Vier Tage, drei Nächte, zwei Konzerte. So die Eckdaten einer weiteren Episode Musiktourismus, die letzte Woche über die Bühne ging. Diesmal wurde in Begleitung der krawallerprobten Kristin F. die Reise in die Hauptstadt angetreten, um zwei großartigen Kombos zu lauschen, die sich schon seit längerem wieder dem Süden Deutschlands verweigern. Captain Planet und The National. Was für ein Trip….

Einmal Karacho-Deutsch-Punk aus Hamburg einmal Depri-Deluxe-Indie aus New York standen also auf dem Programm. Zwei Bands, Venues, Musikstile und Publikums (Mehrzahl?), die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Die thematische Klammer lieferten unsere Herberge, das ohne Frage beste Hotel der Hauptstadt, das Michelberger, einen Haufen Biere, Club Mates, Moscow Mules und der Dude.

Episode 1: Captain Planet oder Wo üben die, die immer siegen?

cp_treibeisCaptain Planet machen den Anfang. Am Anreisesamstag also erstmal die recht kompakte Butze bezogen – Wir wurden downgegradet! Ist es zu glauben??? – und dann auf den Schreck das erste Getränk inklusive feinem Abendessen beim sehr zu empfehlenden Burgermeister eingenommen. Direkt weiter an den Ort des Geschehens. Das Lovelite ist eine Mischung aus Backstage Club, Kafe Kult und Jugendzentrum. Das Publikum sind ausnahmslos feine Leute. Wir sind schonmal sehr angetan.  Auch wenn wir uns gleich zu Beginn als schlecht vorbereitet outen und uns mit unserem 100 Euro Schein an der Bar völlig diskreditieren, bekommen wir doch noch was zu trinken und mischen uns erstmal unters Volk. Zur Einstimmung musizieren Yachten. Vier junge Herren, die ähnliche Musik machen, wie der Hauptact des Abends, aber vor allem eins sind, unfassbar groß. Die Bühne im Lovelite ist so klein, dass man sich wirklich fragt, wie hier ein Punkkonzert mit 4-5 Akteuren von statten gehen soll, aber gut, es hat hingehauen. Wenigstens ist die Deckenhöhe für die Support-Riesen schonmal ausreichend. Und die geben ordentlich Gas. Das kleine Räumchen füllt sich bereits bedenklich und man fragt sich weiterhin, wo denn die ganze Bagage noch Platz finden soll. Schließlich tummeln sich noch reichlich Kapuzenpullis an Bar, Merch oder im Raucher-Hof.

Nach einer guten halben Stunde mit Yachten und kurzem Umstöpseln geht’s los. Endlich Captain Planet live. Die Stimme von Sänger Jan Arne von Twistern (10 Punkte allein für den Namen!) mag ja erstmal gewöhnungsbedürftig sein, aber wie schonmal erwähnt, wer die ersten 30 Sekunden durchhält, der kommt nicht mehr los. Die Songs sind auf Platte ja schon spitze, aber live! Hau mir ab! Das ist nochmal ein anderes Kaliber. Irre auch, wie das Publikum abgeht. Mitsing und -schreichöre bei jedem Lied, Schwitzen, Pogen, keine halben Sachen. Es ist ultravoll und ultraheiß. Wir fragen uns ab Lied vier, ob wir vielleicht Fieber haben? Volles Haus und voller Einsatz. Meine vermeintlich halbwegs akzeptable Textsicherheit entpuppt sich dabei als beschämend angesichts dessen was die Hardcore-Fangemeinde da abliefert. Das Set besteht aus Hits, Hits, Hits. 3 Gitarren auf 6qm und von Twisten rotzt raus, was das gepeinigte Organ hergibt. Später wird er sogar noch eine kleine Auszeit nehmen müssen um die Hustenzuckerl-Vorräte der Yachten zu plündern. Es gibt fast alles vom aktuellen Album „Treibeis“ (2012), dazu Songs vom Vorgänger „Inselwissen“  (2009) und dem Debüt „Wasser kommt, Wasser geht“ (2007).

