Die Queens of the Stone Age haben meinen Lieblingssong geschrieben: „The Lost Art of Keeping a Secret“ hält diesen Spot unangefochten seit 13 Jahren. Diese Band hat also eine Art Freibrief bei mir. Völlig zurecht, denn Josh Homme hat mit seinem All-Star-Ensemble ein neues Meisterwerk geschaffen und die Queens of the Stone Age aus ihrem Stoner-Desert-Rock-Eck gezogen. Kann nicht funktionieren? – Oh doch! Eine Liebeserklärung.

QOTSA_CoverFinalVon dem selbstbetitelten Album der Queens of the Stone Age aus dem Jahr 1998 bis heute haben die Buben um Josh Homme fünf großartige Platten veröffentlicht. Am 31. Mai folgt nach sechs Jahren nix endlich das neue Album „…Like Clockwork“. Fast wäre es gar nicht so weit gekommen: Homme hatte 2010 eine Knieoperation und erlitt auf dem Operationstisch einen Herzstillstand. „Yeah I died.  So if you pay for surgery you get electrocution free – that’s how they do it here in the States,“ hat er dem neuseeländischen Portal stuff.co.nz berichtet. Man kann schon ganz dreist behaupten, dass sich diese Nahtoderfahrung in manchen Songs auf „…Like Clockwork“ wieder finden lässt. An und für sich ist der Albumtitel ein bandinterner Witz: Wenn alles wie am Schnürchen läuft, läuft es bei den QOTSA „like clockwork“ und wenn nicht dann im ironischen Sinne auch.

Wer Künstler wie Dave Grohl von den Foo Fighters, Alex Turner von den Arctic Monkeys, Trent Reznor von Nine Inch Nails, Mark Lanegan, Jake Shears von den Scissor Sisters und nicht zuletzt Elton John (Elton effing John!!!) für die Arbeit an seinem Album begeistern kann, hat es wirklich geschafft. Josh Homme wurde sogar von Sir Elton selbst gebeten, dass er doch mitmachen dürfe. Den QOTSA fehlten eindeutig eine echt Queen. „Honey, you have no idea“, war Hommes staubtrockene Antwort, mitmachen darf der exzentrische Brillenträger mit Adelstitel natürlich trotzdem. Besonders erfreulich ist auch die Rückkehr für manche Songs vom alten Queens of the Stone Age Bassisten Nick Olivieri, der 2004 aus der Band gekickt wurde. Aber jetzt mal im einzelnen:

Los geht’s mit „Keep Your Eyes Peeled“ und dem Geräusch von zerbrochenem Glas. Ist erst das letzte Glas zerschmissen, legt der Bass los. Und kurz drauf  kommt Homme mit seiner unverkennbaren Stimme ums Eck und steigt aber nicht so hunderprozentig ein – die Grundmelancholie vom zerbrochenen Glas wird  der Song nicht los. Und wenn Homme am Schluss singt „Praise God, nothing is as it seems“ ist man eigentlich gespannt, was er auf der Platte noch alles so vorhat. Spannend: Der erste Gaststar, Jake Shears von den Scissor Sisters, hat hier schon seinen Auftritt an den Vocals. Queens of the Stone Age und Scissor Sisters, wer hätte das gedacht? Wo Homme ja vor nicht allzu langer Zeit vorgeworfen wurde homophop zu sein. Als ob er mit der Kombi im Eröffnungstrack sagen wollen würde: In Your Face. Aber ehrlich, eigentlich will er egal mit wem nur gute Mucke machen, vermute ich.

ar2_qotsa„I Sat By the Ocean“ ist der zweite Song und erste Mitwackelsong von „…Like Clockwork“: Eingängige Gitarrenriffs, solide Basslines und Hommes Gesang, der nicht allzu oft ins Falsett abschweift, machen einen feinen Queens of the Stone Age-Track, staubtrocken und schnörkellos wie man es von den Kaliforniern gewohnt ist. „The Vampyre of Time and Memories“ kommt da schon wieder anders daher: „I want God to come und take me home/’cause I’m all alone in this crowd“. Josh Homme, was ist da los?! Angst, Zweifel – Dinge, die man von dem fast zwei Meter großen Sänger nicht wirklich gewohnt ist. „Where is this going to/ can I follow through/ I just follow you“ – na, wenn der Songs mal nichts mit seiner Nahtoderfahrung zu tun hat… Der Song ist eine dunkle Ballade mit Synthie-Keyboard wie aus den Achtzigern, die von ganz genereller Angst handelt. „I’m alive, hooray/ but I feel no love“. Musste wohl auch einfach mal gesagt werden, das Leben ist immerhin kein Ponyhof – offensichtlich auch für Josh Homme nicht.

