Allen mit schwerwiegenden Bon Iver Entzugserscheinungen, kann geholfen werden. Justin Vernon ist immer noch mit der Band Volcano Choir aktiv. Und die haben kürzlich ihr zweites Studioalbum veröffentlicht. Für „Repave“  steigt Mr. Vernon stimmlich aus dem Himmel auf die Erde herab um mit seinen Kumpels aus Wisconsin zu musizieren. Das klingt zwar nicht ganz wie Bon Iver, aber das ist auch völlig in Ordnung so.

Die Hysterie um Justin Vernons Hauptprojekt Bon Iver wurde zuletzt sogar dem Schöpfer selbst zuviel, weshalb er sich praktisch gezwungen sah, die extrem erfolgreiche Formation erstmal auf Eis zu legen. Kreative Distanz und so.

Der Mann aus Wisconsin debütierte mit seiner Band Bon Iver (eine Anlehnung ans französische „bon hiver“ = „guter Winter“) 2009 mit „For Emma, Forever Ago“. Die Songs „Flume“ und „Skinny Love“ versetzten die Indie-Gemeinde augenblicklich in Ekstase. Ein Phänomen war geboren. Als Zwischenhäppchen gabs 2010 die „Bloodbank EP“ und 2011 das selbstbetitelte zweite Album. Songs wie „Perth“ oder das atemberaubend schöne „Holocene“ sicherten Vernon endgültig seinen Status als Singer/ Songwriter Indie-Ikone. 2012 folgten dann gleich zwei popkulturelle Ritterschläge. Zwei Grammys gabs fürs beste Alternative Album und den  Best New Artist – im Universum typischerweise grammywürdiger Musik war er wohl tatsächlich eher „der Neue“- und Justin Timberlakes Bon Iver/ Vernon Parodie beim US Kultformat Saturday Night Live. Dass es sowohl in Milwaukee, der Hauptstadt seines Heimatstaates Wisconsin, als auch in Vernons Heimatort selbst einen offiziellen „Bon Iver Day“ gibt, gerät dabei ja schon fast zur Nebensache.

Volcano ChoirVolcano Choir ist nun eher eine Art Musikerkollektiv aus Wisconsin und die Band so etwas wie ein Spielplatz für alle Beteiligten. Mitglieder der Postrock Band Collections of Colonies of Bees mit Vernon als Leadvocalist. Letzterer, schon immer ein Freund unterschiedlichster Band- und Solo-Projekte war schon 2009 beim Debut „Unmap“ beteiligt. Es wurde quasi direkt in die „For Emma, Forever Ago“ Hysterie hinein veröffentlicht. Wurde der Erstling aber noch sehr entkoppelt zusammengeschraubt -alle Beteiligten haben sich ihre Ideen und Soundfitzel hin und hergeschickt, um dann am Ende etwas daraus zusammenzusetzen, ist „Repave“ weniger theoretisch entstanden. Man war komplett zusammen im Studio und das hört man auch. Das Album klingt organisch.

VC.SP_DP_Gate_Cover_rev [Converted]Die Grundstimmung ist sehr atmosphärisch. Viel Orgel, Keyboard und Akustikgitarre, ein klein bisschen Elektronik, dazu mehrstimmiger Gesang, der nicht nur Vernons multiplizierte Stimme ist, sondern sich aus denen der unterschiedlichen Bandmitglieder zusammensetzt. Zwischendurch wird’s instrumentalisch dann auch richtig vielschichtig und dicht und man schlägt die epische Richtung ein. Ein andermal wirds dann eher groovy, oder auch ein klein bisschen rockig. Auf „Repave“ hören wir sowohl Vernons prägnanten Falsettgesang, als auch seine deutlich tiefere Klangfarbe. Er ist zwar kein Matt Berninger (The National) aber das stimmliche Spektrum von astreiner Kopfstimme zu sonorem Barriton verdient doch Respekt. Auch der ein oder andere Einsatz von Auto-Tune, das ja oft die Gemüter spaltet, sei an der Stelle erwähnt. Mich stört es jetzt nicht, da es nicht aus dem Ruder läuft und außerdem als Stilmittel gut dazu passt.

Im Ganzen wirken die Kompositionen nicht so fragil, nicht so ätherisch und perfekt durchgestylt, wie Bon Iver Songs. Es herrscht hier und da ein bisschen mehr Entspannheit und Nonchalance. Alles klingt etwas geerdeter, zwar experimentell aber eher post-rock-mäßig. So als hätte man sich beim Aufnehmen gedacht, jetzt schauen wir einfach Mal, wo der Song hingeht. Müsste ich wählen, Bon Iver würden immer noch knapp den Vorzug bekommen, aber nicht nur weil diese Band erstmal Geschichte ist, rate ich, sich das hier unbedingt zu Gemüte zu führen. Eine sehr schöne Platte, die trotz ihres unverkennbaren Leadgesangs doch etwas sehr Eigenes und Eigenständiges hat. Sie braucht vielleicht mehr als einen Durchlauf, aber sie ist die Wiederholungen wert. Könnte ihren Weg in meine Lieblingsplatten des Jahres schaffen.

Anspieltips für Neugierige: das Triple „Comrade“, „Byegone“ und „Alaskans“

 

 

„Repave“ von Volcano Choir ist am 30.08.2013 bei Jagjaguwar (Cargo Records) erschienen

Fotos: PR