Gefreut haben wir uns auf dieses Album, wie bekloppt. Das Warten hat sich gelohnt. Auf ihrem vierten Studioalbum haben sich Arcade Fire ein kleines bisschen neu erfunden. Knapp zehn Jahre nach dem Release ihres Debütalbums „Funeral“ schielen die kanadischen Indie-Rocker in Richtung Dancefloor.

Arcade Fire 2013 - CMS Source-3Es ist ein einziger Rausch, dieses Album. Auf „Reflektor“ schwelgen Arcade Fire förmlich in ihren Songs. Es gibt viel zu entdecken. Nur vier der insgesamt ausufernden 13 Titel, verteilt auf ein Doppel-Album, sind weniger als fünf Minuten lang. Der Opener, die erste Single „Reflektor“, gibt die Richtung des ersten, tanzbareren Teils vor. Der Song beginnt mit seltsamen Geräuschen, ein schillernder, federnder Disco-Beat gesellt sich dazu. Dann das sehnsüchtige Flehen von Win Butler, seine Frau Régine Chassagne setzt auf Französisch ein. Ein Saxofon, David Bowie. Und plötzlich taucht eine verspielte Melodie auf, die man noch tagelang vor sich hinpfeifen wird.

Ein vorab veröffentlichtes Video, in dem Arcade Fire drei neue Songs – „Here Comes The Night Time“, „We Exist“ und „Normal Person“ – präsentierten, ließ bereits erahnen, in welche Richtung „Reflektor“ gehen würde. Arcade Fire – mit Pappmaché-Masken – feiern in einer Salsathèque zusammen mit Ben Stiller, Bono und James Franco eine surreale Party – die totale Reizüberflutung.

1001 Sinneseindrücke haben Arcade Fire auch auf ihr neues Album gepackt. Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinhören soll. So viele Einflüsse, Referenzen, Assoziationen. „We Exist“ zum Beispiel, ein Song über Außenseiter, baut sich langsam auf einer an Michael Jacksons „Billie Jean“ erinnernden Bassline auf und erstrahlt schließlich als pompöse Pop-Hymne. „Flashbulb Lights“ ist ein verstrahltes Dub-Stück. Beim Song „You Already Know“ – der an The Cure erinnert – geben Handclaps den Takt vor. „Joan Of Arc“ ist ein rotziger, schräger Punk-Song.

625 in One: Genre-Hopping in einem Song

Und dann „Here Comes The Night Time“. Ein Stück, das innerhalb von sechseinhalb Minuten Tempo und Genre gleich mehrere Male wechselt. Eine bizarre Pop-Rock-Oper, reduziert auf ein Stück. Der Song beginnt als, ähm, Reggeatón-Nummer, die auf einen hysterischen Höhepunkt zusteuert, um im nächsten Moment wieder in sich zusammenzufallen. Und wieder: Aus dem Nichts taucht eine Melodie auf, die einem noch tagelang durch den Kopf spukt.

Inspiriert wurde „Here Comes The Night Time“ – dessen zweiter Teil übrigens die ruhigere zweite Hälfte des Albums eröffnet – von „Sonnenuntergängen in Port au Prince“. Dorthin, nach Haiti, wo die Wurzeln von Régine Chassagnes Familie liegen, war die Band aus Montreal gereist, um neue Eindrücke zu sammeln. Besonders angetan haben es Sänger und Frontmann Win Butler der haitianische Karneval und die Rara-Musik, die von Percussion dominiert wird. Auch auf Jamaika nahmen Arcade Fire einige Songs auf und ließen sich von der dortigen Musikkultur inspirieren. Diese Einflüsse sind auf „Reflektor“ nicht zu überhören. (Von der griechischen Mythologie – das selbstverständlich mit reflektierendem Special-Effect ausgestattete Album-Cover ziert eine Abbildung von Auguste Robins Skulptur von Orpheus und Eurydike – und dem 1959er Film „Black Orpheus“ als zentrale Inspirationsquellen will ich erst gar nicht anfangen.)

Nach der Disco

Arcade Fire 2013 - CMS SourceDie zweite Hälfte von „Reflektor“ beschreibt die Stimmung nach dem großen Rausch, das Katerfrühstück sozusagen. Zu „Afterlife“, das an den entspannten, eleganten Dance-Pop von Hot Chip erinnert, lässt sich die letzte Club-Nacht hervorragend  Revue passieren. Auf CD2 finden sich allerdings auch einige der schwächeren Songs, wie etwa das monotone „Porno“.

Dennoch: Wenn sogar die strengen Kritiker von „Spiegel Online“ das Werk mit voller Punktzahl adeln und auch beim britischen „NME“ acht von maximal zehn möglichen Punkten drin liegen, müssen Arcade Fire irgendetwas sehr richtig gemacht haben. Und tatsächlich, zusammen mit James Murphy, dem Mastermind hinter der leider mittlerweile aufgelösten Band LCD Soundsystem, und ihrem Langzeit-Produzent Markus Dravs schufen Arcade Fire ein kleines Meisterwerk, prall gefüllt mit unzähligen Ideen.

Arcade Fire sind also keinswegs auf Nummer sicher gegangen. Nach dem internationalen Erfolg ihres letzten Albums, dem mit einem Grammy prämierten „The Suburbs“, experimentieren Win Butler, seine Frau Regine Chassagne sowie sein jüngerer Bruder William Butler, Richard Reed Parry, Jeremy Gara und Tim Kingsbury, allesamt Multi-Instrumentalisten, mit verschiedenen Sounds, Genres, Geräuschen, Stimmen und Rhythmen. Und klingen dabei trotzdem immer noch nach Arcade Fire. Das Erfolgsgeheimnis? Ganz einfach: „Wenn James mit dem Fuß wippte, wussten wir, dass wir auf dem richtigen Weg waren“, erinnert sich Win Butler an die Aufnahmen.

Und jetzt: Hören, entdecken und staunen. Noise, glücklich machende Mitsumm-Melodien, Disco, Synthesizer, Saxofon, Congas, Pop, Indie-Rock, Dub, Karneval, düstere Melancholie, Fiepen, Blubbern, Knarzen. Und der Rest ist rauschen.

„Reflektor“ von Arcade Fire ist über Universal Music erschienen und kann u.a. hier bestellt werden. Es wird gemunkelt, dass Arcade Fire am 19. November ein Konzert in Berlin geben.

Fotos: Korey Richey, Anton Corbijn