Ein Klangteppich. Anders kann man den Sound, den das Ein-Mann-Projekt Washed Out auf „Paracosm“ produziert,unmöglich beschreiben: Ein Klangteppich, in den man gut und gerne einen knöcheltief einsinken kann, so weich ist er. Phantastisch!

PrintIst es Ambient? Ist es gar sowas  wie „Chill-Out-Elektro-Synthie-Wave“? Keine Ahnung, ist aber auch egal: Das komplette Album „Paracosm“ von Washed Out klingt so gut, dass ich all meine Gitarren-Liebeleien und Folk-Affektionen gerne im Schrank verstauen kann. Washed Out, das ist Ernest Greene aus Georgia in Amerikas Süden. Greene verfolgt auf seinem zweiten Album ein Konzept: Er baut eine Parallelwelt, einen Parakosmos, auf. Etwas deutlicher: Was dem einen sein Mittelerde, ist dem anderen ab heute Washed Outs „Paracosm“. Und es funktioniert ganz wunderbar: Wenn in einem Großraumbüro vier Telefone gleichzeitig klingeln und drei Menschen neben einem auf einmal sprechen – dann muss man nur die Kopfhörer aufsetzen und schon beamt einen dieses Album ab dem ersten Song irgendwo anders hin. Wohin, weiß man gar nicht genau – aber es spielt auch keine Rolle. Washed Out saugt einen mit seinen beruhigenden Beats, vielen Layern und Harmonien einfach auf, lässt den vielleicht stressigen Tag leichter erscheinen und nimmt uns mit in den „endless summer“.

Greene ist für seine neun Songs für „Paracosm“ von der Großstadt Atlanta in eine Vorstadt von Athens gezogen, sechs Monate hat er gemeinsam mit seiner Frau Blair und mit einer Menge alten Instrumenten, Live-Aufnahmen von Gitarre, Drums und Bass und seinem Computer an seinem Album gefeilt. Ausgefallenstes Instrument dürfte hier das Mellotron gewesen sein: Das Instrument, das die Flöte in „Strawberry Fields Forever“ von den Beatles gibt, hat auch Greene zu Experimenten inspiriert. “These machines were kind of a happy medium: The sounds have a very worn, distressed quality about them, much like an old sample. But they also offer much more flexibility because they’re playable“, verrät der studierte Bibliothekar.

washed-out-by-shae-detar-650-430

Am Sound vom „Paracosm“ ist aber seine plötzlich ländliche Umgebung in Athens auch nicht ganz unschuldig: “Subconsciously that’s a big inspiration for some of the sounds. […] I knew from the beginning I wanted this record to be optimistic, very much a daytime-sounding album. I think the last record felt more nocturnal in some ways. This one I just imagined being outside, surrounded by a beautiful, natural environment“, so Greene. Und das hört man. „Paracosm“ beginnt mit einem der sommerlichsten Geräusche, die es gibt: Vogelgezwitscher. Egal, ob es nervt, wenn man um fünf Uhr morgens angetrunken heimkommt, oder einen freut, wenn man in einer lauen Sommernacht doch noch nicht nach Hause radelt – Vogelgezwitscher weckt in jedem von uns Erinnerungen an Sonne, warme Tage und gute Zeiten.

Die neun Songs sind in einem Fluss aufgenommen, es gibt also keine Pausen zwischen den einzelnen Songs. Das muss aber auch so sein, denn Greene erzählt uns hier ja wirklich Geschichten aus seiner Parallelwelt: “All I need is the simple life / make believe the world has vanished around us”, säuselt er da in „Great Escape“. Im großen und ganzen nimmt uns der in den USA bei  SubPop (jawohl, Nirvana-„Bleach“-SubPop) gezeichnete Künstler mit in seine Phantasiewelt, in der es ein bisschen was von allem gibt: ein bisschen Pop, ein bisschen Elektro und, wenn es denn sein muss, auch eine gehörtige Prise von diesem „Chill-Out-Elektro-Synthie-Wave“.

Die Mischung klingt durchaus ein wenig wie weichgespülte Fahrstuhlmusik, aber im rein positiven Sinn. Greene schafft mit „Paracosm“ das, was man vor dem Urlaub meistens selber nicht mehr ganz auf die Reihe bekommt: Man taucht kurz mal ab, ist nicht mehr wirklich hier – im Büro, im Stress, der übervollen Stadt. Es ist großartig wie er das innerhalb der ersten paar Minuten hinbekommt. Und ganz ehrlich:  Wer wollte nicht schon lange mal wieder bis zu den Knöcheln in einen weichen, mit Blumen gemusterten (Klang-)Teppich eintauchen? – Eben! „Paracosm“ ist der Soundtrack dafür. Das Album klingt einfach nach Blumenwiese, Meer und kühler Waldlichtung. In diesem Sinne: Kopfhörer auf und ab in’s Paralleluniversum!

„Paracosm“ von Washed Out erscheint am 9. August bei Domino Records.

Foto: Shae Detar