Ehrlich, zornig und irgendwie Held der amerikanischen Arbeiterklasse, das ist Dave Hause. Wie ein Springsteen aus Philadelphia. Mit „Devour“ legt er sein zweites Album vor. Und das beste? Er kommt auf Tour!

DH_Devour_CoverDave Hause ist einer von denen, der sagt, wenn ihnen was nicht passt. Er ist kein Freund von Schönmalerei, sondern vielmehr von der Wahrheit – egal, wie bitter die auch sein mag. Auf „Devour“ rechnet Hause in zwölf Songs in „Punk gone Songwriter“-Manier mit Träumen, der Gegenwart und der Verzweiflung ab.  Und beweist ein ein Mal mehr, dass sein Debut „Resolutions“ kein Strohfeuer war, sondern dass er Songs schreiben kann und was zu sagen hat.

In „Damascus“ (wir erinnern uns: Damaskus ist die Hauptstadt von Syrien, die seit mehr als zwei Jahren vom Bürgerkrieg zerbombt wird) singt er davon, wie er entgegen aller guten Vorsätze wieder der Lethargie anheim fällt, anstatt mal die Augen aufzumachen und was gegen Missstände zu unternehmen – obwohl er es ja besser weiß. Das unterscheidet ihn in gewissem Grad schon von manchem seiner fellow Americans und auch von vielen auf der anderen Seite des Teichs. Er singt davon, wie er dann doch wieder wie alle anderen seinen Vorrat an Gewehrkugeln und Vitamin C-Tabletten aufstockt, aber er wäre auch nicht Dave Hause, wenn er diesen Song nicht mit „I’m trying to see“ beenden würde. Und bitte – allein schon der Versuch zählt hier.

In „The Great Depression“ wird im großen Stile kirtisiert: Hause reüssiert über sein ganzes Leben, dass er ein „Reagan Kid“ war, dass ihm durch Fernsehsendungen alles mögliche versprochen wurde und dass letztendlich nichts von all dem Versprochenen wahr wurde: Die Fabriken sind geschlossen, die Lohnzahlungen werden ausgesetzt und  man befindet sich in der nächsten „great depression“, dem Shutdown, der 1a-Wirtschaftskrise. Die Hoffnung gibt Dave Hause aber nicht auf, er sucht nach einer Erinnerung an das alte Zuhause, sucht etwas, an dem er sich festhalten kann: „But there’s some places left that remind me of home//Just give me one place left that reminds me of home.“ „We Could Be Kings“ ist  eine Weiterführung seiner Abrechnung mit der Reagan-Ära und den ganzen gebrochenen Versprechen.

Dave HauseIm „Autism Vaccine Blues“ lernt man dann einen anderen Dave Hause kennen:  Einen, der gar nicht weiß, wohin mit allem: „They said the tumor would shrink before it killed my mom//I called to tell you I still love you „would you please hold the line?“//Like when I go to the altar and wait for a sign//The car won’t charge the phone’s out of gas//The gulf’s on fire it’s full of plastic trash//Is this a lump in my chest? Are those bees in my head?//I never wondered before if I’d be better off dead.“ Die Zeiten für den in Philadelphia geborenen Hause klangen wahrlich schonmal besser. „Same Disease“ schließt sich da im Grundton an, klingt aber schon bissl weniger pessimistisch. Es geht schon um das Streben nach Freiheit, das bei Dave Hause ein allgegenwärtiges Thema ist, aber eben auch um fest gefahrene Situationen, die ebendieser Freiheit im Weg stehen und einen letztendlich vom eigenen Glück abhalten.

Ab etwa der Hälfte von „Devour“ wird auch Hauses Musik etwas leichter, „Father’s Son“ macht damit den Anfang. Klingt leichter, ist nicht weniger bitter wenn es um die Lyrics geht. Nach wie vor singt Hause davon, wie man an alten Mustern einfach kleben bleibt – und wenn es die der Eltern sind, die man einfach nicht gut findet und auch nie gut fand. Und auch beherrschen im zweiten Teil die Liebe, das davon gebrochene Herz, die Mädels, das Verlassenwerden  und irgendwie auch immer wieder irgendwelche Substanzen (von Koks bis verschreibungspflichtige Medikamente), die Texte.

Den ersten optimistischen Song liefert Dave Hause erst mit „The Shine“, wenn er darum bittet, der Dunkelheit doch bitte mit einem Leuchten entgegen zu treten: „Cause we don’t stutter when we sing//Our melodies grow little wings//Huddled here grinding tears into red wine//Meet the darkness with the shine“. Und das mit dem Bitten war nicht untertrieben: Am Ende des Tracks singt er zuerst allein, dann mit einem Chor „If you’ve got the shine // shine on“ – immer und immer wieder. „Benediction“ liefert schließlich den Abschluss eines überaus gelungenen Albums: Nur die Liebe könne uns alle retten, die Frage ist nur, ob man da mit Herz und Seele dabei ist oder eben nicht. Und da klingt er schon wieder etwas versöhnlicher, der alte Punkrocker aus Philadelphia.

Man lernt auf „Devour“ einen sehr ernsthaften, mutigen und auf gewisse Weise auch gläubigen Dave Hause kennen. Das Wort „devour“ (dt. verschlingen) zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Album. Es fällt nicht nur in paar Songs, sondern für Dave Hause selbst hat es folgende Bedeutung:

“Devour is about that inherent American appetite. It’s in all the songs in some degree. There’s a reason why Tony Soprano became such a huge American icon – he’s this guy with this insane appetite for women and food and power. I think for the American public to latch onto a figure like that says something. […] Is it ever enough?”

Nix und nie etwas gegen Tony Soprano, aber man muss seinen Hut ziehen vor Dave Hause. Er schreibt sich seinen Frust von der Seele, verarbeitet lang Vergangenes und muckt auf, weil ihm manche Dinge eben so ganz und gar nicht gefallen. Wie Springsteen eben.

Wer den zornigen und prinzipiell hemdsärmeligen Hause mal in echt sehen will, hat noch dieses Jahr dazu die Möglichkeit. Und wir können nur sagen: Geht hin! Dave Hause ist live sogar noch besser auf Platte. Voilà, hier die Daten:
20.11. DE – Hamburg – Knust
21.11. DE – Bremen – Lagerhaus
22.11. DE – Hannover – Gig Linden
23.11. DE – Dresden – Beatpol
24.11. DE – Berlin – Bi Nuu
26.11. DE – Köln – Gloria
27.11. DE – Frankfurt – Batschkapp
28.11. DE – München – Strøm
29.11. CH – Zürich – Dynamo
01.12. AT – Graz – PPC
02.12. AT – Wien – B72
03.12. DE – Stuttgart – Universum

„Devour“ von Dave Hause ist am 11. Oktober bei Uncle M/Cargo erschienen.
Fotos:  Jen Maler