Und plötzlich ist er da, der Erfolg. Bastille, die ihr Debütalbum „Bad Blood“ bereits Anfang März veröffentlichten, zaubern mit „Pompeii“ ganz lässig einen Sommer-Hit aus dem Hut.

bastilleEh eh oh, eyo, eh eh oh, eyo – so beginnt der Sommer-Hit von Bastille. Ein einfacher, schwereloser und ja, harmloser Pop-Song, den man sofort mitsummen kann. Neben „Pompeii“ finden sich auf dem Debütalbum der britischen Band weitere potenzielle Mitsing-Hymnen für die Autofahrt ans Meer oder für die Rad-Tour zum nächsten See (falls sich jemand die Blöße geben möchte).

Das Album „Bad Blood“ von Bastille war in UK bereits im März auf dem Spitzenplatz der Charts eingestiegen – laut Bastille ein surreales und völlig unerwartetes Erlebnis. Und auch die Single „Pompeii“ erreichte Rang zwei. Während Bastille die britische Insel im Sturm eroberten, hat es hierzulande etwas länger gedauert. Dank Radio-Airplay, TV-Promotion und Live-Gigs kletterte die Band um Frontmann Dan Smith mit ihrem Song „Pompeii“ nach und nach die Charts nach oben und knackte schließlich die Top 10.

Wir haben Bastille bereits Anfang des Jahres als vielversprechenden Newcomer-Act eingestuft, vom Pop-Kritiker-Establishment wurden die Band jedoch weitgehend ignoriert – oder verrissen. Kostprobe? Dem Urteil des „NME“ zufolge hat „Bad Blood“ so viel Identität wie ein Facebook-Kommentator ohne Profilbild. Das Problem der Band sei, dass sie von allen gemocht werden wolle – von Coldplay-Fans ebenso wie von Anhängern von Arcade Fire oder Ed Sheeran. Dadurch fehle es an Eigenständigkeit. Auch die Pop-Experten von „Spiegel Online“ und des „Guardian“ konnten nichts mit Bastille und ihrem bombastischen Pop-Rock anfangen. Zu austauschbar, zu trivial, so das Urteil.

In einem haben sie Recht: Bastille wollen in keine Schublade passen. Für Indie-Rock sind sie zu glamourös, für die Pop-Ecke dann doch zu indi(e)viduell, für Alternative-Rocker zu soft und für die Dance-Schiene zu folkig. Macht aber nichts. Dan Smith, Songwriter und Mastermind hinter Bastille, lässt sich eben gern von unterschiedlichen Genres und Künstlern beeinflussen – und schafft daraus etwas Neues. Und dass er seine Tatzen aus Kalkül in verschiedene Töpfe steckt, bezweifle ich.

Dass er gerne mit scheinbar divergenten Stilrichtungen experimentiert, zeigte Dan Smith bereits mit mehreren im Netz veröffentlichten Tracks, bevor das erste Bastille-Album erschien. So coverte er sich kreuz und quer durch die Pop-Geschichte, von David Guetta bis Lana del Rey. Besonders die 90er haben es Bastille angetan. So haben sie etwa in „Of The Night“ die 90s-Hits „Rhythm Is A Dancer“ von Snap und „The Rhythm Of The Night“ von Corona kombiniert. Bei Bastille werden die Eurodance-Nummern zu einem fabelhaften clubtauglichen Folk-Tune.

„Ich bin in den Neunzigern aufgewachsen und habe viele dieser Songs damals im Radio gehört“, erzählt uns Dan Smith im Interview. „Ich würde nicht unbedingt behaupten, dass ich diese Stücke liebe. Doch sie sind fest in meinem Kopf verankert.“ Er auf die massiven Hooks und Refrains. „Die haben sich tief in meiner Erinnerung eingeprägt. Aber ich überschlage mich nicht vor Begeisterung, wenn ich zum Beispiel einen Whigfield-Track höre“, so der sympathische Bastille-Frontmann.

Grundsätzlich sei er aber musikalisch sehr aufgeschlossen, bestätigt er. Er möge elektronische Musik genauso wie Indie-Bands oder Film-Scores. „Für mich geht es in erster Linie immer um den Song. Ich mag Songs mit guten Lyrics, die mir im Gedächtnis bleiben“, meint Dan Smith von Bastille.

