Seit gestern ist er wieder auf Platz eins der deutschen Album-Charts. Casper. Knapp 10 Tage ist sein „Hinterland“, der fast schon hysterisch-vorfreudig erwartete Nachfolger des großartigen „XOXO“, nun draußen, und es läuft, und läuft und läuft… Hat er es zurecht wieder aufs alleroberste Treppchen geschafft?

Was wurden ihm nicht alles für here Missionen untergeschoben. Den deutschen Hip Hop sollte er modernisieren – ach was, revolutionieren!,  deutschen Rap wieder zeitgemäß machen, fernab der assi-angehauchten (Euphemismus?) Gangster-Attitüde von Sido, Bushido und Konsorten. Ein neuer Messias der anspruchsvollen deutschen Musik war gefunden. Ein rappendes American Apparel Model (nur hübscher) mit Eulen-Tattoo und Metal-Shirt. Die Gefolgschaft wuchs schnell. „XOXO“ war ein großes Album, eine Ansage, ein Leuchtfeuer, es hat Grenzen eingerissen und war nicht weniger als stilprägend. Dazu war es clever, textlich gewaltig und auch musikalisch hatte man eine solch kühne Genre-Liaison eher selten gehört. Hätte Herr Lanz das Wort nicht innerhalb eines guten Jahres zwielichtiger Fernsehunterhaltung kaputtverwendet, ich würde es an dieser Stelle „spektakulär“ nennen. Nach diesem großartigen Wurf war der Erfolgsdruck, sagen wir, nicht unerheblich. Wäre ja nicht das erste Mal, dass die werte Musikindustrie und ihre achso unabhängigen Redakteure das hochgejubelte Wunderkind von gestern heute schon wieder in den Graben schreiben.

1141257-42292I33440Das Kreuz mit der Erwartung

Was hat er also draus gemacht? Erwartungen erfüllt? Wenn ja, welche waren das denn überhaupt? Und wenn nein, gleiche Frage.

Ich bin ein Fan der Generation „kurz vor XOXO“. Ich höre wenig bis keinen Hip Hop (Ausnahmen sind die üblichen Verdächtigen des US-Old-School HipHop, hier und da Jay Z und vielleicht noch eine Handvoll anderer). Der Old-School-Casper, dem ich vielleicht wie manch ein Fan der ersten Stunde nachweinen könnte, war nicht der, den ich für mich entdeckt habe. Da hatte er schon mit dem Indie angebandelt. Auf Casper gestoßen bin ich durch eine Erwähnung der hochgeschätzten Turbostaat. Im Song „Michael X“ zitiert er eine Textpassage der Flensburger. Aha aha, da ist wohl Anhören angesagt! Verlinkt war ein Video ebendieses Songs, live aufgenommen bei einem Mini-Konzert für tape.tv. W-O-W! Da wars auch schon passiert. Das alte Zeug war ausnahmslos vergriffen, Schwindelpreise bei ebay, also halfen erstmal nur YouTube-Clips und Warten auf „XOXO“. Ein paar Monate später war es dann da und eins der absoluten Wahnsinns-Alben in 2011. Nicht nur für mich.

Wenn ich also eine Erwartung an „Hinterland“ hatte, dann nur, dass es gut werden sollte. Dass es neben dem übermächtigen Vorgänger bestehen kann. Dass es anspruchsvoll wird. Musikalisch wieder überraschend und textlich erstaunlich. Ob er sich dazu diesmal noch mehr aus dem Hip-Hop-Fenster in den bunten Indie-Vorgarten rauslehnt, oder ob’s dann doch der Weg zurück zu den Wurzeln wird, war mir eher egal. Junge, mach einfach!

Das erste mal Hören bekommt man nur einmal und es ist wichtig, aber bei diesem Album sollte man sich nicht auf den ersten Durchlauf verlassen. Einige Nummern sind so offensichtlich fett und ultraspitze, dass sie einen sofort anspringen, sich festbeißen und nicht mehr loslassen. Andere brauchen ein bisschen. Und nur ganz wenige schaffens nicht so ganz (zumindest bei mir). Aber das Album als Ganzes braucht ein paar Anläufe, um zu wirken und sich zu entwickeln. Und die sollte man ihm geben. Allein deswegen, weil man bei ein- bis dreimal Hören nicht annähernd die textliche Bandbreite und die vielen, vielen Finessen erfassen kann. Nehmt euch das für den ersten Durchgang nicht vor. Euch wird schwindlig. Auch beim x-ten Mal horcht man wieder auf und entdeckt große Wort- und Satzkreationen. Und wieder viele wohplatzierte und -verpackte Zitate. Von Rio Reiser und die Sterne, über einmal mehr Turbostaat und gleich zweimal Oasis bis zu Wir Sind Helden, sich selbst und Oscar Wilde.

