Ein „Pop Music Emergency“! Ein Desaster! Nachdem im Netz Streams ihrer neuen Single „Applause“ kursierten, veröffentlichte Lady Gaga den Song eine Woche vor dem ursprünglich geplanten Release. Während bereits ein weiterer angeblich geleakter Track – ein Duett mit Cher (!) – für Schlagzeilen sorgt, haben wir mal genauer hingehört: Was haut Lady Gaga uns dieses Mal vor den Latz?

Pressefoto_groß - CMS SourceLady Gaga selbst scheint von ihrem neuen Album „ARTPOP“ nicht genug kriegen zu können. „Wenn ich noch einen Monat verbringen müsste, ohne meine neue Musik hören zu können, würde ich mir den Arm abbeißen“, postete sie in die Welt hinaus. Von abgebissenen Gliedmaßen von Lady-Gaga-Monsterchen ist zum Glück nichts bekannt. Inzwischen können sich auch die Fans des exzentrischen Superstars einen ersten Eindruck des neuen Materials verschaffen – und an ihren Armen riechen.

„Das ist der Moment, auf den wir alle gewartet haben“, richtete sich Lady Gaga vor wenigen Tagen an ihre Fangemeinde, die Little Monsters. Der Moment kam sogar eine Woche früher als geplant. Nachdem der neue Song der Pop-Diva, „Applause“ mutmaßlich von Hackern ins Netz gestellt wurde und innerhalb weniger Stunden zahlreiche Snippets im Netz auftauchten, veröffentlichte Universal Music den Song am 13. August offiziell über iTunes und Co. – eine Woche vor dem offiziell geplanten Release-Termin. Mit ihrem typischen Hang zur Dramatik bezeichnete Lady Gaga die Panne auf Twitter als „Pop-Musik-Notfall“ – ihrem neuen Motto „Stop the Drama. Start the Music.“ wird sie damit nicht unbedingt gerecht.

Back in Bunt

Die Resonanz war enorm: Aufgrund der zahlreichen Zugriffe kam es bei Last.fm sogar zu Server-Problemen. Das US-Branchenblatt „Billboard“ rechnet allein in den USA in der ersten Woche mit knapp einer halben Million verkaufter Downloads. „Applause“ stürmte in bislang 48 Ländern an die Spitze der iTunes Charts. Gleichzeitig erreichte das dazugehörige Lady-Gaga-Album „ARTPOP“, das am 11. November erscheinen soll, allein aufgrund der Vorbestellungen in 55 Ländern die Spitze der iTunes-Verkaufscharts.

Soweit die Fakten. Und wie klingt Lady Gaga anno 2013? Als ich mir den Song auf Kopfhörern im Zug das erste Mal anhörte, fand ich ihn erstmal belanglos. Darauf haben wir sechs Monate gewartet? Die Erwartungen an Lady Gagas erstes musikalisches Lebenszeichen seit einem halben Jahr – im rasanten Internet-Zeitalter kann man durchaus von einem Comeback sprechen – sind hoch. Eins vorweg: Eine 360-Grad-Drehung hat Lady Gaga nicht vollzogen. „Applause“ ist ein krawummiger Club-Track, der sich stark am in den USA nach wie vor dominanten EDM-Boom orientiert.

Klar, Lady Gagas ganzer artsyfartsy Schnickschnack wirkt allmählich etwas aufgesetzt. Doch das künstlerisch kaputte Cover-Foto, inszeniert vom niederländischen Fotografen-Duo Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin, ihre in den Medien viel beachtete, mit viel Haut in Szene gesetzte Verbundenheit zur Künstlerin Marina Abramovic und Textzeilen wie „one second I’m a kunst, then suddenly the kunst is me“ können nicht darüber hinwegtäuschen: „Applause“ ist Pop pur. Oder besser gesagt: Popstep pur.

Pop meets Dubstep

Wie so viele Popstars derzeit, setzt Lady Gaga auf kommerziellen, poppigen Dubstep, unterlegt mit leicht hysterischem Tech-House. Dazu eine – an Madonnas EDM-Desaster „MDNA“ erinnernde – Bridge („I live for the applause, applause, applause, I live for the applause-plause, live for the applause-plause, live for the…“) und ein simpler Refrain, der sich nach kurzer Zeit ins Gedächtnis hämmert. Das Ergebnis ist eine opulente Pop-Oper unserer Lieblingsdiva – die im Netz kursierenden reduzierten Akustik-Cover-Versionen von „Applause“ verdeutlichen das Potenzial des Arrangements. DJ White Shadow, mit dem die 27-jährige Musikerin bereits für ihr Album „Born This Way“ zusammengearbeitet hatte, sorgt für die druckvollen EDM-Beats.

Musikalisch also soweit nichts Neues. Auch inhaltlich hält sich Lady Gaga an ihre immer wieder neu variierte Fame-Erzählung. Man möchte sich vor lauter Begeisterung also nicht unbedingt den Arm abknabbern – wie Lady Gaga ihre Euphorie fürs neue Album zum Ausdruck brachte. Gut so, denn sonst könnten wir nicht applaudieren. Denn „Applause“ ist kein belangloser Elektro-Stampfer, sondern eine solide Pop-Single. Mit Standing Ovations halten wir uns aber noch zurück. Vielleicht reißt uns dann das für den 11. November angekündigte neue Album „ARTPOP“ vom Hocker.

Lady Gaga Pressebilder 9-2011 - CMS SourceSinger/Songwriter-Akustik-Perlen oder Indie-Rock wird es darauf nicht geben. Dafür gibt es womöglich Eurovision-Song-Contest-schlageresque Pop-Nümmerchen zu hören. Ein ebenfalls geleaktes Duett mit Autotune-Queen Cher verheißt jedenfalls nichts Gutes.

Gespannt bin ich auf das Video zu „Applause“, das hierzulande am 19. August auf dem neuen Pro7-Portal Ampya Premiere feiert. Ich sehe Drag Queens voguen und schrille New Yorker Club Kids anno 1992 durchdrehen. Bevor sie am 1. September das iTunes Festival in London eröffnet, präsentiert Lady Gaga ihre neue Single „Applause“ am 25. August bei den MTV Video Music Awards in New York.

Übrigens: Auch Katy Perry hat ihre neue Single „Roar“ frühzeitig veröffentlicht, nachdem der Song aus ihrem für Oktober angekündigten dritten Album „Prism“ geleakt war. Damit liefern sich die beiden Pop-Diven derzeit ein Kopf-an-Kopf-Rennen in den Download-Charts. Bislang hat Katy Perry allem Anschein nach die Nase vorn. Nur an einem kommen beide nicht vorbei: Avicii. Derweil geben sich die Sängerinnen solidarisch: „Wanna grab some shovels and fuck up some hackers?“ fragte Lady Gaga ihre Musikerkollegin via Twitter. Zum Glück ist ihr Arm noch dran.

Fotos: Inez and Vinoodh Photo, Universal Music