Heute ist er da, der erste Tag im Sommer, der schon deutlich auf den Herbst hinweist. Wir haben die Musik dazu: The Neighbourhood liefern mit „I Love You.“ den Soundtrack für die Limbo-Jahreszeit zwischen Herbst und Sommer.

88883704932Wenn man letzten Winter nach „The Neighbourhood Band“ gegooglet hat, dann kam nicht viel dabei raus: Einzig ein BBC-Interview, in dem man erfuhr, dass die Band aus fünf Jungs aus L.A. besteht und ihre Band im Rahmen eines Konzepts sieht: schwarz-weiß. Dann tauchte das Video zu „Sweater Weather“ auf, ein Clip, in dem die Band nicht vorkam, sondern zweigeteilte Bilder und Typo. Erst im Lauf dieses Jahres gaben die fünf Kerle um Hauptkonzeptionist Jesse Rutherford aka The Neighbourhood oder auch The NBHD mehr preis – unter anderem auch ihr erste Platte „I Love You“. Die ist im März bereits digital erschienen, aber passend zum aufkommenden Herbst erscheint die Scheibe jetzt auch physisch. Nachdem man immer noch nicht sehr viel mehr über das Quintett weiß, hören wir einfach genau hin.

„How“ ist der erste Track von „I Love You.“ – und bei manchen Bands wäre er zweifelsohne der Hidden Track. Der Song beginnt langsam, etwas, naja, atmosphärisch, bevor sich Schlagzeug zu den Keyboard-Sounds gesellt. Den großen Rhythmus gibt allerdings etwas vor, was klingt wie ein Schreien. Mannomann, diese Combo hat das geschafft, was man sich letztes Jahr im Kino-Film „Prometheus“ gewünscht hätte: „How“ ist wie der Soundtrack zu einem Science Fiction-Film, nur dass anstatt eines Panflöten-Heinis fünf Jungs aus L.A. die (vermutlich nicht gallerteartigen) Knöpfe drücken. Wenn Rutherford dann auch noch singt „How can you question God’s existence, if you question God himself?“ hat das weniger Religionsansatz, als dass es  vielmehr die Frage nach dem ist, wonach alle (in Science Fiction-Geschichten) suchen: Dem Wie, dem Anfang, dem Wann. Außerdem geht dieser Song so perfekt mit dem Cover auf, auf dem man nur Wolkengewaber – natürlich in schwarz-weiß – sehen kann. Doch mit nur einem Song ist es da nicht getan:

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In „Afraid“ offenbart Rutherford seine Angst, dass er einfach weg ist und jemand anderes seinen Platz in  der Welt einnimmt. Aber es würde ja einfach doch alles nichts helfen. Ähnlich trübsinnig verbirgt sich auch „Sweater Weather“ hinter einer relativ netten Fassade aus Drums, aber das hatten wir ja alles schonmal. Trotzdem oder gerade deswegen: Immer noch ein Hammer-Song!

„Alleyways“ ist mit Abstand der optimistischste Song auf dem Album, ein „La-Di-La-Da-Da“ verschafft ihm gar eine positive Grundstimmung. „Female Robbery“ konnte ebenso wie „Sweater Weather“ schon vorab gehört werden und beginnt – wieso auch immer  – mit einem U-Bahn-Gong. Nur sagt dann keiner „Mind The Gap“, sondern Rutherford fleht eher, dass man keinem etwas sagen dürfe.

Um zum Ausgang und meiner Science Fiction-Idee zurückzukommen: In „Staying Up“ erzählt Ruhterford von Alpträumen und dass er glaubt, dass da, „out there“, was ist. Na bitte, Fox Mulder und Lt. Ripley lassen grüßen! Mit „Float“ muss man sich dann auch schon wieder von The Neighbourhood verabschieden (bevor man den Repeat-Knopf drückt): „Life can only mean hardly anything, all I’ll ever be is hardly settled in“ – die Tristesse wird hier nochmal auf einen Höhepunkt geschoben. Aber keine Sorge, in keinem ihrer Songs klingen The Neighbourhood so deprimiert wie die Texte vermuten lassen. Sie klingen weniger nach der großen Angst als vielmehr vor allem nach einem: Style.

Rutherford schlängelt sich mit seinen vier Bandkollegen seinem Hip-Hop-esken Gesang durch zwölf Songs, die alle den gleichen, düsteren Grundton innehaben. Die Songs würden alle ähnlich aufgebaut, so der Sänger. Zuerst kämen die Drums, dann der (Sprech-)Gesang, dann der Rest. Für ihn wäre Hip Hop oder eben Sprechgesang nur eine weitere Form des rhythmischen Singens. Hip Hop und Gitarre, das war von Anfang die Vision, erklärt Rutherford:

„Unser erklärtes Ziel war: Hip-Hop-Ästhetik auf Indie-Basis.“

Mich erinnert Rutherford mit seiner Stimmlage manchmal an Alex Turner von den Arctic Monkeys, aber daran scheiden sich die Geister. Lieber als ihren Namen schreiben The Neighbourhood übrigens ihr Logo: ein nach unten gerichtetes Dreick mit Auge, ein Herz und ein nach unten gerichtetes Haus mit Kamin. So verwunderlich es auch ist, dass eine Band nur ungern ihre Bio oder mehr von sich preisgibt, so erfrischend ist es andererseits auch: The Neighbourhood stellen nämlich einzig ihre Musik in den Vordergrund.

Die Buben haben jedenfalls ihre Hausaufgaben gemacht: Nachdem „Sweater Weather“ in den USA schon im Winter der erste Vorbote zu „I Love You.“ war, sind sie jetzt mit den Überraschungs-Newcomern von Imagine Dragons auf großer USA-Tournee. Wir hoffen auf ein baldiges Tête-a-tête mit The Neighbourhood in Deutschland, denn nie klang düsteres schwarz-weiß schöner.

„I Love You.“ von The Neighbourhood erscheint physisch am 6. September bei Sony Music, digital ist das Album bereits bei den üblichen Verdächtigen erhältlich.