Das Musikportal Noisey hat zum Erscheinen des Albums ein nach eigenen Angaben ausgesprochen ausgeklügeltes „Hinterland“ -Trinkspiel vorgestellt. Hätten sie mal eine Zitate-Rubrik mit aufgenommen, man wäre wohl noch deutlich vor Albumende hinüber.

Aber nicht dass hier ein falscher Eindruck entsteht. Das Zitat hat im Hip Hop eine lange Tradition und ist somit ein frevelfreies Stilmittel.  Auch bzw. vor allem was die eigenen Textkreationen angeht, und das sind ja mal 98% Plus, sind da wieder ganz, ganz große Würfe dabei. Es dürfte nicht lange dauern, bis die ein oder andere dieser Perlen vom nächsten Künstler als Zitat geadelt wird – ob in einem Song oder in den Oberarm eines Anhängers gehackt. Mit dem Zitieren von Textpassagen halte ich mich hier mal zurück. Wir können ja alle deutsch und sind herzlich eingeladen, selbst hinzuhören und ausgiebig auf die Suche zu gehen, nach unseren persönlichen Lieblingszeilen. Und die darf und wird hier wieder jeder woanders finden.

Wie der Donner nach dem Blitz

Die ersten beiden Songs wurden bereits vor Erscheinen des Albums als Singles veröffentlicht. Der Opener „Im Ascheregen“ war wie der Donner nach dem Blitz. Alle haben darauf gewartet. Alle wussten, dass das raus kommt. Und dann ist man doch nicht vorbereitet. Und wenns soweit ist, zuckt man kurz zusammen. Das erste Lebenszeichen nach „XOXO“. In welche Richtung wird das Album gehen? Wird’s gut? Ich hoffe es wird gut. Bitte, bitte lass es gut werden!

Am Anfang denkt man, man hat eine Platte der norwegischen Indie-Formation Team Me eingelegt. Bis Caspers Stimme loskratzt. Klavier, Drums, Gitarren, Xylophon, ein ganzer Bläsertrupp, dazu ein Kinderchor und mächtig viele Background Oh-Ohs. Ehe man sichs versieht, ist er vorbei, dieser Bombast. Wieviel ist denn da grade passiert? Dieses Intro, dieser Refrain, dieser Text. Dieses Intro!!! Der Song ist in der Tat fantastisch. Ein Hammer, vielleicht der Beste des Albums. Ob’s gefährlich war, den als erste Single auszukoppeln? Das war schon eine ziemliche Ansage. Eine genauere Betrachtung-Slash-Lobeshymne gabs ja schonmal an anderer Stelle hier.

Deswegen gleich weiter zum Titelsong „Hinterland“. Die zweite Single-Auskopplung, sehr, sehr schöner Song, wunderbares Video. Hip Hop meets Indie meets Americana (Ursi, das hier ist dein Song!).

Im Refrain wird gesungen. Von Hr. Griffey höchst selbst. Das wird noch öfter passieren auf diesem Album. Konnte man im Vorfeld ja auch schon hören, dass er das vorhat. Ich finde, es gibt Songs auf dem Album, da passt es richtig gut, so wie hier. Bei anderen find‘ ichs auch nach mehrmaligem Hören ein wenig befremdlich. Wobei sich hier nie die Frage stellt, ob man, ob ER das jetzt darf. Natürlich darf er das! (Wer sich da nicht sicher ist, mal schnell vorspringen zu „Jambalaya“!). Es geht nicht darum, was sich gehört, oder was wir von ihm erwarten. Das einzige was uns zusteht, ist es, das Resultat dann gut oder eben nicht so gut zu finden. Im Verlauf des Albums wird sich noch rausstellen, dass dieses Werk ein ganz schön ambitioniertes Unterfangen ist. Allein für den Mut, erstmal auf alle Konventionen und Regeln zu scheißen und genau das hier abzuliefern, gebührt ihm aller Respekt.

