Chvrches, das sind Lauren Mayberry, Iain Cook und Martin Doherty aus Glasgow. Als Trio gelten sie als einer der hottesten Newcomer des Jahres 2013. Vor ihrem Gig in München haben wir mal Hallo gesagt und Martin Doherty zu allem möglichen Zeugs befragt.

art2Anfang des Jahres hat Euch der Rolling Stone zu einer „Band to Watch“, seit 11. Oktober seid Ihr seine „Hot Band 2013“. Was ist alles passiert seitdem, hattet Ihr eine gute Zeit?
Ja, es war eine großartige Zeit. Wir haben viele Konzerte gespielt, waren viel in Amerika und viel unterwegs – weitaus mehr als wir uns jemals erträumt hatten. Wir haben tolle Venues gesehen und sind in eine Menge interessanter Situationen geraten. Eigentlich haben wir total viel gearbeitet und versucht aus unserem Album einen Erfolg zu machen. Das rechnet sich inzwischen, obwohl nicht glaube, dass wir uns auf diesen Lorbeeren ausruhen dürfen: Da kommt noch eine Menge harte Arbeit auf uns zu!

Ihr wart am Anfang so eine Art Internet-Phänomen.
Naja, Phänomen ist ein großes Wort. Wir haben im Internet gerade am Anfang Leute erreicht, in einer Geschwindikeit, mit der wir nie gerechnet hätten. Ich war davon am Anfang schockiert. Letztendlich hat uns das geholfen, klar. Als „Internet-Band“ hat man gerade am Anfang eine größere Plattform um Menschen zu erreichen. Aber irgendwann muss man den Absprung schaffen. Für uns war das unser Album. Das beste Album, das wir machen konnten. Das Internet hat uns auf jeden Fall mehr geholfen als dass es uns geschadet hat. Vor zehn oder fünfzehn Jahren wäre das gar nicht möglich gewesen. Blogs informieren die Leute inzwischen ja über neue Musik – egal ob groß oder klein – und darüber wurden unsere Songs am Anfang weitergegeben. So haben sich dann die Leute erst für uns interessiert. Wenn du die Leute [im Internet]  aber enttäuschst oder langweilst, dann kannst Du einpacken. Wir haben uns die ganze Zeit sehr darauf konzentriert, eine gute Platte zu machen, weil man nur damit die Leute zufrieden stellen kann. Es ist auch nicht an uns zu sagen „Ach, tolle Platte!“, das müssen eher die Zuhörer entscheiden. Aber das wwar auf jeden Fall unser Ziel.

Ihr sagt, Prince wäre für Euch ein großer Einfluss. Wie kommt’s, Ihr seid ja eigentlich eher eine Synthie-Band und nicht so sehr Soul und R’n’B wie Prince?
Mich persönlich inspiriert Prince gar nicht so sehr. „Purple Rain“ ist eines meiner Lieblingsalben und ich mag Prince, aber ich bin viel größerer Michael Jackson- als Prince-Fan.

Okay. Was sind ist Dein Lieblingssong von Michael Jackson?
Hmmm, „Dirty Diana“ oder „Man in the Mirror“? „Speed Demon“. „Black or White“ war auch ein guter Song, „Off the Wall“ war ein Top-Album. Wir könnten den ganzen Tag hier sitzen und über Michael Jackson sprechen. Er war so ein Wahnsinnskünstler. Um aber auf die 80er-Synthie-Band-Sache zurückzukommen: Ich glaube, das liegt an unseren Instrumenten. Wenn Leute sagen, wir wären retro, dann stimmt das nicht so ganz: Wir sind mehr als retro. R’N’B und Pop spielen eine extrem große Rolle bei uns. Wenn man zum Beispiel das Keyboard stumm schalten und nur Bass und Drums hören würde, dann würde man die R’N’B und die Pop-Drums hören und all die melodischen Elemente, die auch aus diesen Richtungen kommen. Anstatt uns der Retroschiene zuzuordnen, nutzen wir diese nostalgischen Elemente in der modernsten Art um etwas Neues zu schaffen. Natürlich spielt aber unsere eigene Individualität da auch noch eine gehörige Rolle.

Wie läuft das Songwriting bei Euch ab?
Das ist ein dreiteiliger Prozess. Jeder von uns drei hat seine ganz spezielle Stärke: Laurens Stärke liegt im Verfassen der Texte, ich bin gut im Komponieren der Melodien und dem Verbinden von Text und Melodie und Iain ist super in Produktion und Arrangement. Gemeinsam vermischen wir das dann auf die am interessanteste Art und Weise.

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Ihr benutzt ja eine Menge Keyboards und Synthesizer. Wäre es live vielleicht leichter nur mit Gitarre und Drums?
Ich denke schon, dass das einfacher wäre. Wir würden dann aber nicht so viel Spaß haben. Das technisch Anspruchvollste war wirklich, den Sound des Albums auf die Bühne zu transportieren. Das war eine der größten Herausforderungen überhaupt für uns. Ich war sehr strikt dagegen, einfach nur Computer auf der Bühne zu benutzen, das machen ja viele. Da wird mir schlecht, wenn ich sowas sehe. Damit zieht man das Publikum ab. Die Leuten zahlen für eine Live-Show und nicht für Karaoke. Das fühlt sich einfach link an und ist etwas, was wir nie tun würden. Wir haben uns sehr viel Mühe gegeben, so viele Live-Elemente wie möglich in die Show einzuarbeiten, deren Energie ist letztendlich die gleiche, die man bei einer Rockband hätte. Ich glaube außerdem auch, dass wir mit Rockbands mehr gemeinsam haben als mit Elektro-Bands. Das ist seltsam, weil wir nur elektronische Instrumente spielen, aber so ist es.

