Ursprünglich sollte „ARTPOP“ bereits Anfang des Jahres erscheinen. Doch Lady Gaga musste sich einer Hüft-OP unterziehen, nahm sich eine Auszeit vom Superstar-Dasein. Hat sie sich in den vergangenen Monaten zu sehr in ihrem eigenen Kosmos verzettelt? Sie versprach eine Verschmelzung von Pop und Kunst. Doch innovativ klingen die 15 Songs auf „ARTPOP“ nicht.

ARTPOP Cover - CMS Source

Man stelle sich vor: Lady Gaga versammelt einige der talentiertesten Produzenten aus dem schier unendlichen Spektrum der elektronischen Musik um sich. Der US-Superstar arbeitet mit Ex-LCD-Mastermind James Murphy, der gerade Arcade Fire in Richtung Indie-Disco schubste, Dev Hynes, der zuletzt Beyoncés kleine Schwester Solange und die Original-Sugababes mit tollen Tunes versorgte, und den beiden französischen Beat-Bastlern Justice zusammen. Gepaart mit Lady Gagas Songwriting-Talent und ihrem Gespür für Hit-Melodien eine vielversprechende Liaison. Doch es kam anders.

Der globale Superstar, der weltweit über 24 Millionen Alben verkaufte, geht auf Nummer sicher. Und so gibt es auf dem dritten, regulären Studioalbum „ARTPOP“ vorwiegend stumpfes Dance-Pop-Boom-Boom mit ordentlich Bums. Statt auf weniger dem Mainstream als Innovation zugetane kreative Köpfe setzt Lady Gaga auf Hit-Garanten wie Zedd, Will.I.Am und Madeon sowie ihre beiden Langzeit-Produzenten RedOne und DJ White Shadow. Sogar David Guetta darf mal ran. Das kann nicht gut gehen.

Es crashboombangt aus allen Löchern. „ARTPOP“ wird von donnerndem Großraumdisco-Geböller dominiert, stumpfer Eurodance-Pop mit viel Wums. Im Gegensatz zu ihrem letzten Album „Born This Way“, für das Lady Gaga sich vor allem von Classic Rock inspirieren ließ, schielt sie dieses Mal verstärkt in Richtung elektronischer Musik und deren krawalligen Spielarten Electronic Dance Music (EDM) und Dubstep. Das Resultat sind völlig überfrachtete Elektro-Tracks, die auch durch das artyfarty-Gelaber über Kunst ihrer Schöpferin, nicht besser werden. Die vielseitige Musikerin, die sich gerne an Kunstschaffenden wie Andy Warhol und neuerdings der Performance-Künstlerin Marina Abramovic, dem niederländischen Fotografen-Duo Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin oder dem Theaterregisseur Robert Wilson orientiert, scheint sich in ihrem eigenen Universum verlaufen zu haben. Vor lauter Botticelli, „Gazing Balls“ und Popart hat sie den Blick für das Wesentliche, ihre Musik, verloren.

Natural Woman?

Pressefoto_4_groß - CMS SourceFast scheint es so, als würde sich Stefani Germanotta, so der bürgerliche Name der Sängerin, hinter dem knarzenden und fiepsenden Getöse verstecken. Die Kunstfigur Lady Gaga, diese perfekte Pop-Inszenierung, ist zu einer Art Schutzhülle geworden. Dabei hatte es so ausgesehen, als hätte Lady Gaga sich dafür entschieden, die Superstar-Maske, wenn auch vielleicht nicht komplett abzulegen, aber zumindest durchsichtiger zu machen. Auf ersten Pressefotos zum neuen Album zeigte sich die exzentrische Sängerin, die in der Vergangenheit gerne mal in einem Kleid aus Filets posierte, für ihre Verhältnisse dezent und zurückhaltend. Vermeintlich ungeschminkt, bedeckt von einer wilden Lockenmähne, entblößte sie sich in aller Öffentlichkeit. In Interviews klagte sie darüber, schon lange keine echten Wind mehr gespürt zu haben.

Hatte Lady Gaga die Schönheit von Natur und Natürlichkeit für sich entdeckt? Runter mit dem Makeup, vorbei die Maskerade? In „Aura“, dem hysterischen Opener von „ARTPOP“, fragt sie kokett: „Do you wanna see me naked lover, do you wanna peak underneath the cover, do you wanna see the girl who lives behind the Aura?“ Doch es bleibt bei einer vagen Verheißung.

Keine neuen Facetten

Bereits das artifizielle, von US-Künstler Jeff Koons designte „ARTPOP“-Cover, auf dem Lady Gaga als Plastikpuppe ihre Nacktheit hinter einer von Koons‘ „Gazing Balls“ versteckt, spricht eine deutliche Sprache: Willkommen in der künstlichen Welt von Lady Gaga, in der alles möglich ist. Als „Urknall“ bezeichnete Lady Gaga ihr neues Werk im Vorfeld. Von einer Rundumerneuerung, einem Neubeginn kann jedoch keine Rede sein. Musikalisch bietet die junge Pop-Diva wenig Neues. Die 15 Songs auf „ARTPOP“ hinterlassen nach dem ersten Hören einen faden Eindruck. Keine Hookline bleibt hängen, stattdessen dröhnt der Schädel.

