Ja, die warmen Tage sind vorbei. Chillen am See und abhängen an der Isar war gestern. Mit ihrem Debütalbum „Days Are Gone“ bringen Haim das kalifornische Laissez-Faire-Feeling nach Europa und verlängern uns damit den Sommer in unseren Köpfen. Der perfekte Soundtrack für einen goldenen Herbst.

Haim 2013 - CMS Source

Seit einem Jahr wirbeln sie durch die Musikpresse. Jetzt haben die drei kessen Hipster-Sisters von Haim ihr Debütalbum fertig. Nicht nur ihre etwas aus der Zeit gefallenen überlangen Haare wecken Erinnerungen an die Kelly Family, auch die Entstehungsgeschichte von Haim erinnert an den musizierenden Familienclan. So traten die drei Schwestern Este, Danielle und Alana Haim aus dem San Fernando Valley früher zusammen mit ihren Eltern unter dem Bandnamen Rockinhaim mit Classic-Rock und Motown-Cover-Versionen bei Familienfesten, in Kinderkrankenhäusern und auf der Straße auf. Später waren die beiden älteren, Danielle und Este, kurze Zeit Mitglieder der zusammengecasteten Teen-Pop-Band Valli Girls – Haar-Extensions inklusive.

Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Inzwischen machen die drei Haim-Sprösslinge ihr eigenes Ding. Bereits Anfang des Jahres wurden Haim von zahlreichen Bloggern und Musikexperten als frischeste Nachwuchshoffnung gehandelt. Die drei Schwestern reisten, begleitet von ihrem Drummer Dash Hutton, um die Welt, gaben Interviews, spielten auf Festivals und in kleinen Clubs. Beim Branchentreff SXSW verdrehten sie zahlreichen Kritikern den Kopf. Auch Jay-Z, Katy Perry, Pharrell Williams, Rihanna und Mumford & Sons sind Fans von Haim, es gab Kollaborationen mit Kid Cudi und Major Lazer. Zwischendurch feilten Haim im Studio an ihrem heiß ersehnten Debütalbum. „Days Are Gone“ heißt es. Zu hören gibt es basslastigen, lässig entspannten Pop.
Bye Bye DIY

Es ist ein sehr satt produziertes Album geworden. Kein Wunder, standen Haim so erfahrene Hit-Produzenten wie Ariel Rechtshaid (Major Lazor, Vampire Weekend, Usher) und Simian-Mobile-Disco-Gründer James Ford (Arctic Monkeys, Florence + The Machine) zur Seite. Die meisten der elf Haim-Songs wurden bereits vorab als Singles oder auf EPs veröffentlicht, dennoch klingen die Stücke auf dem Album anders. Die Pop-Perlen sind im Studio nochmals geschliffen und auf Hochglanz poliert worden. Dadurch bleibt der raue DIY-Charme von Haim, der vor allem live überzeugt, zwar auf der Strecke, dennoch sind Haim ihrem Stil nach wie vor treu.

Die Einflüsse von 90s-R&B-Bands wie Jade, En Vogue oder Destiny’s Child sind im dreistimmigen Harmonie-Gesang der Schwestern nicht zu überhören. Im Video zur Single „Forever“ – auch nach gefühlten 625 Mal hören nach wie vor einer meiner Lieblingssongs des Jahres – wird die Inspirationsquelle visualisiert: Nachdem Haim auf ihren Rollern durch ein Viertel in Los Angeles gecruist sind, albern sie in einem Frisörladen herum und machen mit ihrer improvisierten Choreografie TLC alle Ehre.

Die modernen Beats kombinieren Haim, die übrigens alle drei mehrere Instrumente spielen, mit Soft-Rock und Pop aus den 70ern und 80ern. Immer wieder erinnern die Songs an Bands wie The Bangles und vor allem Stevie Nicks von Fleetwood Mac. Böse Zungen ziehen Vergleiche mit Shania Twain, bezeichnen Haims Songs als billigen 80s-Retro-Trash. Schon klar, Haim machen eingängigen Pop, wie gemacht für den Rundfunk. Fast jeder der Songs ist ein potenzieller Radio-Hit. Entspannt dahergroovender West-Coast-Pop eben, mit dem sich der Sommer herrlich in die Länge ziehen lässt. Dazu passt das CD-Artwork: Die drei Schwestern beim Abhängen auf dem Rasen, natürlich mit Hipster-gerechten Sonnenbrillen, die vor der kalifornischen Sonne schützen.

Herzschmerz delight

haim_coverDer Opener „Falling“ ist wie ein kleiner Sommersonntagssonnenaufgang. Soll heißen: entspannter Groove, eingängiger Refrain, simpler Text. Die Single „The Wire“ mit dem staccatohaften Refrain kann man bereits nach dem ersten Hören mitsummen. Auch das schmachtvolle, stark an 80s-Pop orientierte „If I Could Change Your Mind“ bleibt sofort hängen. Der Titelsong, das flirrende „Days Are Gone“, erinnert mit dem dreistimmigen Gesang im Refrain stark an Bananarama. Schlimm? Nö. Tolle Popmusik halt. Auffallend – und etwas anders als der Rest – ist „My Song 5“, ein düsterer, von HipHop und, ist es Alternative-Rock?, inspirierter Stomper inklusive einem rauen, PJ Harvey-esquen Gitarrenriff. Danielle Haim gibt den Takt vor: Die meisten der Songs auf „Days Are Gone“ werden von den Drums und der Percussion vorangetrieben.

Inhaltlich haben Haim nicht allzu viel zu bieten. Sie verarbeiten auf ihrem ersten Album ihre bisherigen Beziehungen. Glückliche und weniger glückliche. Soweit keine neuen Erkenntnisse. Eher harmlose Tagebucheinträge als tiefschürfende Weisheiten, verpackt in aufregend frische Popsongs. Die eingängigen Melodien, die federleicht vorbeirauschen, die perfekte Produktion. Von diesen drei Damen ist in Zukunft noch einiges zu erwarten. Und der nächste Sommer kommt bestimmt.

„Days Are Gone“ von Haim ist über Universal Music erschienen. Am 19. November sind Haim als Vorband von Phoenix in München zu Gast. Leider im Zenith. Aber wer Estes berühmtberüchtigte „Bass-Schnute“ sehen will, sollte sich das Konzert auf keinen Fall entgehen lassen.