Magpie And The Dandelion_ Avett Brothers,The - CMS SourceDie Avett Brothers schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe: Elf bemerkenswerte Songs zuviel sind bei den Aufnahme-Sessions zu „The Carpenter“ letztes Jahr herausgekommen. Elf, die sich nun – schick poliert und abgemischt und noch dazu nur 13 Monate später – auf ihrem neuen Album „Magpie and the Dandelion“ wiederfinden. Klingt wie? 100 Prozent Avett!

Die Fans der Avett Brothers streiten sich spätestens seit deren Werbung für die Warenkette GAP: Die einen sind immer noch treue Anhänger des Brüdergespanns aus North Carolina, die anderen sehen in jedem Album, jedem Handeln den Ausverkauf und schreien „Sell Out!“. Letztere haben auch schon eine recht gefestigte Meinung zu „Magpie and the Dandelion“, das ab diesem Wochenende in den regalen stehen wird: Es klänge nicht wie die Avett Brothers, es wäre ein überproduziertes Album aus der Rick Rubin-Maschine, sie wären nicht mehr gut, sie hätten ihre Musik und vielleicht auch ihre Fans verraten kann man auf ihrer Facebook-Seite und anderen Foren lesen. Wir halten dagegen: Die Avett Brothers, Cellist Joe Kwon und Bassist Bob Crawford haben elf sehr ehrliche und persönliche Songs zum Glück vor der Schublade gerettet und ihnen auf „Magpie and the Dandelion“ ein Zuhause geschenkt.

Die Balladen überwiegen und auch wenn das sonst nicht mein Fachgebiet ist: Es ist okay. Die Avetts singen oft von den Zweifeln, den Selbstzweifeln, dem verloren gegangenen Glauben an sich selbst, an etwas, das größer ist als man selbst. Und sie gewähren dem Zuhörer einen so tiefen Einblick in ihr Seelenleben (und ich gehe davon aus, dass sie wirklich Persönliches verwerten, denn ein Avett lügt einfach nicht), dass man am Ende der Platte denkt, man habe 45 Minuten lang einem Freund zugehört.

Der Opener „Open-ended Life“ ist das Credo der Avett Brothers: „Keep an open-ended life, never trap yourself in nothing“. Die Leute davon zu überzeugen, dass man jemand anders ist als sie denken, glauben sie dir doch nicht. Und falls doch, ist es irgendwie auch enttäuschend. Es ist eine schöne Ansage an all die ach so treuen Fans: Es ist ultrafad, nur über sich selbst zu reden und alle von irgendeinem Bild von sich selbst zu überzeugen. Dann doch lieber alles Alte verbrennen und sich nicht zu etwas machen lassen, was man doch nicht ist. Jedem steht ein gewisses Maß an umtriebiger Rastlosigkeit, an Vagabundenleben zu. Und wie zum Trotz lassen es die Avett Brothers in diesem Song ab ziemlich genau der Hälfte so richtig krachen. Mundharmonika, Banjo, Fiedel und Gitarre sind für den Südstaaten-Sound veranwortlich, für den sie von den alten Fans so sehr geliebt werden. Oder wurden. Aber genau von denen lassen sie sich nicht auf nur diesen Sound festnageln: Never trap yourself in nothing. Wem das nicht reicht: Die Avetts machen neuerdings auch in Metal. Nicht ganz ernst gemeint geben sie bei Late-Show-Host Jimmy Fallon Klassiker des Genres zum besten.

Der zweite Track,  „Morning Song“ ist so getragen und episch, dass man mit dem Finale bestehend aus Chor mit Männer- und Frauen(!)-Stimmen, Streichern, Klavier  und dem gesungenen Vorsatz „I have to find that melody alone“ gar nicht rechnet. Scott Avett sinniert in dem Song darüber, ob er doch nicht so richtig zu trinken anfangen sollte, weil man ja doch wieder jeden Tag besagte Melodie für sich selbst wieder allein finden, einfach aufstehen muss und manche Leute den gemeinsamen Weg verlassen haben, wie eine Elster, “ a magpie on the wire“. Was für ein schöner Song. Lied Nummer 3, Ballade Nummer 2, „Never Been Alive“, beginnt wie einer der verspult-psychedelischen Beatles-Songs aus der „Sun King/Revolver“-Phase. Auch der Schlüsselsatz könnte von John Lennon auf einem Trip geschrieben worden sein „I’ve never felt alive/ like I am now.“ Naja, es ist eher ein ruhigeres Stück bevor dann die erste Single des Album „Another is Waiting“ den angenehmen Bruch unter all den Balladen bringt. Darüber habe ich mich ja schon ausgiebig gefreut und daran hat sich bis heute nichts geändert. Dass sie inzwischen ein Video mit Kritik an der Glitzwelt gebastelt haben steigert die Freude da nur noch mehr.