Es gibt da eine Band, der man auch gern das Wort „Elektro-Rock-Band“ um die Ohren wirft: Depeche Mode. Ihr wart mit ihnen auf Tour und habt im Vorprogramm gespielt. Wie war das?
Ich möchte mich von Klischees fernhalten, aber das war eines der wichtigsten Dinge in meinem Leben. Diese Möglichkeit zu haben und allein die Anerkennung von ihnen, mit ihnen auf Tour zu gehen, das bedeutet mir, uns allen, besonders Iain wahnsinnig viel. Was uns auch immer noch alles passieren wird, ich werde diese Erinnerungen immer bei mir tragen. Vor der ersten Show mit Depeche Mode war ich nervös. Es ist dieses Ding mit den großen Bühnen: Entweder Du verlierst oder Du nutzt die Gelegenheit und spielst eine gute Show. Wir haben letzteres gemacht, finde ich. Ich habe bemerkt, dass man in einem Stadion mit 60.000 Leuten nur die ersten 10.000 Zuschauer ein wenig erkennen kann, die anderen im Stadion sind nur kleine Punkte. Das macht es leichter: Du performst für sie, aber Du hast keine Angst, weil sie ja nur Punkte sind.

art3Wo war Eure bisher beste Live-Show?
Jede einzelne Show ist ein Privileg und für sich großartig. Aber es gab diese außerordentlichen Momente auf der Bühne schon: Wir haben im Troubadour in LA gespielt, ein kleinerer Laden für 450 Leute, am Tag nach einer Show in einer großen Venue. Im Troubadour spielten schon Guns’n’Roses und Mötley Crue – das war schon der Hammer. Köln vor ein paar Tagen war auch ziemlich gut, finde ich.

Ihr seid ja alle drei aus Glasgow. Wie ist es für Euch daheim zu spielen?
Zuhause ist es immer ein einzigartiger Gig. Man bekommt wieder Lampenfieber, weil ja Familie und Freunde im Publikum sind. Ich spiele gern zuhause, weil dann ist man mal daheim – das kommt ja nicht mehr so oft vor. Was ich nach den Shows in Glasgow nicht mag, ist der Kater am nächsten Morgen. Der scheint da immer schlimmer als anderswo zu sein.

Was kommt nach der Europa-Tour und der USA-Tour? Ein neues Album vielleicht?
Wir haben über Weihnachten dann frei. Im Januar treffen wir uns und arbeiten wieder konzentriert an neuen Songs für das zweite Album. Wir machen uns da keinen Druck, es herrscht keine Eile das Nachfolgealbum [zu „The Bones of What You Believe“]schnell auf den Markt zu bringen. Ende Januar sind wir dann auf Tour in Japan und dann kommt der Sommer.

Letzte Frage: Wovon handelt „The Mother We Share“ wirklich?
Hoffnung, aber letztendlich dann doch nur Enttäuschung. Es geht nicht um Mütter.

Wer auf schottischen Akzent steht, kann sich hier die Original-File anhören.

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Und nun zur Live-Show: Seit Wochen schon ist das Konzert im Münchner Strøm ausverkauft, Tickets werden für über 100 Euro pro Stück in der düsteren Welt des Konzertkartenschwarzmarkts vertickt. Alle wollen Chvrches in Club-Atmosphäre sehen, nicht erst, wenn sie im März wiederkommen und in der Muffathalle spielen. Kurz vor 21 Uhr steht man vor dem Strøm in einer langen Schlange an, drinnen ist es überall voll, der Raum heizt sich auf – perfekte Voraussetzungen für eine fetzige Elektro-Synth-Pop-Band wie Chvrches, meint man. Meint man? Jawohl, denn das Münchner Publikum hat sich diesmal leider nicht so sehr mit Ruhm bekleckert: Nur bei „Recover“ (der ersten Single der Band), „The Mother We Share“ (der zweiten Single der Band) und „Under The Tide“ (vielleicht dank des Beats, den hier sogar eine komplett arythmische Person ab und an treffen würde) wird ein bisschen getanzt, mitgeklatscht, gehen ein paar Hände nach oben. Und die Band? Spielt sich da vorn einen ab. Mayberry führt das Trio gekonnt ab, obwohl sie so eine zierliche Person ist. Sie wird von Iain Cook, dem tanzenden Bassisten/Keyboarder und Martin Doherty am Synthesizer recht tatkräftig unterstützt. Da hätte sich das etwas dröge Publikum im Strøm mal was abschauen sollen. Das können wir doch eigentlich besser! Dass dann fei keiner der gestrigen Besucher jammert, dass die Muffathalle zu groß wäre und da keine Stimmung aufkäme. Und wie war jetzt die Show? Super! Kein einziger Einwand! Wir rufen springend, tanzend und lachend von ganz hinten nach vorn zur Bühne: „Go Chvrches!“

Fotos: themusicminutes.com