„If I had a Tail“ ist ein Gesamtkunstwerk von Josh Homme, Alex Turner, Dave Grohl, Nick Olivieri und Mark Lanegan: Der Song klingt wegen seines „Oh lala“ in jeder Strophe ganz schön sexy! Olivieries Bass und Grohls Drums ergeben ein ganz trockenes und stabiles Gerüst für Hommes Gitarrenriffs, der von „expensive holes to bury things“ und vom „land of the free immortality“ singt. Bemerkenswerterweise klingt der Song dann in der letzten Minute ungefähr zwanzig Sekunden lang wie die ganz alten QOTSA: ein sich immer wiederholender, lauter Loop, bevor Homme und Turner dann wie von weit weg singen „If I had a tail, I will control the night“. Großartig, einfach nur großartig.

„My God Is the Sun“ kennt inzwischen ja hoffentlich jeder. Der Song hat nicht zuletzt dank Grohls überragendem Schlagzeug und Hommes schreiender Gitarre eine solche Power à la Garagensound, dass es einem beim ersten Mal Hören schon gut die Sprache verschlägt. Fast vier Minuten, die sechs Jahre Warten rechtfertigen. Bei „Kalopsia“ hat unverkennbar Trent Reznor seine Finger im Spiel: Es erwartet einen ein Mittelding aus balladig und noisy. Kennt man ja vielleicht, wenn man sich mal Nine Inch Nails zu Gemüte geführt hat – zwei Songs in einem eigentlich. Im Hintergrund hört man eine Beatmungsmaschine (oder besser: Reznors Atmen), Homme winkt „Bye Bye“ und erklärt auf der Facebook-Seite der Band zum Song: „Kalopsia /Kal‧ăpz‧ia/ 9. a condition wherein things appear more beautiful than they are.“

ar_qotsaSo, da isser jetzt der Song mit der echten selbsternannten Queen, Elton John: „Fairweather Friends“. Gitarrenlastig, mit ordentlich Geklimper von Sir Elton im Hintergrund und Backing Vocals von Elton John himself und Dave Grohl handelt der Songs von solchen Freunden, die halt nur da sind, wenn im übertragenen Sinn die Sonne scheint. Aber wie sagt Homme zum Schluss? „I don’t give a shit about them anyhow“. Aber wenigstens konnten sie für ein großartigen Song und eine noch großartigere Kollaboration herhalten. „Smooth Sailing“, Song Nummer acht, klingt anfangs funky, dann bissl psychedelisch, ist aber in jedem Fall einer für die Dancing Shoes. Homme wechselt wild zwischen seiner eigentlichen Stimme und Falsett-Tönen, der Song klingt dank seiner diversen Gitarrenlines, die sich immer wieder treffen, voll, dreckig und ja, eigentlich nach einer zu vollen, zu heißen, zu dreckigen Bar mit zu vielen Mücken im Süden der USA – in der kam ihnen ja vielleicht auch die Idee dazu. Oder ich hab einfach zu oft das Opening von „True Blood“ gesehen.

Dann sind wir auch schon fast am Ende: „I appear missing“ ist mit seinen sechs Minuten und drei Sekunden der längste Track auf „…Like Clockwork“ und ist wie ein ganz klassischer Rocksong aufgebaut – mit seinem behäbigen Weg zu den fetten Refrains, den ruhigeren Strophen, dem ewigen Gitarrensolo im Hintergrund gegen Ende und dem Fade-out, bei dem am Schluss nur noch Homme übrig ist. Das letzte, titelgebende Lied des Albums ist ein von großen Arrangements getragener Song, in dem Homme seine neue Liebe zur Falsett-Stimme nochmal ganz auslebt. Billboard nennt den Song „the prettiest thing Homme has ever put on record“. Ganz ehrlich, eine Ballade mit Streichern auf einem Queens of the Stone Age-Album? Wer hätte das bei „Rated R“ gedacht. „It’s all downhill from here“, bemerkt Homme zwischen einem Haufen „ooohhhhs“. Na wenn so der Weg abwärts aussieht, sind wir gern dabei!

„…Like Clockwork“ ist ein anderes Album der Queens of the Stone Age. Es wird vielleicht ein typisches, aber jetzt reiht es sich nicht ganz problemlos neben „Songs for the Deaf“ oder „Lullabies to Paralyze“ ein. Aber das ist auch gut so, das Album ist bei weitem das vielseitigste und persönlichste von Homme und seinen Mannen. Manchmal erinnern die Songs an die Beatles und „Abbey Road“, manchmal an den frühen Bowie, aber immer können sie ganz eigenständig stehen. Und dass es sich eine Band nach 15 Jahren traut, den wohlbekannten Boden des Stone-Desert-Rocks zu verlassen, das ist allemal bemerkenswert. Man muss „…Like Clockwork“ Zeit geben, beim ersten Mal hören wird kaum ein Fan freudig in die Höhe springen. Aber wenn man es sich ganz bewusst und nicht nur nebenbei anhört, dann ist es ein Meisterwerk. So einfach.

„…Like Clockwork“ von den Queens of the Stone Age erscheint am 31. Mai bei Matador/ Beggars Group.

Fotos: PR