AM heißt die sehnlichst erwartete 5. Studioplatte der britischen Indie-Rock Band Arctic Monkeys und die inzwischen hyper-stylishen Protagonisten (siehe Bandfoto) nehmen uns darauf mit in die Nacht. Oder besser durch die Nacht. Wie das klingt? Ungefähr so, wie die vier in ihrem feinen Zwirn aussehen – stylish, sexy, cool.

AM_cov_lgDer NME flippt seit Wochen aus, und kriegt sich seit das Album nun erschienen ist gleich gar nicht mehr ein, vor lauter Begeisterung. 10 von 10 Punkten hat die Redaktion des größten britischen Musikmagazins dem neuesten Werk gegeben. Auf der Insel sind die Arctic Monkeys inzwischen so etwas wie Nationalhelden, die dieses Jahr auf dem Glastonbury Plakat allen Ernstes an erster Stelle, und zwar noch vor ihren Landsmännern den Rolling Stones standen! Gleichzeitig scheiden sich aber die Geister der Fans über die Entwicklung der Band. „Humbug“ (das dritte Album der Band) wäre der pure Müll, Josh Homme (der es produziert hat) hätte den Untergang der Band besiegelt, krakelen die einen – nie werden die wieder so ein Meisterstück wie „Humbug“ hinlegen, jammern die anderen. Tatsächlich ist einige Zeit vergangen und es hat sich viel verändert seit „I Bet You Look Good On The Dancefloor“ 2005 und ihrem Debütalbum 2006, das zum am schnellsten verkauften der britischen Musikgeschichte wurde. Zwischen Frontmann Alex Turner und Queens Of The Stone Age Mastermind Josh Homme hat sich schon vor längerer Zeit eine musikalische Freundschaft zusammengebraut. Josh Homme produzierte „Humbug“, das dritte Studioalbum der Arctic Monkeys, Turner war am letzten QOTSA Werk …like Clockwork beteiligt, und jetzt revanchiert sich Homme seinerseits mit einer  Gesangseinlage auf dem neuesten Longplayer der Briten.

Homme selbst hat dem NME gegenüber eine sehr treffende Kurzbeschreibung des Albums geliefert: „A really cool, sexy after-midnight record. It’s called AM, so I guess that’s really obvious. And it’s really good.“

Und es stimmt. Wenn „Do I Wanna Know“ einsetzt, hat man das erste Bier schon lange hinter sich gelassen. Das klingt schon mindestens nach der 3. Schnapsrunde, ordentlich zugerauchter Bar, zusammengekniffenen Augen, wippendem Gang aber noch viel vor. Oder man sitzt schon bei einem der Party-Truppe in der ebenso zugerauchten Küche, ein Mädel auf dem Schoß, die Hand immer schön am Glas und mindestens genauso eifrig wie Zigarettenrauch werden Lebensweisheiten rausgeblasen, an die sich am nächsten Tag keiner mehr erinnert. Die Uhr steht jedenfalls schon deutlich nach Mitternacht und es ist einer von den Abenden, die sicher nicht nachts enden, sondern morgens. AM eben!

Das prägnante Geklatsche und Gestampfe, das den Song eröffnet, sind, obwohl es so synthetisch klingt, die vier Bandmitglieder selbst. Frontman Alex Turner hat bei dem Geräusch zugleich die Assoziation „Lederhosen“ und dass es dann fertig gemischt aber doch eher klingt, als würde jemand seinem Kopf gegen ein Sci-Fi Kraftfeld dreschen. Drummer Matt Helders ordnet das Geräusch eher bei „totem Holz“ ein. Gut. Mir hat sich jetzt beim Hören keiner dieser Gedanken aufgedrängt, aber lassen wir den Künstlern mal ihre Interpretation. Am Ende funktioniert es einfach als Signature Sound in diesem wirklich guten Opener.

arctic2_band_lg

„R U Mine“ danach ist ein Kracher. Seine Spitzen-Dynamik kommt nach dem Opener fast überraschend. Da möchte man gleich aufspringen und den Barhocker umtreten. Oder den Küchenstuhl. Und auch textlich hat der Song, wie auch die ganze Platte einiges zu bieten. „She’s a silver lining lone ranger riding through an open space in my mind” geht zu Anfang schon ziemlich gut runter. Vor allem wenn es Turner mit seiner verwegensten Stimme daherraunt. Auf „One For The Road“, einer sehr, sehr relaxten, groovy Nummer, sind Drummer Helders und Bassist Nick O’Malley die wahren Stars. Sie sorgen für die wohl ungewöhnlichsten Background Stimmen, die je auf einem Arctic Monkeys Stück zu hören waren. So hoch wie sich die beiden hier ins Falsett schrauben, machen sie fast den Ladies von En Vogue Konkurrenz. Generell hat die Band diesmal wohl auch ungewöhnliche Einflüsse ausgegraben. Nicht mehr nur der geliebte 70ies Rock klingt hier als Pate durch, sondern auch Hip Hop, R’n’B und Funk Anleihen. Man habe sich sogar ein bisschen beim Style der „Mädchen-Bands“ von damals angelehnt (damit meinen sie die Musik, die ihre Freundinnen in der Schule gehört haben, während die Jungs alle ganz klar bei Dr. Dre daheim waren.)

