Weg in meine Songs finden würden. Der Anfang im Nordwesten, gerade als Teenager in der High School, war hart. Aber jetzt ist das Beste, was mir je passieren konnte: Ich hätte sonst nie Zugang zur Punkrock-Szene gefunden, die mich letztendlich zu dem Musiker gemacht hat, der ich heute bin.

Spielst Du auf Tour lieber kleine oder große Shows?
Ich mag beide Möglichkeiten und würde keine der beiden missen wollen, aber ich glaube, ich mag die kleineren lieber. In einem kleinen Raum kann man einfach eine viel bessere Verbindung zum Publikum aufbauen.

Was vermisst Du auf Tour?
Mir fehlt meine Familie ganz fürchterlich. Das ist das Schwierigste an meinem Job. Oft kann ich mit meiner Frau wegen der Zeitverschiebung nur am Wochenende sprechen und das ist schon hart. Aber ich denke, das ist einfach Teil des Opfers, das man bringt, wenn man für andere Leute etwas macht. So sehe ich meine Musik inzwischen, als Service to the People.

Hast Du selbst Lieblingsplatten von Rocky Votolato und Waxwing?
Von Waxwing wäre es „One for the Ride“. Von meinen sieben Soloplatten ist es immer noch „Makers“. Da dachte ich mir: „Das ist perfekt!“

Gibt es einen liebsten Live-Song?
Ich mag „Tinfoil Hats“ wirklich gerne, weil es einfach lustig ist. Ich mag auch „Instrument“ und „Silver Trees“ vom Album Bragg and Cuss, das in Europa nicht erhältlich ist und eigentlich ein Country-Band-Album ist.

Du siehst aus, als wärst Du wirklich glücklich mit dem, was Du tust.
Ja, bin ich. Ich glaube, es ist perfekt. Ich würde es nicht ändern. Ich bin dankbar, dass ich alles schon so lange machen kann. Ich versuche jeden Tag zu genießen. Keep it simple!

Meimeimei, eigentlich hat er aber noch mehr erzählt. Deshalb kommt hier der Original-Stream in voller Länge: Wir unterhalten uns mit Herrn Votolato.

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Fotos: PR (2), themusicminutes