Zuckersüße Melodien, dazu wabernde Beats: Mit ihrem kühlen R&B liefern AlunaGeorge den Sound für den Sommer. Mehr aber auch nicht.

AlunaGeorge Pressefoto 2013 - CMS SourceBereits Anfang des Jahres wurden sie als einer der heißesten Newcomer-Acts des Jahres gehandelt. Mit gerade mal einer Handvoll veröffentlichter Songs tauchten AlunaGeorge in zahlreichen Hotlists auf – auch bei uns – und wurden als Erneuerer des R&B in den Himmel gelobt. Lässig unterlegt das Londoner Duo seine an 90s-Acts wie Aaliyah, Brandy oder TLC erinnernden süßlichen Melodien mit gebrochenen Beats und dreckigen Basslines, die derzeit wieder durch Londons Clubs krawummen.

Die Erwartungen an das erste Album von AlunaGeorge waren enorm. Doch Sängerin Aluna Francis und Beat-Bastler George Reid ließen sich von dem Hype nicht beeinflussen. „Wenn, dann haben wir uns selbst unter Druck gesetzt, weil wir beide etwas Gutes abliefern wollten. Songs, die uns selbst zufrieden stellen“, erzählt George – dem George in AlunaGeorge – am Telefon und wirkt dabei etwas gedankenverloren. Vielleicht ist der Hype der vergangenen Monate doch nicht spurlos an dem Mittzwanziger vorbeigegangen.

Kennengelernt haben sich die beiden kreativen Köpfe 2009, als George – der einst in der Math-Rock-Band Colour spielte – einen Song von Alunas damaliger Band My Toys Like Me remixte. Für die Aufnahmen ihres gemeinsamen Debüts ließen sich AlunaGeorge Zeit. Manche der Songs auf dem Album sind bereits vor drei Jahren entstanden. Die ersten Song-Skizzen entstanden in Georges Schlafzimmer und wurden dann in einem Londoner Studio verfeinert. Aluna schrieb die Melodien und Lyrics, George bastelte die Beats.

Und hat sich das Warten nun gelohnt? Leider nein. Denn die besten Songs von „Body Music“ hat das Duo bereits vorab veröffentlicht. Wer die Singles „Attracting Flies“ – selten klang ein Beziehungskuddelmuddel so lässig und entspannt –, „You Know You Like It“ und die B-Seite „Just A Touch“ gehört hat, kennt bereits die Highlights. Einer der aufregendsten Songs, auf dem Alunas Stimme zu hören ist, stammt nicht von dem Newcomer-Duo, sondern von der britischen Neuentdeckung Disclosure. Der UK-Smash-Hit „White Noise“ verfügt über den nötigen Dreck, der den oft zu seichten Songs auf „Body Music“ fehlen.

Mit „Body Music“ halten AlunaGeorge einen Topf voll mit süßlichem, teilweise fast schon klebrigem, R&B für uns bereit, angereichert mit einer zarten 2Step- und Drum’n’Bass-Note. Honigliebhaber Winnie Puuh hätte mit Sicherheit seine Freude daran. Gegen einen kurzen Zuckerschock bzw. süßen Snack ist auch nichts einzuwenden. Wohldosiert werden uns AlunaGeorge einen Sommer lang begleiten. Aber was kommt danach? Wird das gehypte Duo als „Three-Blog-Hits-Wonder“ in die Popgeschichte eingehen? Auf dem nächsten Album möchte George mehr Gitarren zum Einsatz bringen. „Das wollte ich bereits auf ‚Body Music‘, ich habe es schlichtweg vergessen“, grinst er.

Mehr Gitarren sind gar nicht nötig. Aber mehr Ecken und Kanten hätten den Songs auf „Body Music“ nicht geschadet. Das Material wirkt insgesamt zu glattpoliert. Der Song „Kaleidoscope Love“ zum Beispiel, der auch im Cover-Artwork wieder aufgegriffen wird, ist eine nette, gemächlich dahinplätschernde R&B-Pop-Nummer, die man zwar schnell mitsummen kann, die aber ebenso schnell wieder vergessen ist. Von „Bad Idea“, „Diver“, „Friends To Lovers“ oder dem banalen Titelsong „Body Music“ bleibt nicht einmal der Hauch einer Erinnerung. Die Songs verpuffen bei der leichtesten Sommerbrise.

Immerhin: das 2steppige „Lost And Found“ kann es mit den bereits erschienenen Tracks aufnehmen. Eine eingängige Hookline und ein knackiger Beat. Ein echter Sommer-Snack ist die Cover-Version von Montell Jordans 1995er R&B-Hit „This Is How We Do It“. Fiepsige Synthies, eine dreckige Bassline, dazu verzerrte Vocals. Wieso haben die beiden Briten ausgerechnet diesen US-R&B-Angeber-Track ausgegraben? Als die beiden Musiker noch relativ unbekannt waren und bei Festivals auftraten, brauchten sie Songs, die möglichst viele Zuschauer mitsingen konnten, erklärt George. Eine besondere Beziehung gebe es aber nicht zu dem Song. „Der Titel funktionierte live und so beschlossen wird, den Song fürs Album aufzunehmen.“

Body Music - CMS SourceDie Songs auf „Body Music“, getragen von Alunas kindlicher Stimme, können zwar nicht ganz überzeugen, doch die stilvolle Produktion zeugt vom Talent der beiden. George ließ sich von den frühen minimalistischen Tracks der Neptunes und Timbaland inspirieren. Die zerhackten Beats, die gebrochenen Rhythmus-Strukturen faszinieren ihn. In die R&B-Ecke will er sich aber nicht drängen lassen. George mag Destiny’s Child und Justin Timberlake genauso wie Radiohead oder Aphex Twin, betont er.

Trotz der starken US-amerikanischen Einflüsse klingt „Body Music“ durch und durch britisch. Das liegt vor allem an den Bezügen zu UK Garage und 2Step. Die wummernden Bässe dieser beiden typisch britischen Musikstile saugte der 1987 geborene George als Teenager im Radio auf. Etwas mehr von diesen dirty Basslines hätte den Songs auf „Body Music“ nicht geschadet. Beim nächsten Mal mehr Dreck und weniger Zuckerguss. Dann freuen sich nicht nur Winnie Puuh und die Münchner Schischi-Gesellschaft, sondern auch der Rest der Gang.

Foto: Universal Music