Es gibt Bands, die mag man seit ihrem ersten Album. Die Band of Horses ist mit ihrem Indie-Folk für viele so eine. Am Mittwochabend haben sie in Dachau ein großartiges Konzert gespielt. Vorab haben wir mit Bandgründer und Sänger Ben Bridwell gesprochen.

_66B5561Die Band of Horses hat am Mittwochabend auf dem Rathausplatz in Dachau  vor etwa 1800 Leuten eine grandiose Show hingelegt: 22 Songs, ein Querschnitt aus ihren vier LPs, bei dem ganz ungewöhnlich kein Album in den Vordergrund gerückt wurde. Offensichtlich ist auch Petrus Band of Horses-Fan:  Kurz vor Konzertbeginn hörte nämlich der vorherige Dauerregen auf  und Bandgitarrist Tyler Ramsey konnte als Solokünstler und Vorband auf der Bühne loslegen. Diese Show der Band of Horses verdient das Label „rundum perfekt“: „The Funeral“ und „Factory“ haben sich ebenso schön wie „Is There a Ghost?“ neben die Lieder von „Mirage Rock“ eingereiht und schon vor der Zugabe ein rundum glückliches Publikum vor einer wirklich nicht alltäglichen Kulisse, der Dachauer Altstadt, hinterlassen. Dass die Band dann als letzten Song noch „The General Specific“ performt hat, war nur das Icing on the Cake. Aber sie sind nicht nur hervorragende Musiker, sondern auch mehr als sympathische Gerspächspartner: Kurz vor dem Konzert haben wir uns mit Ben Bridwell, dem Anführer der Pferdebande, unterhalten – über Hochzeitsbands, das letzte Album „Mirage Rock“, Biffy Clyro und Nirvana, South Carolina und Skandinavien.

Euer letztes Album „Mirage Rock“ ist viel rockiger als seine drei Vorgänger. Wie kam es zu dieser Stiländerung?
Wir waren sehr viel als Vorband für Pearl Jam, die Foo Fighters und die King of Leon bei deren großen Arenashows unterwegs. Unser Bassist Bill [Reynolds] kam mit eher rockiger Musik an und es hat einfach zu unserer Situation gepasst: Wir wollten uns auf dem Arena-Level beweisen. Die meisten Band of Horses-Songs sind zur einen Hälfte autobiographisch und die andere besteht aus Insiderwitzen, die außer uns keiner versteht. Das Album bleibt dieser Linie treu.

Im Song „Dumpster World“ mischt Ihr nicht nur Euren typischen Crosby, Stills, Nash & Young-Sound mit ein wenig Punk, sondern habt auch scheinbar ganz ehrliche Lyrics. Ist das wirklich so oder sind in dem Song wieder eine Menge Insider-Jokes verborgen?
Es ist das gleiche [wie oben]. Bei „Mirage Rock“ dachte ich, dass diese Insiderwitze irgendwie lustig wären. – Aber für jeden Außenstehenden sind sie das irgendwie nicht. Es ist also wie immer: ein bisschen Satire und dann aber auch ein ehrliches Thema für den ganzen Song. Ich denke, die Lyrics von „Dumpster World“ sind so ehrlich wie ich nur sein kann, wenn ich einen wirklich schlechten Witz mache.

artDu hast gesagt, dass Du [vor Begeisterung] nicht wirklich darüber hinweg gekommen bist mit Eurem Produzent Glyn Johns zu arbeiten. Was hat die Arbeit mit ihm von anderen Produzenten unterschieden?
Ich war mir sehr im Klaren darüber, wo Glyn Johns‚ Platz in der Geschichte des Rock’n’Roll ist. Man kann ihn einfach nicht nicht kennen. Am Anfang  ist man eingeschüchtert, weil man sich fragt, wo der eigene Platz in [Johns‘] Welt als Produzent ist. Wir haben uns angefreundet und ab dem Zeitpunkt, ab dem wir gemeinsam im Studio standen, wurde es sehr viel einfacher als es eigentlich sein sollte. Man ist ein wenig gefangen in der Art, wie er aufnehmen will, nämlich analog und komplett ohne Computer – wir mussten uns einfach auf diese Form des Aufnehmens einlassen, egal ob gut oder schlecht. Ich bin eigentlich jemand, der perfektionistisch ist und immer versucht, mehr als nur einen Track in einen Song zu packen, um eine große Tonlandschaft zu erzeugen – ich musste mich [bei der Arbeit mit Glyn Johns] also einfach ein bisschen selbst aufgeben und denken: „Entgegen jeder Kritikermeinung, wir machen hier jetzt ein Kunstprojekt.“