„Alles endet (aber nie die Musik)“. Die ersten 10 Sekunden sind Beatsteaks, dann wirds stark Strokes-mäßig, und auf ein Turbostaat-Zitat zum Start folgt ein echt feiner, leichter, Uptempo  – Achtung Unwort! Egal, ich sags trotzdem – Gute-Laune-Song. Zum Refrain wieder ein bisschen Casper’scher Gesang. Klingt auch diesmal so schlecht nicht. Alles gut bis hier. Aber das Ende, das Ende… Den „Nananana“-Chor hätte es für mich nicht gebraucht. Aber sei’s drum. Das Publikum braucht ja auch ein paar Erfolgserlebnisse an der Mitsingfront. Nicht jeder kann sich schließlich die größtenteils komplex-anspruchsvolle Textakrobatik des Meisters draufschaffen.

Auf das Post-Revoluzzer-Stück „Nach der Demo gings bergab“ folgt „20qm“. Wie viel wahre Worte stecken hier nur wieder drin…!?! Die bittere Erkenntnis, dass man nicht mehr zusammen passt, so sehr man es sich auch bis zuletzt wünscht. //Du und ich wir sind alles, was ich nicht bin// Die gemeinsame Wohnung als stiller Zeuge der gemeinsamen Jahre und als Bild für wiedermal wunderbare Zeilen, die er einfach so unglaublich gut kann. //je voller man sich die Bude stellt, immer leerer der Raum drin, wenn man sich unterhält//. Ich wollte mich ja mit Zitaten zurückhalten, aber dieser Song geht förmlich über vor schönen und klugen Formulierungen. Und wie wohlig dabei das oho-oho-oho durch die inzwischen leere 20qm Bude echot. Irgendwie so gar nicht unheilvoll, eher versöhnlich.

Mittelmaß ist keine Option

Dann kommt „Lux Lisbon“. Und das ist zugegeben schräg. Das extrem leidende Organ eines Tom Smith (Editors) is‘ halt so ein Fall für sich. Meiner ist es nicht. Ein Klagelied. Was schon auch zum Inhalt passt (Trennung führt zu Herzschmerz führt zu allgemeiner Desillusionierung führt zu Einsamkeit führt zu allein trinken = gar nicht gut). Trotz der eigentlich schönen Melodie und der gospelhaften Refrain-Anbahnung irgendwie trostlos, das Stück. Ein abgekämpfter Casper und dazu der lamentierende Mr. Smith. So sehr ich mich bemühe, dieser Tremolo-Gesang und ich, wir werden keine Freunde mehr. Da bleibt bei mir auch nach dem achten Mal Hören ein fader Beigeschmack. Was aber auch wieder zum Text passt, denn wenn man von der Verflossenen am Ende nur das Parfüm vermisst, ist das ja auch so ganz koscher nicht.

Ist eine ganz schöne Tour de Force dieses Album. Auf eine Linie eingrooven ist hier mal so gar nicht angesagt. Langsam merkt mans. Im atmosphärischen „Ariel“ sagt er es selbst, seine größte Sorge ist das Mittelmaß. Am Ende soll was bleiben. //Am Ende wird alles gut, und ist es nicht gut, ist es (verdammt nochmal) nicht das Ende. Nein.“// Word. Danke, Oscar Wilde.

Wie absolut richtig kommt jetzt „Ganz schön okay“. Das ist die Koop mit Kraftklub und die klingt so luftig leicht, so nach absoluter Zufriedenheit und „Mir-kann-keiner-was-Attitüde“, dass es eine Wohltat ist. Die lässige Stimme von Kraftklubs Felix Kummer passt hier wie Arsch auf Eimer und bekanntermaßen ja auch gut mit Caspers Organ zusammen.  Ein Freund von mir hat neulich gesagt, der Song wär ja wohl ein bisschen zu banal geraten. Nein, nein und nochmals nein! Der ist genau gut so, wie er ist. Der Song ist wie Balsam. Der Song will vermeintlich nichts Großes, nur vermitteln, wie es ist, wenn eben alles ganz schön okay ist. Und das ist oft einfach soviel besser, als man erwarten kann. Der Song ist genau dieses musikgewordene Gefühl. Und das „Hallo-o-ohh“ ist ja wohl echt der beste und fieseste Ohrwurm-Moment des Albums.