Und es geht stark weiter. Mit „Arabella“ hat das Album einen seiner besten, wenn nicht den besten Song. Auch hier haut Turner wieder ein paar Killer-Lyrics raus: „Arabella’s got some interstellargator skin boots/ And a Helter Skelter ‚round her little finger and I ride it endlessly/ She’s got a Barbarella silver swimsuit/ And when she needs to shelter from reality/ She takes a dip in my daydreams“. Kein Brecht oder Dylan aber irgendwie Wow. Als Kontrast zum Black Sabbath Feel dürfen dann auch die Kollegen Helders und O’Malley wieder im Hintergund herumsirenen (wie auch noch öfter, wie man beim Weiterhören noch feststellen wird). Spitzen-Track!

„I Want It All“ beschließt das erste extrem starke Drittel der Platte. Hier schwingt sich auch Turner selber in stimmlich schwindelige Höhen. Mit den nächsten beiden Songs hab ich dann so meine Probleme. Hier wirds schon sehr balladenschwanger und dabei extrem schwelgerisch bis cheesy. In „No. 1 Party Anthem“ kann ich nicht anders als mir Turner als Parade-Entertainer mit weißem Anzug und noch schmalzigerer Schmalzlocke, Mikro in der Hand unter der Diskokugel vorzustellen. Aber eher beim Bingo-Abend als auf der Vegas-Bühne. Nicht mein Lieblingslied. Auch „Mad Sounds“ und „Fireside“ hauen mich nicht um. Zwar schon irgendwie charmant, mit ihrer Zurückgenommenheit und ihrem Retro-Appeal, aber die Ooohhlalalas bei „Mad Sounds“ sind dann doch ein bisschen zuviel des Guten. Mir gefallen sie einfach besser, wenn sie mehr Tempo und Biss haben. Wobei der folgende Song diesem Muster nicht wirklich gerecht wird und trotzdem zu den richtig guten der Platte gehört. In „Why’d You Only Call Me When You’re High“ wird das Kreuz mit dem Trunkenheits-SMS-Exzess besungen. Auch das Video dazu ist vor allem dank einer guten Portion Selbstironie sehr sehenswert (und der Tatsache, dass man am Anfang auch noch gleich einen Teil des Albumopeners bekommt).

Weiter gehts mit Futter für die Pop-Fraktion. „Snap Out Of It“ und „Knee Socks“ sind ultra-poppige Midtempo-Disco-Nummern. Das Album wurde in LA aufgenommen. Hier hört mans besonders. Trotzdem wurde den zwei Songs auch eine Prise dieser kühlen Sexyness verpasst, den auch der Rest des Albums bestimmt. Ein bisschen Disco-Crazyness also aber keine Fremdkörper. Und der zweite Teil von „Knee Socks“, bei dem abermals ein R’n’B divenmäßiger Background Gesang auf das launische Organ von Josh Homme trifft, kann schon was.

Beschlossen wird das Album mit der Vertonung eines Gedichts des 70ies Punk-Poeten John Cooper-Clarke, „I Wanna Be Yours“. Cooper-Clarke kann Turner an der Phrasen-Front allemal das Wasser reichen: „I wanna be your vacuum cleaner/ breathing in your dust/ I wanna be your Ford Cortina/ I will never rust.“ Das ist doch mal eine Ansage. Sehr schön groovt man sich mit dieser schrägen Ballade dem Ende des Albums entgegen.

Was bleibt? Aus meiner Sicht keine 10 von 10 Punkten, das nicht. Aber die Zufriedenheit ein wirklich gutes Album gehört zu haben, von den leichten Schwächen im Mittelteil mal abgesehen. Bemerkenswert ist der konstant coole und sexy Vibe, der sich durch alle Tracks zieht, und das Album wirklich zu einem Stimmungsschmeichler macht. Die einzige Gefahr ist wohl sich bei jedem Hören erstmal ein Bier aufmachen zu wollen. Aber es ist ja ein Platte für die Nacht bzw. den frühen Morgen – also reservieren wir sie doch für diese Gelegenheiten. Und stellen schonmal die nächste Runde Drinks kalt.

„AM“ von den Arctic Monkeys ist am 6.9.13 bei Domino Records (Goodtogo) erschienen

Fotos: PR