Hast Du eine  von Glyn Johns produzierte Lieblingsplatte?
Es gibt dieses Konzeptalbum „White Mansions“ über die Nord- und Südstaaten der USA zur Zeit des Bürgerkriegs mit dieser wahnsinnigen Allstar-Band. Wenn man wie ich bin im Süden der USA aufgewächst und dieses Album oft hört, hat man eine andere emotionale Bindung zu ihm: Man wird nicht automatisch als „Südstaatler“ stigmatisiert, sondern die Geschichte wird von beiden Seiten erzählt. Herausgefunden zu haben, dass er dieses Album produziert hat, hat mich komplett umgehauen.

Auf der iTunes-LP-Version von „Mirage Rock“ sind Videomitschnitte von Euch bei den Aufnahmen im Studio. War das seltsam, in dem doch recht intimen Setting jemanden zu haben, der alles für die Fans filmt?
Unsere Idee war eigentlich, eine Dokumentation über die Aufnahmen zum Album zu machen. Nicht, weil wir uns selber schrecklich interessant finden, sondern ganz ehrlich: Glyn ist über 70 Jahre alt und wie oft wird er noch mit Bands arbeiten? Er macht viel mit Solokünstlern, aber nicht so sehr mit Bands. Ich dachte, es wäre wirklich interessant, den Aufnahmeprozess von fünf Bandmitgliedern und doch aber auch eigenständigen Menschen und einem „Newcomer“ samt der ganzen Dynamik zu sehen. Glyn war am Anfang von der Idee nicht begeisert, aber als er erfuhr, dass unser Aesthetic Director Christopher Wilson dafür verantwortlich zeichnet, war er mit an Bord. Wir haben schlussendlich doch keine Dokumentation gedreht: Es ist unser dritter, gescheiterter Versuch.

Du hast die Band 2004 in Seattle gegründet. Wurdest Du von der Musikszene dort irgendwie beeinflusst?
Ja, ich war großer Fan von den Sub Pop-Künstlern: Nirvanas „Bleach“ und Mudhoney „Superfuzz Bigmuff“ sind etwa zur gleichen Zeit auf diesem Label erschienen. Ich war so um die 15 Jahre alt und diese Bands haben mich total beeindruckt. Die ganze Indie-Rock-Bewegung hat mich in den Nordwesten der USA gezogen, nicht einmal so sehr die Grunge-Ära. Modest Mouse und Built To Spill, das waren die Bands, die für mich besonders wichtig waren. Man kann den Nordwesten mit allem, was jetzt von dort kommt und dem, was früher von dort kam, einfach als fruchtbares Land für die Musikszene beschreiben.

Ihr nehmt Eure Alben inzwischen in South Carolina auf. Wer beeinflusst Euch da?
So richtig in South Carolina keiner. Die südöstliche Musikszene findet eher in Athens, Georgia und North Carolina statt. South Carolina fehlt irgendwie die eigene musikalische Identität. Wenn im Nordwesten die Musik alles beeinflusst, so ist es im Süden das Wetter. Man kann das bei den Band of Horses-Alben sehen: Seit wir im Süden sind, sind unsere Songs defintiv sonniger geworden.

Danny McAskill hat Euren Song „The Funeral“ für eines seiner Bike-Videos verwendet, das inzwischen mehr als 32 Millionen Klicks hat. Fandet Ihr das gut, dass Euer Song der Soundtrack zu dem Clip war oder wart Ihr da eher nicht so begeistert davon?
Wir fanden es super. Ich bin der Meinung, dass sobald ein Song draußen ist, ist er für jedermanns Reinterpretation da. Ich finde das eher eine Anerkennung, wenn ein Kind einen unserer Songs auf YouTube singt oder CeeLo Green ein Cover von „No one’s gonna love you“ macht. Man muss aufpassen, wer die Sachen benutzt, am Anfang war ich da etwas blauäugig. Aber solange es Kunst ist, denke ich „Take it, it’s yours.“

