Janelle Monáe veröffentlichte vor kurzem ihr zweites Studioalbum „The Electric Lady“. Die kleine Soul-Diva ist immer noch funky – und hat auch etwas zu sagen.

Janelle_Mone_New_Main_Pub_2013

„In 20 Jahren werden wir in einer Welt mit Androiden leben. Und Musik werden wir womöglich via Nahrung konsumieren. Wir könnten Musik essen, so gelangt sie dann direkt in unser Hirn und ein Song poppt dort auf.“ Janelle Monáe meint es ernst. „Ich würde nichts grundsätzlich ausschließen!“ Die quirlige Soul-Diva, die sich in Interviews gern als Zeitreisende und menschlichen Roboter bezeichnet, macht sich viele Gedanken über die Zukunft. Bereits auf ihrem vor drei Jahren erschienenen Debütalbum, „The ArchAndroid“, entführte uns die US-Sängerin ins Jahr 2719 und berichtete von den Erlebnissen ihres Alter-Egos Cindi Mayweather, einem weiblichen Androiden.

Im Video zu ihrer neuen Single „Q.U.E.E.N.“ performt sie in einem „Living Museum“, in dem legendäre historische Rebellen ausgestellt sind. Unter ihnen Janelle Monáe selbst und Badoula Oblongata alias Neo-Soul-Queen Erykah Badu. Unterlegt mit massiven Funk-Beats, knallen uns die beiden eine Kampfansage gegen Unterdrückung jeglicher Art vor den Latz.

Hinter dem Science-Fiction-Kitsch steckt mehr als ein marketing-strategisches Konzept. Janelle Monáe hat eine gesellschaftskritische Botschaft, für die sie konsequent eintritt. In ihren Songs geht es etwa um die Gleichstellung der Frau, um die Akzeptanz von gesellschaftlichen Randgruppen, politische Themen werden angeschnitten. Androiden stehen dabei für „Andersartigkeit“, verkörpern queere Verhaltensmuster und Einstellungen.

„Robot love is queer!“ empört sich ein fiktiver Radiohörer in einem Interlude auf dem neuen Album „The Electric Lady“. Nein, Menschen und Androiden sind gleich! Janelle Monáe kämpft gegen Diskriminierung auf allen Ebenen – Gossip-Frontfrau Beth Ditto bezeichnete ihre Kollegin bereits als cooles Vorbild. Ähnlich wie Ditto stammt auch Janelle Monáe aus einer Arbeiterfamilie und wuchs in einer für US-Verhältnisse kleinen Stadt auf, wo sie oft aneckte und Mitglied einer Band namens Weirdoes war. Genau wie Ditto kümmert sich Janelle Monaé nicht um Gender-Zuordnungen. So tritt sie stets in maskulinen, schwarz-weißen Anzügen auf.

Janelle Monáe fühlt sich als Botschafterin von Minderheiten, sie setzt sich in ihren Songs für mehr Toleranz gegenüber marginalisierten Gruppen ein, gibt ihnen eine Stimme, wie sie sagt. Sie sei ein „Science Fiction Super Futuristic Ambassador“, so Janelle Monáe im Telefon-Interview in vollem Ernst. Sie wolle mit ihrer Musik Fragen aufwerfen und zum Denken anregen. „Was passiert, wenn wir irgendwann Seite an Seite mit Androiden leben? Werden wir sie unterdrücken, sie wie Sklaven behandeln? Wird es wieder eine Segregation geben?“ fragt Janelle Monáe in Anlehnung an die gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA vor der Bürgerrechtsbewegung. Die Geschichte könne sich wiederholen. „Deshalb trete ich stets für Einheit auf und ermutige gleichzeitig dazu, Individualität zu zelebrieren.“

http://vimeo.com/68575775

Ihre Message verpackt Janelle Monáe in eine explosive und abwechslungsreiche Mischung aus 60s-Soul, Pop, Funk, Gospel und HipHop bis hin zu Psychedelic-Rock und Musical-Elementen – wobei letztere poppigen Melodien und einer satten Produktion Platz machen mussten. Während sie ihrem musikalischen Impuls auf ihrem ersten Album „The ArchAndroid“ noch freien Lauf ließ und grandiose Nummern wie „Tightrope“ oder die Ballade „57821“ hervorbrachte, wirkt das zweite Studioalbum „The Electric Lady“ teilweise etwas glatt poliert. Die Single „Dance Apocalyptic“ zum Beispiel geht zwar schnell ins Ohr, klingt insgesamt aber zu geschliffen. Es fehlt an Ecken und Kanten. Den von ihr oft besungenen Freak hält Janelle Monáe dieses Mal ziemlich im Zaum.