Alle Songs von Bastille stammen von Dan Smith. Die Stücke schreibt er jeweils alleine, „so kann ich bestimmte Erfahrungen, Dinge, die mich beschäftigen, besser verarbeiten“, sagt der Brite. „Die Songs möchte ich dann aber gemeinsam mit der Band zum Leben erwecken.“ Denn obwohl der 26-jährige Londoner Dan Smith die treibende Kraft ist, ist Bastille ein Gemeinschaftsprojekt. Bassist Will Farquarson, Keyboarder Kyle Simmons und Drummer Chris „Woody“ Wood unterstützen den Singer/Songwriter nicht nur live, sondern auch bei den Studioaufnahmen. Gemeinsam feilten sie an den Songs für den Bastille-Erstling „Bad Blood“. Der kreative Output war so groß, dass das Quartett sogar bereits Stücke für ein Nachfolger-Album in der Pipeline hat.

Jetzt konzentrieren sich Bastille aber erst einmal auf ihre Live-Gigs. Auftritte in den USA, UK, Japan, Australien und Europa stehen auf dem rappelvollen Tourneeplan. Nach ihren ausverkauften Deutschland-Shows im April kehren Bastille im November für drei Konzerte nach Deutschland zurück. Am 12. November steht Herford, am 18. November Hamburg und am 22. November das Münchner Kesselhaus auf dem Tourplan. Bereits am 6. September treten Bastille beim „Berlin Festival“ auf. Was erwartet uns? „Unsere Live-Shows sind mehr ‚upbeat‘ als viele wohl erwarten würden“, verrät Dan Smith. „Wir versuchen einfach, so viel Spaß wie möglich bei unseren Auftritten zu haben. Ich renne und hüpfe viel herum. Wir freuen uns darauf!“ Wir uns auch!

Auch wenn Bastille mit ihrem Sound irgendwo zwischen Radio-Pop und Indie-Disco tatsächlich nur schwer einzuordnen und dem ein oder anderen vielleicht zu trivial sind, machen einige der Songs des Debütalbums Spaß. Das Werk enthält gleich mehrere Ohrwurm-Melodien. Die neue Single „Thing We Lost In The Fire“ zum Beispiel oder das mitreißende „Icarus“ vergisst man nicht so schnell. Mein Favorit: „These Streets“. Zugegeben, irgendwann nervt’s. Diese Leichtigkeit, diese Dance-Beats, die keine sind. Ein bisschen viel Schubidu. Irgendwann beschleicht einen sogar das ungute Gefühl, dass Bastille vielleicht ein kleines bisschen wie eine marketingstrategisch auf indie getrimmte Boyband klingt. Aber jetzt: Mitsummen. Mitwippen. Zufrieden sein. Zumindest einen Sommer lang!

bastille1Und wer noch weiterlesen mag: Wir hatten Dan Smith von Bastille schon Ende Februar an der Strippe – also vor der Veröffentlichung von „Bad Blood“ und dem Überraschungserfolg von „Pompeii“. Zwischen Promo-Terminen und Lunch beantwortete er uns ein paar Fragen.

Das erste Bastille-Album, „Bad Blood“, kombiniert Club-Musik mit Folk-Melodien. Ist das die neue Dance-Musik?
Das habe ich noch nie so gesehen. Ich versuche einfach, verschiedene Einflüsse, verschiedene Stile zusammenzuführen und daraus etwas Neues zu kreieren. Aber es stimmt, viele der Songs haben einen Up-Beat, sind tanzbar. Andererseits gibt es auch ruhigere Downbeat-Nummern. Ich habe einfach verschiedene Dinge ausprobiert und mich jeweils auf die einzelnen Bestandteile der Songs konzentriert – die Streicher, Gesangsharmonien, elektronische Elemente – und sie dann an Ende zusammengeführt.

Deine Videoclips sind kleine cineastische Kunstwerke. Wofür hast du dich zuerst begeistert: Musik oder Filme?
Filme. Ich habe als Kind natürlich viel Musik gehört, aber das erzählen von Geschichten und Filme haben mich damals mehr fasziniert. Ich wollte früher immer Cutter werden – nicht Popstar.

Apropos Geschichten erzählen: Viele deiner Songs sind wie Kurzgeschichten. Du beobachtest dein Umfeld sehr genau. Müssen deine Freunde Angst haben, plötzlich in einem deiner Stücke aufzutauchen?
(lacht) Ich denke, sie müssen sich keine Sorgen machen. Ich hoffe, dass ich persönliche Dinge jeweils so gut verstecke, dass sie es gar nicht rausfinden würden.

Du bist ein großer David-Lynch-Fan. Gab es einen bestimmten Moment, der deine Begeisterung für diesen doch recht bizarren Cosmos entfacht hat?
Der erste David-Lynch-Film, den ich sah, war „Mulholland Drive“. Ich hab ihn in einem Kino in London gesehen. Ich ging aus dem Kino und ich war überwältigt. Ich wollte wissen, was da in meinem Kopf vorging. Die Effekte, die ganze Bildsprache haben mich total in ihren Bann gezogen. Danach habe ich mir alle Filme von David Lynch angesehen. Seine Produktionen fordern einen heraus und regen zum Denken an.