Ihr habt einmal den Marry Song auf einer Hochzeit in Norwegen gespielt. Bekommt Ihr immer noch Anfragen als Hochzeitsband?
Ja. Es ist hart: Du machst das einmal und die Leute denken dann, Du würdest alles immer machen. Dieses eine Mal war etwas Besonderes: Das Brautpaar hat zur richtigen Zeit gefragt. Es war so bizarr damals nach Tromsø am Polarkreis zu fliegen, dass es schon eher komisch gewesen wäre nicht auf dieser Hochzeit vor Ort zu spielen. Wir sind aber noch nicht perfekt als Hochzeitsband: Ein weiteres „Mirage Rock“ und wir singen nur noch auf Hochzeiten!

Wie kommt es, dass Ihr von Anfang an in Skandinavien mehr Fans hattet als in den USA?
Ich weiß es nicht. Als wir das erste Mal nach Europa kamen, haben wir beim Oya-Festival in Norwegen gespielt: Es war ungaulblich, dass das Publikum unsere Texte mitsingen konnte und mitklaschte. Die Skandinavier waren für uns einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort, wie für so viele bärtige Folk-Bands aus den USA. Es ist wieder dieses „Zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ – ich bin sehr glücklich darüber.

Du hast mit Biffy Clyro einen Song für ihr Album „Opposites“ eingepielt. Wie kam es denn dazu und bist Du zufrieden mit dem Endergebnis, sowohl mit dem Song als auch der ganzen Platte?
Wir haben Demos für „Mirage Rock“ aufgenommen und mein Manager bekam einen Anruf von Biffys Manager, dass sie Interesse hätten mit mir Songs aufzunehmen. Ich bin augeflippt, ich bin großer Biffy Clyro-Fan! Ein bisschen Zeit verging und ich dachte, man würde sich in LA treffen, weil wir dort alle an unseren Alben gearbeitet haben. Das hat sich aber so nie ergeben. Irgendwann hieß es dann „Du hast 24 Stunden Zeit, hier sind drei Songs!“ Glücklicherweise hatte ich einen freien Tag und nahm die Songs gemeinsam mit unserem Bassisten Bill in einem Hotelzimmer auf. Ich hatte keine Vorgaben von der Band, wir waren ja nie im gleichen Raum. Ich nehme es sehr ernst, wenn mich jemand bittet, bei seinem Projekt mitzumachen und ich zergrübele es wohl auch. Ich machte also viel zu viel für die digitale Aufnahme, schickte es los und hoffte auf das Beste. Bin ich happy mit dem Endergebnis? Ja. Wenn ich nicht wüsste, dass ich es bin, würde ich meine Stimme wohl nicht raushören, die ist da sehr schön einbettet. [Biffy Clyros] Musik hat soviele verschiedene Schichten – dass ich eine Schicht in diesem Sandwich sein kann, ist perfekt.

Ihr habt letztes Jahr beim Global Citizen Festival im New Yorker Central Park mit den Black Keys, den Foo Fighters und Neil Young, mit dem Du ja oft verglichen wirst, für den guten Zweck gespielt. Denkst Du, dass diese Art von Hilfe für die Bedürftige irgendwie zu den Aufgaben von Künstlern gehört, wenn sie schon im Rampenlicht stehen?
Nein, das glaube ich nicht. Aber ich überlege in diesem Fall gar nicht: Es ist etwas so Globales, Großes, ohne politische Botschaft. Alles, was sie wollen, ist Armut bekämpfen und Menschen mit Essen und Bildung zu versorgen – da bin ich sofort dabei!

Wofür nimmst Du Dir noch wirklich Zeit neben Musik?
Für wenig. Für meine Kinder nehme ich mit viel Zeit. Ansonsten schreibe und überarbeite ich hauptsächlich meine Songs.

Wir bedanken uns für fast zwanzig Minuten Zeit mit dem Leader einer Band, die wir seit ihrem ersten Album sehr schätzen. Hier könnt Ihr das Gespräch (mit allen nervositätbezogenen Versprechern und Ausführungen von Herrn Bridwell) in voller Länge anhören.

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Für alle, die den gestrigen Abend nochmals in Studioqualität erleben möchten: Voilà, die Playlist in der Setlist-Reihenfolge!

Fotos: themusicminutes.com, Sanrda Steh/ www.steh.de (12)