Als Produzenten-Duo standen der 27-Jährigen erneut Deep Cotton alias Nate „Rocket“ Wonder und Chuck Lightning sowie Roman GianArthur zur Seite. Alle drei sind Mitglieder von Monáes Kreativzelle Wondaland Arts Society in Atlanta. Unterstützung erhielt Janelle Monáe zudem von ihren beiden prominenten Förderern Diddy und Big Boi von Outkast. Als Inspirationsquellen dienten so unterschiedliche Künstler wie Stevie Wonder, Ennio Morricone, Outkast, Frida Kahlo, Disney, Jimi Hendrix, Salvador Dalí und Debussy.

Aufgenommen wurden die Titel in Atlanta, wo Janelle Monáe, die mit 17 Jahren ihrer Heimatstadt Kansas City den Rücken kehrte, nach einem kurzen Zwischenstopp in New York landete. Einige der Song-Konzepte von „The Electric Lady“ entstanden auf Tour, u.a. mit Prince und Stevie Wonder, wie sie erzählt. Janelle Monáe, die während des Interviews meist von „wir“ spricht und damit ihr ganzes Kreativteam miteinbezieht, ließ sich von den Musiker-Größen inspirieren.

Lila Hotline
Stark geprägt wurde „The Electric Lady“ insbesondere von Prince, einer von Janelle Monáes persönlichen Helden, den sie bereits auf Tour begleitete und der ihr nun auch als Mentor zur Seite stand – angeblich rief sie ihn in seinem Domizil in Minneapolis auf seinem lila Telefon an, wenn sie nicht weiter wusste. Gemeinsam mit dem exzentrischen Superstar nahm sie das rockige Duett „Givin Em What They Love“ auf. Beeinflusst wurde der Song vom brennenden Haus in Tarantinos „Django Unchained“. So so. Aber auch hier fehlt es an Raffinesse, die beiden hätten sich ruhig ein bisschen mehr im Dreck suhlen können.

ZAEH_MONAE_SHOT5-39Mit Beyoncés kleiner Schwester Solange spielte Janelle Monáe den Titelsong „Electric Lady“ ein, eine mitreißende Pop-Nummer mit hymnischem Refrain und funky Bläsern. Der Titel des Albums geht auf einen anderen kreativen Output von Janelle Monáe zurück. Jahrelang malte sie nachts immer wieder dieselbe Frauensilhouette. „Ich verstand nicht, weshalb ich diese weibliche Figur immer wieder in anderen frechen Farben malte. Manchmal verwendete ich rot, dann grün, dann orange, gelb.“ Freunde meinten schließlich, sie solle der mysteriösen Frau einen Namen geben. „Irgendwann wurde mir klar, dass ich da die ‚Electric Lady‘ vor mir habe – der Titel meines Albums war geboren. Der Titel wiederum hat dann die Musik inspiriert.“ Das Album sei eine Hommage an rebellische, selbstbewusste Frauen, so Monáe.

Weitere musikalische Gäste auf „The Electric Lady“ sind Jazz-Musikerin Esperanza Spalding, mit der Janelle Monáe das elegante und loungige, aber recht harmlose „Dorothy Dandridge Eyes“ einspielte, sowie R’n’B-Newcomer Miguel. Gemeinsam mit dem US-Sänger entstand die elektrisierende Ballade „Primetime“, für die Passagen des Pixies-Songs „Where Is My Mind?“ adaptiert wurden. Eines der Album-Highlights – im Gegensatz zu den beiden seicht dahinplätschernden R&B-Nummern „Look Into My Eyes“ und „It’s Code“.

Alles in allem: Janelle Monáe ist eine wahnsinnig talentierte Musikerin mit vielen tollen Ideen. Beim nächsten Mal aber mehr Mut zur Andersartigkeit! Die Musik orientiert sich trotz der zahlreichen Einflüsse zu stark am Mainstream und klingt zu angepasst. Das passt nicht zur Message. Also, lass ihn raus, den Freak!

„The Electric Lady“ von Janelle Monáe ist über Warner Music erschienen und kann u.a. hier bestellt werden.

Fotos: Marc Baptiste, Andrew Zaeh