Man möchte ihn umarmen, knuddeln und nicht mehr loslassen, diesen bärtigen Schlawiner. Kalabrese versorgt uns auf seinem zweiten Album „Independent Dancer“ mit lässigen Melodien und rumpelnden Beats und liefert damit den perfekten Soundtrack für laue Sommerabende an der Isar, der Spree oder der Limmat.

Kalabrese03_by-Florian-KalotayEs rumpelt. Und bumpelt. Und krumpelt. Und wumpelt. Dann eine sanfte Melodie, ein Summen. Ja, das hier nennt sich zu Recht Rumpelmusig. Warme, wohlige Grooves, die sowohl auf dem heimischen Balkon als auch im Club Sommer-Flair verbreiten. Genau wie Daft Punk bringt Kalabrese den Groove zurück in die elektronische Tanzmusik. Euphorieschübe ganz ohne EDM-Boom-Boom. Herrlich.

Von EDM hält Kalabrese – übrigens Musiker, DJ, Produzent, Clubbetreiber und Partyorganisator in einer Person – nicht viel. „Ich weiß nicht einmal, was das ausgeschrieben bedeuten soll“, grinst er und fügt hinzu, er kümmere sich sehr wenig um aktuelle Musiktrends. „Wenn mich ein Lied interessiert oder begeistert, ist mir egal, aus welcher Zeitepoche es stammt.“

Und so sattelt Kalabrese sein Pony und reitet gechillt in den Sonnenuntergang, sein Weg gepflastert von Funk, Hip-Hop, Soul, Blues, Afrobeats, frühem House und, ja, ein bisschen Country. Rumpelmusig eben, inspiriert und berührt vom Leben, wie Kalabrese sagt.

Caramel aus der Neo-Disco

Schon der Album-Opener, „Purple Rose“, mit der Zürcher Singer/Songwriterin Sarah Palin am Mic, fließt lässig aus den Boxen, überzieht Alltagssorgen mit flüßigem Caramel. „Let The Good Times Roll“, für das sich Kalabrese mit A.C. Kupper (der auch fürs Cover zuständig war) zusammengetan hat, swingt leger daher. Der Titeltrack, „Independent Dancer“ ist eine Hommage an die Helden der Nacht, an durchtanzte Clubnächte, flüchtige Begegnungen (oder so), es blubbert jazzig entspannt.

„Fresh And Foolish“ – erneut mit Sarah Palin – bedient sich, ziemlich offensichtlich, bei Róisín Murphys grandiosem Disco-Stampfer „Foolish“. Eine Verbeugung vor der großen Neo-Disco-Diva. Und mit „Sihltal“ gibt es sogar eine intime, berührende Mundart-Disco-Hymne („Ich bruuche nöd viel meh als es Velo, dini Ziit und dini Luscht. Chan au alleigänam Fluss umehocke, aber mit dir isch es tuusigmol schöner.“).

In „Desperate“, einem sanften Uptempo-House-Schwof, ist Kalabrese ein kleines bisschen verzweifelt, weil alle Girls den Dancefloor verlassen haben. Doch keine Sorge, Kalabrese, die kommen wieder! Spätestens bei „Brooklyn55“, einem bassdurchtränkten, blubbernden und fiepsenden Muntermacher.
Insgesamt liefert Kalabrese auf „Independent Dancer“ 13 lässig-entspannte, angenehm unaufgeregte, groovy Tunes, die uns den Sommer 2013 noch ein kleines bisschen verschönern.

Unterstützt wurde Kalabrese von verschiedenen Musikern wie dem Berliner Sänger Khan sowie Sarah Palin, ihres Zeichens eine der talentiertesten Schweizer Nachwuchshoffnungen seit Sophie Hunger. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der jungen Zürcherin? „Ich habe aufgelegt, Sarah kam zu mir und interessierte sich für die Musik, die ich spielte. Zufällig war’s eins meiner eigenen Lieder und sie war begeistert“, erinnert sich Kalabrese. Die beiden Kreativen tauschten ihre Nummern aus – „und wenige Wochen später waren wir bei mir gemeinsam im Studio“, erzählt Kalabrese, der bürgerlich Sacha Winkler heißt.

Der Zürcher ist verrückt nach Musik. Als Kind durchwühlte Klein-Kalabrese den Plattenschrank seiner Eltern. Dort fand er Hendrix, Coltrane und Zappa. Aus dem musikbegeisterten Teenager wurde ein Drummer, der mit dem Schweizer Hip-Hop-Kollektiv Sendak Anfang der 90er zwei Alben veröffentlichte und durch die Schweiz tourte. Später legte er die Drumsticks nieder und versuchte sich als DJ hinter den Turntables. Nach zwei EPs, Remixen u.a. für Richard Dorfmeister und dem 2007 veröffentlichten „Rumpelzirkus“ legt Kalabrese mit „Independent Dancer“ nun sein zweites Studioalbum vor.

Bitte mit Gefühl

KalabresePressFoto2013_6Er weiß, was unabhängige Dancer wollen. Seit über 15 Jahren mischt Kalabrese im Club-Underground mit. Mit seltsamen Musikwünschen kennt er sich bestens aus: „Viele Party-Gäste wünschen sich Swedish House Mafia oder fragen mich während des Auflegens, ob sie ihr iPhone bei mir aufladen könnten.“

Dem nach wie vor den Mainstream dominierenden tumben Elektro-Getöse kann er nicht viel abgewinnen. Kalabrese will die Seele zurück in die elektronische Tanzmusik bringen. Keine überproduzierten Baller-Tracks, sondern charmante „Rumpelmusig“, Songs mit Ecken und Kanten – oder eher Rundungen und Kurven, die er in seiner „Rumpelkammer“ zusammenbastelt und später damit die Nachtschwärmer beglückt. Er will den Dancefloor „sinnlicher und musikalischer bespielen“, sagt er. In der Praxis testet Kalabrese die Wirkung seiner Musik gerne in der Zukunft. Nein, nicht vor zuckenden Androiden im Robotstudio 54 anno 2033, sondern im seinem Zürcher Club Zukunft, den er gemeinsam mit fünf Freunden vor sieben Jahren gründete.

Und wir, wir testen Kalabreses Songs in den kommenden Wochen beim Grillieren (!) an der Isar, beim Faulenzen an der Limmat und bei der ein oder anderen privaten Pool-Party (Hat jemand ein Haus mit Garten und Swimming Pool?). Also, wer die Schnauze schon voll hat von Daft Punk, aber nicht auf entspannte, tanzbare Sommer-Musik verzichten will, sollte sein Glück bei Kalabrese suchen – Züridütsch-Crashkurs inklusive!

Kalabrese, „Independent Dancer“, Rumpelmusig/Compost Records/Groove Attack.

Fotos: Florian Kalotay