Dass Lady Gaga kein zart-zerbrechliches, filigranes Singer/Songwriter-Album vorlegen würde, war klar. Aber allmählich sollte die Pop-Prinzessin damit beginnen, andere musikalische Facetten zu zeigen. Das dumpfe Dance-Gedudel wird langsam langweilig. Und was ihre Outfits anbelangt, erfindet sie sich ja schließlich täglich neu. Ihr Debüt „The Fame“ war wie eine Frischzellenkur für zeitgenössische Popmusik, auf der gepimpten Version, „The Fame Monster“, gab es Funk („Retro Dance Freak“), Disco („Disco Heaven“) und erste HipHop-Spielereien („Teeth“). Und „Born This Way“ punktete mit einer positiven Message und einigen potenziellen Pop-Klassikern. Da kann „ARTPOP“ aber leider nicht mithalten.

Viel Lärm um nichts

lady_gaga„Aura“ eröffnet das neue Album mit einer schräg verzerrten Flamenco-Gitarre, Gaga lacht hysterisch, rollt genüsslich das R, dann setzt der pumpende Beat ein. Der bereits erwähnte Refrain, der angedeutete Blick hinter die Fassade, bleibt ein leeres Versprechen. Mit viel Wums geht es weiter. „Venus“ – übrigens der erste, von Lady Gaga selbst produzierte Track – ist eine dumpfe Dance-Pop-Nummer. Die wird auch dadurch nicht besser, dass sich die 27-Jährige bei einem Sample von „Rocket Number 9“ von US-Jazz-Avantgardist Sun Ra bedient. Ohne Verschnaufpause geht es weiter. „G.U.Y.“ – steht für „girl under you“ – eine Abhandlung über sexuelle gender-Rollen, ist von wenig innovativen, sich dem derzeit unausweichlichen Dubstep anbiedernden Beats unterlegt. „Sexxx Dreams“ ist ein schnell vergessener feuchter Traum, dessen zuckersüßer Refrain an Kylie Minogue erinnert.

Dann wird es zum ersten Mal interessant. Lady Gaga goes Trap und macht auf Gangsta-Bitch. Für das derbe „Jewels N‘ Drugs“ holte sie sich hochkarätige Unterstützung. Mit T.I., Too $hort und Twista sorgen gleich drei Rapper für jede Menge Testosteron. Der Track zeigt Lady Gagas durchaus vorhandene musikalische Vielseitigkeit. Mit „MANiCURE“ folgt eine überdrehte, rockige, man ahnt es schon, Dance-Pop-Nummer. Die perfekte Titelmelodie für ein Anime!

„Do What U Want“, ein bereits vorab veröffentlichtes Duett mit R. Kelly, erinnert an die Glanzzeiten des US-R&B in den 90ern. Erneut macht Gaga deutlich: Sie kann nicht nur Dance-Pop. Der Titeltrack „ARTPOP“ ist ein dezentes – na? genau! – Dance-Pop-Nümmerchen. Es folgt: „Swine“, ein dreckiger, technoider Stampfer. Zu einer knarzenden Bassdrum lässt Gaga regelrecht die Sau raus, schreit: „You’re just a pig inside a human body. Squealer, Squealer, squeal out, you’re so disgusting.“

Fashion rules!

„Donatella“ – eine Hommage an Modedesignerin Donatella Versace – und „Fashion!“ sind Lady Gagas großem Hobby gewidmet. Über den Song „Donatella“ sagte Gaga: „Es geht darum, eine Frau ohne Angst zu sein, der es egal ist, was die Leute von ihr halten – stolz darauf zu sein, wer du bist und deinen Weg zu gehen, egal was kommt.“ Unterlegt wird diese angeblich feministische Message von anstrengendem Dance-Bang-Bang. „Fashion!“ ist, trotz der simplen Lyrics, einer meiner Album-Favoriten. Weniger schrill, etwas reduzierter als der Rest, trotzdem tanz- und mitgröhlbar. Ein Blick in die Credits offenbart allerdings Schlimmes: Hier hatten David Guetta und Will.I.Am ihre Fingerchen im Spiel.

„Mary Jane Holland“ ist nicht der Rede wert – genau wie das dumpfe „Gypsy“. Und zu „Applause“ habe ich bereits meinen Senf dazugegeben. Aber dann: „Dope“. Lady Gaga gewährt uns doch noch einen intimen Moment, entblösst sich ein kleines bisschen. In der berührenden Piano-Ballade, einer Liebeserklärung an ihre Fans, singt sich Lady Gaga die Seele aus dem Leib und verzichtet dabei auf ihre sonst üblichen Special Effects. Produziert wurde das Stück von Rick Rubin, der bereits andere Stars wieder auf Kurs brachte. Hier wird deutlich: Lady Gaga ist eine ernstzunehmende Sängerin und Songwriterin, mit einem ausgeprägten Gespür für einfache, aber tolle Pop-Melodien. Dieses Talent blitzt auch auf „ARTPOP“ immer mal wieder auf, aber insgesamt sind die Songs zu prall, zu wuchtig, pusten den Hörer an die Wand. Die Stücke sind austauschbar, was fehlt, ist Charakter. Und davon hat Lady Gaga ja jede Menge.

Angeblich hat die Sängerin bereits Material für einen Nachfolger von „ARTPOP“ zusammen. Bleibt zu hoffen, dass sie beim nächsten Mal mehr Mut zeigt und sich neue Kollaborateure sucht. Und das Kunst-Gefasel brauchen wir auch nicht.

Fotos: Universal Music, Inez and Vinoodh Photo