Unter den folgenden sieben Songs, die das Album dann komplettieren, finden sich fünf Balladen. Da mussten sie sich wohl Sachen von der Seele singen – im harmonischen Zwiegesang des Brüderpaars, versteht sich! „Bring Your Love to Me“ hat etwas, was man vielleicht als Banjo-Riff bezeichnen könnte: Es sind immer wieder die gleichen fünf Töne, die Scott Avett da wiederholt. „Good to You“ ist eines von diesen Liedern, bei denen man in die Knie geht vor lauter Ehrlichkeit des Sängers: Es geht den Tod eines Familienmitglieds und um die Hochzeit der besten Freundin, zu der Scott Avetts Frau allein gehen musste und bei der sie sich vor allen Leuten rechtfertigen musste, weil er nicht dabei war, weil er seine Tour über seine Pflicht als Hochzeitbegelitung gestellt hatte. Und egal, ob das nur eine Metapher für etwas ganz etwas anderes ist – er macht ihr auf diese Weise eine so offene Liebeserklärung, dass selbst der härteste Kern in Menschen dahinschmilzt. Und nicht erst, wenn er fragt „I wanna be good to you and when I come home, would me still want me, too?“ Aber Scott bekommt Unterstützung: Bassist Bob Crawford stellt seiner kleinen Tochter, die unlängst wegen eines Gehirntumors behandelt wurde, die gleiche Frage.

„Souls Like the Wheels“ ist eine Live-Aufzeichnung, die Seth Avett allein mit seiner Gitarre bestreitet. Das Publikum ist schön leise während er da allein auf der Bühne singt (so wie es sich gehört!).  Der vorletzte Song „Vanity“ verkleidet sich zuerst als Ballade, legt aber dann nochmal ordentlich zu: Dissonanzen bei den Avetts? Ja, sowas gibt’s. E-Gitarre und Uptempo-Beat? Ja, sowas auch. Was ist da los? Die einfache Antwort: It’s all vanity.  Bis zur nächsten Platte verabschieden sich die Avett Brothers mit einer Country-Ballade im Dreivierteltakt mit Klavier, Cello, Geigen, Orgel und allem, was ihre Songs schon immer zu „Avetts-Songs“ gemacht hat. Back to the roots, also doch wieder. Und vielleicht lässt sich da ja auch der ein oder andere anfangs erzürnte Old school-Fan wieder bezirzen. Verdient hätten es die Buben aus North Carolina.

Sie selbst erklären sich und MetroLyrics den doch recht flott erschienenen Nachfolger zu „The Carpenter“ so:

„While we were working on The Carpenter, we were so inspired that we wrote another record as well. During those sessions, we just felt it. Working with Rick Rubin again, we tapped into something very special. It’s like everybody was in the same zone.“

artWer jetzt jammert, dass sie nicht so wie damals klingen, dem sei gesagt: Die guten alten Zeiten sind vorbei – und das noch nicht mal „leider“. Dass man einem Künstler, den man schätzt, nicht die Möglichkeit einräumt sich weiterzuentwickeln, ist unfair. Die Avetts haben vielleicht ihren Stil verändert, aber nach wie vor sind sie Buben, deren Ehrlickeit und Bodenständigkeit manchmal schon weh tut. Sie beschäftigen sich immer noch mit dem, was ihnen passiert ist und ihnen wichtig ist: ihrem Leben. Sie wollten und wollen nie jemanden bekehren, sondern sich selbst treu bleiben. Als Beispiel: Seth Avett, von manchem ungefragt auf den Americana-Altar gehoben, entwirft inzwischen nebenbei Skateboard-Decks. Verträgt sich nicht mit Americana-Musik? Sagt wer? Wieso? – Eben!

„Magpie and the Dandelion“ klingt wie die Worte eines guten Freundes, wenn man sie braucht. Wie eine musikalische Kürbissuppe im Herbst (für diesen Vergleich muss man Kürbis mögen, ist klar!). Sie machen ihre Sache mit Herzblut und so vielen persönlichen Details, dass sie schon allein deshalb eine mehr als willkommene Abwechslung zum ganzen schnöden Pop-Business mit all seinen Blendern sind. Oder wie sagt es NPR, bei denen man übrigens das Album übrigens komplett im Stream anhören konnte: Die Musik der Avett Brothers gleicht einem „makeshift guide to life, and to being fundamentally decent in the pursuit of something even better.“ Da schließen wir uns an.

„Magpie and the Dandelion“ von den Avett Brothers erscheint am 25. Okotber bei Republic/ Universal Music.

Foto: twitter.com/theavettbros