Weißt du, ob er deine Musik kennt?
Das bezweifle ich – und ich hoffe auch, er kennt sie nicht.

Wieso?
Ich bin mir nicht sicher, ob er meine Songs mögen würde.

Lana del Rey lässt sich ebenfalls von David Lynch beeinflussen. Es gibt bereits Vergleiche zwischen ihr und Bastille. Kannst du das nachvollziehen?
Nein, nicht wirklich. Es gibt natürlich Parallelen: Wir legen beide großen Wert auf unsere Videos, lassen uns von Bildern und Filmen inspirieren und unsere Songs sind eher düster. Da hören die Ähnlichkeiten aber auch schon auf! Doch ich finde Lana del Rey brillant. Ich liebe ihr Album, „Born To Die“. Vielleicht geht es bei den Vergleichen mehr um die cinematografische Ästhetik, die uns beiden wichtig ist.

Hast du von Woodkid gehört? Euer Sound ist ähnlich.
Ich finde ihn unglaublich! Er ist wahnsinnig talentiert und seine Videos sind fantastisch. Und ich liebe seinen Sound.

Es gibt immer mehr Künstler, die sich nicht um Genre-Schubladisierungen kümmern, die musikalischen Grenzen verwischen mehr und mehr. Welche Rolle spielt dabei das World Wide Web?
Heute hat jeder Zugang zu allem. Die heutige junge Generation hat sicherlich keine riesige CD-Sammlung zu Hause. Stattdessen picken sie sich ihre Lieblingslieder der jeweiligen Alben heraus – unabhängig von den Musikrichtungen. Das hat natürlich auch Einfluss darauf, wie Musik heute entsteht. Verschiedene Sounds werden miteinander kombiniert.

Durch das Internet entstehen immer wieder globale Hypes. Auch Bastille wurden bereits vor dem Album-Release als „Next Big Thing“ gepriesen. Habt ihr euch während der Album-Aufnahmen unter Druck gefühlt?
Nein, wir standen nie wirklich im Rampenlicht und konnten unser Ding durchziehen. Wir haben uns fürs erste Album sehr viel Zeit genommen. Zuvor haben wir einige EPs veröffentlicht, sind viel live aufgetreten und haben uns so einen Namen als Band gemacht. Nebenbei haben wir am Album gearbeitet.

Wie lange arbeitest du schon an den Songs?
Die Titel sind in den vergangenen zwei, drei Jahren entstanden. Ich habe Songs geschrieben und auch immer wieder aufgenommen, bevor ich die Band ins Leben rief. Aber ich habe die Songs immer in Hinblick auf dieses Projekt geschrieben. Erste Versionen der Lieder habe ich zu Hause in meiner Wohnung aufgenommen. In einem kleinen Studio in Südlondon von Mark Crew haben wir die Songs dann erneut eingespielt. Einige der String-Arrangements wurden dann später in den Abbey Road Studios produziert. Manche Songs sind schon etwas älter, andere sind erst Ende 2012 entstanden. Viele Debütalben sind ja eine Art „Greatest Hits“-Zusammenstellung des bisherigen Schaffens eines Künstlers. Es sind noch viel mehr Stücke entstanden und es war schwierig, die Songs fürs Album auszuwählen.

Ihr habt also bereits Songs für ein Nachfolger-Album in der Pipeline?
Ja! Ich weiß nur noch nicht, ob wir die Chance erhalten werden, ein zweites Album zu veröffentlichen. Das hängt jetzt wohl vom Erfolg des Debüts „Bad Blood“ ab. Aber ich habe schon neue Songs aufgenommen.

Diese Frage wurde dir vermutlich schon oft gestellt: Du hast deine Band nach deinem Geburtstag, der auf den französischen Nationalfeiertag, den 14. Juli fällt, benannt. Wie bist du – als Brite – darauf gekommen?
Unser Französischlehrer an der Schule war immer ganz aufgeregt, wenn ich meinen Geburtstag nannte. Das ist mir in Erinnerung geblieben. Und hier in England ist der französische Nationalfeiertag bzw. der „Sturm auf die Bastille“, nicht unbedingt jedem geläufig. Ich mochte den Klang, es hat eine epische, historische Bedeutung. Das passt ganz gut zu den Songs.

Du hast bereits zwei Gratis-Mixtapes im Netz veröffentlicht. Wird es ein weiteres geben?
Ich würde gerne jedes Jahr ein neues Mixtape als Download anbieten. Aber das ist letztendlich eine Zeitfrage. Und ich möchte mich nicht wiederholen. Es ist eine tolle Plattform, mit Sounds herum zu experimentieren und mit anderen Künstlern zusammenzuarbeiten.

Fotos: Universal Music