Wer Turbostaat mag, mag Captain Planet. Referenzen wären noch Frau Potz oder Love A. Wem die alle nichts sagen, macht nichts, anhören hilft. Es ist deutschsprachiger Emo-Punk, verpackt in poetische Alltagsprosa. Eine gute Portion Gesellschaftskritik vor Gitarrenwänden und ordentlichem Schlagzeugbrett. Die Zeit Online hat es mal sehr schön wie folgt auf den Punkt gebracht:

Wann hat es je so guten Punkrock aus Deutschland gegeben? Captain Planet singen über Zorn und Poesie, Mikrokosmos und Politik. Für alle, die noch was merken.

Sowohl textlich als auch musikalisch hängt die Latte hier in jedem Fall ordentlich hoch. Lieblingslieder und Anspieltips fürs aktuelle Album Treibeis sind „Nest“, „Spielplatz“, „Gehwegflattern“, „Pyro“, und eigentlich alle anderen.

 

 

Wo ich gen Anfang doch noch zwei, dreimal halbbesorgt zu meiner Begleitung linse – ist ja schon ein bisschen wilder als ihr Standard-Repertoire und Wahl hatte sie ehrlicherweise ja auch keine – hört sich das spätestens nach drei Songs auch auf. Wieder eine im Sack. Jawoll! Irgendwann sind wir wie alle anderen voll im Wahn und kriegen uns gar nicht mehr ein. Atemlos treibt die Band das Publikum von Song zu Song. Und dann kommt die Verschnaufpause, die aus Kristin quasi einen neuen Instant-Fan macht. Von Twistern covert Akustik einen unserer Lieblingssongs für die Ewigkeit: „Left And Leaving“ von den großartigen Weakerthans. Puh, emotional harter Tobak! Fräulein F. fragt sich, wer ihr am Morgen die Gänsehaut rausbügelt, ich versuche inzwischen nicht zu heulen. Wer hätte das gedacht! Aber jetzt können auch wir textmäßig mal so richtig glänzen.

Nach einem Haufen Zugaben, zuviel Bier und Club-Mate (gruseliges Zeug) steht man irgendwann auf dem Raucherhof und fragt sich, was da grad passiert ist. Für den Rest des Abends werden wir mantramäßig „Wie gehst du nur mit den Niederlagen um? Wo üben die, die immer siegen?“ vor uns hinsingen oder eher -murmeln. Und das wird sich auch bis zum nächsten Konzert nicht ändern. Man ist sich jedenfalls einig. Das war mal wieder eine von den Shows, wo es für zwei Stunden passiert, wo es eine Band schafft. Alle für die Sache, alle für den Moment. Und zwar wirklich alle. Ausnahmezustand auf 40qm, bei 40 Grad plus. Eine Show, an die wir uns lange erinnern werden und die ganz sicher auf meiner Jahres-Hitliste ganz weit oben stehen wird. Ich hoffe so sehr, dass sie im Frühling auch mal die Reise nach München oder zumindest in den Süden antreten und uns mit so einem Ereignis auf heimischem Boden beglücken. Bis dahin mach ich es schonmal zu meiner persönlichen Mission, wirklich jeden den ich kenne, mit dieser Band zu nerven! Also keine Beschwerden Freunde, ich warne euch hiermit vor!

Zum Abschluss sei hier noch die hörens- und sehenswerte Akustikversion von „Nest“ platziert.

 

 

Fazit? Der Einstieg in unseren Musik-Trip hätte perfekter nicht ausfallen können. Wir begießen und beschließen das Erlebte in der komoten Ankerklause und an der Hotelbar unseres Vertrauens und freuen uns schonmal wie blöd auf Episode 2.

to be continued…..

 

Fotos: https://www.facebook.com/captainmeincaptain und Autor