„La Rue Morgue“. Hallo, Tom Waits! Hier wird’s ein bisschen bizarr. Man stellt sich Casper auf nem Zirkuswagen à la „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ vor. Ob ich daran jetzt wegen der melancholischen Schunkelmusik denke, dem Trötensound oder einfach nur, weil Tom Waits in dem Film einen komischen Kauz spielt (oder war er der Teufel?)?  Oder doch, weil ein singender Casper hier echt in die Richtung eines Tom Waits geht? Vermutlich die Mischung aus allem. Jedenfalls ist es einer von den Songs, bei denen ich mir nie ganz sicher bin, ob ich es jetzt wirklich so gut finde, dass Casper auf der Platte ab und an vom Sprechgesang das „Sprech“ weglässt. Diese Nummer bleibt gewöhnungsbedürftig.

„Jambalaya“. Fett. Der alte Casper in neuem Gewand. Da leben die „Casper! Bumayé“-Zeiten wieder auf. Diesmal inklusive monstermäßiger Bläser, Boom-Boom-Band und wiedermal Kinderchor. Yes! Für mich hätte ein Song mehr von dem Kaliber der Platte nicht geschadet. Aber paradoxerweise liefert genau der Text dieses Songs die Rechtfertigung dessen, was er auf diesem Album veranstaltet. Und zwar genau das, was er will. Wüst zusammenmischen, und ausprobieren worauf er grad Bock hat. (Auch auf die Gefahr hin, dass er das Wort nur genommen hat, weil es einfach ziemlich geil klingt, und er sich jetzt über den ausufernden Interpretationsdrang schlapplacht, schaut mal auf die Zutatenliste eines Jambalaya!). Und er darf das. Er war hier schließlich der Erste. Er ist das Original. Punkt. Hallo Größenwahn? Nein, schon gut. Das muss bei der atemlosen, schwindelerregenden Erfolgsstory der letzten Jahre auch mal erlaubt sein. Dazu fetzt der Song wirklich unglaublich. Für alle, die ein Lied suchen um sich vorm allesentscheidenden Termin auf Temperatur zu bringen, die neue Karre mal ordentlich auszufahren oder einfach allein daheim mal auf King Loui zu machen, hier ist es. Sorry Nachbarn, ihr nervt mich schon lang genug mit euren House-Charts. Das wird extra laut aufgedreht!

Am Ende der Reise

Und der Kreis schließt sich. „Das ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen“, hieß es noch im Refrain vom Opener „Im Ascheregen“. Am Ende ist er „Endlich Angekommen“ und alles zieht vorbei-bei-bei-bei. Und wenn bei 4:30 dann die Bläser einsetzen, geht die Reise mit Gänsehaut zu Ende und das Gefühl, das bleibt ist ein Gutes. Auch wenn der Song für meinen Geschmack etwas zu synthetisch startet, Elektro-Gewaber und Drumcomputer, die letzten Töne nach der wahnsinnig schönen Bläsersequenz gehören einem Xylophon und einer Ziehharmonika. Alles ist verziehen.

Was ist Hinterland also am Ende? Es ist Hommage und Selbstbestätigung, Abrechnung und Aufarbeitung. Die musikalischen Helden seiner Jugend, die alte Südstaaten-Heimat, das Erwachsenwerden in der Kleinstadt als es noch einfacher war, alte Beziehungen und Rebellion, der neue Ruhm als alles anders wurde und die Zukunft, denn nichts wird mehr so sein, wie es mal war. Jetzt nicht mehr. Es ist immer noch Hip Hop aber die Bande mit dem Indie sind noch enger, und es wird noch mehr experimentiert, mit unterschiedlichsten Genres geliebäugelt. Wir hören Brit-Pop, Skandinavien-Indie, Thees Uhlmann, Tom Waits und ganz viel mehr. Es ist für Casper jetzt also sein nächster logischer Schritt. Für mich ist das Album nicht perfekt, im Sinne von ich finde jeden Song perfekt. Aber das Album ist groß und mutig. Vielleicht noch mutiger als XOXO, auch wenn mir das als Gesamtwerk (noch) näher liegt. Aber was will man einem, der schonmal für einen Song seinen eigenen Vater Erinnerungen an den Sohn auf Platte sprechen lässt noch von Mut erzählen? In diesem Sinne, herzlich willkommen zurück auf der obersten Treppenstufe, Casper. Mach’s dir bequem, du bist hier schon ganz richtig.

„Hinterland“ von Casper ist am 27.09.2013 bei Four Music (Sony Music) erschienen

Fotos: PR