Manchmal passiert es doch noch. In Zeiten, wo man über den Facebook-Feed, regelmäßig besuchte Seiten und einschlägige Magazine quasi überall und rund um die Uhr zugebombt wird mit dem neuesten und (diesmal aber wirklich und endgültig) heißesten Scheiß auf dem Musikmarkt, entdeckt man doch ab und an noch zufällig einen Künstler, der einen in Staunen versetzt. Diese Momente werden immer seltener. Aber wenn sie dann passieren, sind sie umso schöner.

So geschehen dieser Tage. Bei der regelmäßigen Recherche zum Aufstöbern neuer, sehenswerter Serien werden einen Haufen Trailer gesichtet, und bei einem bleibe ich hängen. „Top Of The Lake“, eine hochgelobte Miniserie aus Neuseeland, die ab 7. November auch auf arte zu sehen sein wird. Cooler Trailer, schöne Bilder, interessante Story, tolle Schauspieler, und das alles im wunderschönen Neuseeland. Passt, wird auf jeden Fall geschaut. Aber der Song, mit dem der Trailer hinterlegt war…. Bäm, ein Instant Knaller! Wer ist das den bitte? Egal, erstmal nochmal anschauen/ anhören. Und nochmal, und nochmal…..

 

 

Seitdem verfolgt mich dieses Lied. Es ist fantastisch. Der Anfang lässt an Adeles „Rolling In The Deep“ denken, aber ehe sich der Gedanke festigen kann, fragt man sich bei dem Gitarrensound, ist das eine neue Melissa Etheridge? Nein, ist es nicht. Denn jetzt kommt der Gesang dazu. Eine Stimme wie ein Moorsee, tief und dunkel aber weich. Samtweich. Ein super Sound. Ein bisschen Soul und Blues, und eine gute Portion knochentrockener Rock. In der zweiten Hälfte, wo die Instrumentalisierung dichter wird (kurz nachdem diese hypnotisierende Stimme mit ordentlich Hall versetzt raunt „Hunting for witches. Hunting down those bitches“), könnten das gut auch die Steaming Satellites mit einer Gastsängerin sein. Sind sie nicht. Man wird noch überrascht sein, aus welcher Person diese Stimme kommt. Irre!

Es ist Georgi Kay. Bürgerlich Georgina Kingsley. Dieses Mädchen kommt vom anderen Ende der Welt, aus Australien, ist 20 Jahre alt, geht aber optisch gut für 17 durch und hat ein Faible für Horrorfilme und Übernatürliches. Sie trägt erhobenen Hauptes eine Paul Weller Gedächtnisfrisur, Klamotten wie Jamie Hince und ein kleines Gitarrenformat wie Ed Sheeran. Das ist übrigens etwas, was die ganze Sache für mich noch besser macht. Sie singt das Lied nicht nur, sie hat es geschrieben und spielt es auch. Ich persönlich mag es, wenn der Sänger auch ein Instrument spielt. Man nimmt ihnen das Ganze einfach mehr ab. Gerade in der Singer-Songwriter Sparte, ist es doch immer etwas seltsam, wenn der Protagonist dann einfach nur dasteht. Fräuleinwunder und Hype der Stunde Lorde macht das ja aus Prinzip, weil ihrer Meinung nach eine ausschließlich singende Frau ästhetischer und künstlerischer ist (Ihre Meinung sei ihr vergönnt. Abgesehen davon, dass sie mit ihren 16 Jahren vielleicht per se noch nicht der Inbegriff einer Frau ist.).

georgi_kay_in_my_mindZurück zum Song. Den sie angeblich beim Staubsaugen geschrieben hat. Diese düster morbide musikalische Hexenjagd heißt also „Ipswich“ und ist zu finden auf ihrer zweiten EP „In My Mind“. Die erste mit Namen „Strange Things“ veröffentlichte sie bereits 2010. 2011 dann ihr erstes Album „Backwards Forwards“. Mit EP Nummer 2 wird sie nun endgültig und einhellig als ein großartiges, neues Talent to watch gehandelt. Zurecht. Mit 10 hat sie sich selbst das Gitarrespielen beigebracht, ein paar Jahre später war sie Leadgitarristin einer Rockband, wenig später solo unterwegs und letztes Jahr in ihrem Heimatland mit Ed Sheeran auf Tour. Preise hat sie inzwischen auch gewonnen. Für „Top Of The Lake“ hat sie übrigens nicht nur Musik beigesteuert sondern auch eine Rolle übernommen. Das volle Programm.

Außer „Ipswich“ gibt es noch drei weitere Songs. Den Titeltrack „In My Mind“, eine traurig schöne Slow Motion Ballade, die ein wenig an Lana Del Reys „Videogames“ erinnert. Dazu ein wunderbares Cover von meinem Lieblingssong der großartigen Björk. „Jóga“. Dieses Cover hat den Namen “Cover” endlich mal verdient. Ist es doch leider eher die Regel, als die Ausnahme, dass sogenannte Coverversionen klingen wie die Karaoke-Ausgabe des Originals. Diese Version ist anders, eigen. Nicht so bombastisch, eher intim. Aber genauso eindringlich. Georgi passt die Tonlagen im Refrain auch ihrem Stimmspektrum an. Klettert nicht so hoch wie Björk. Hält den Song kompakter. Sehr gelungen.

Einzig das letzte Lied „Right Next To You“ tanzt irgendwie aus der Reihe, und gefällt mir nicht so recht. Akustisch könnte es ganz gut funktionieren, aber so ist es eine eher flache Indie-Pop-turns-Dance-Nummer, ein bisschen Möchtegern-Robyn. Naja, blenden wir das mal aus. Vielleicht ist sowas ja angesagt in der Aussie-Disco. Immerhin sind die anderen drei Songs wirklich große Klasse.

„Chop off my head to show the world, that I am no ordinary girl.“, singt sie über ihre Hexen. Auch die gute Georgi selbst ist alles andere als ein gewöhnliches Mädchen und damit ganz weit oben auf unserer Liste der Künstler, die wir im Auge behalten werden.

 

„In My Mind“ von Georgi Kay ist am 17.06.13 bei Parlophone UK erschienen.

Fotos: https://www.facebook.com/georgikaymusic