Keiner kann so schön traurig sein: Scott Matthew wickelte das Münchner Publikum mit seinen melancholischen,  filigranen Songs und seinem schüchternen Charme um den Finger.

scott1Erneut luden die Münchner Kammerspiele zum Konzertabend. Während vor kurzem noch harte Elektro-Beats von Jon Hopkins und Co. die grünen Wände des Jugendstil-Theaters zum Beben brachten, sorgte am 11. November Scott Matthew für Kribbeln. Der aus Australien stammende Singer/Songwriter präsentierte die Songs seines Cover-Albums „Unlearned“. Große Hits und unbekanntere Stücke aus dem Fundus der Popgeschichte, gefiltert durch Scott Matthew und seine Mitmusiker.

Zum Einstieg gab es den Bee-Gees-Klassiker „To Love Somebody“. Begleitet von seiner zweiköpfigen Band (Die beiden Multi-Instrumentalisten spielen Piano, Gitarre, Bass und Mundharmonika – Drums und Percussion kommen natürlich nicht zum Einsatz.), gab Scott Matthew u.a. Songs von Neil Young und Roberta Flack zum Besten. Neben den Cover-Songs streute er auch einige eigene Titel in die Set-List, wie etwa das schaurigschöne „Abandoned“.

Als Special-Guest des abends unterstützte Zündfunk-Moderator Tobi Ruhland Scott Matthew bei einigen Songs am Hackbrett. Die weichen Klänge harmonierten perfekt mit den zerbrechlichen Arrangements von Scott Matthew.

Das Repertoire von Scott Matthew, dessen Unterarm übrigens ein gebrochenes, angerissenes Herz ziert, besteht fast ausschließlich aus ruhigen, melancholischen Nummern. In seinen Songs verarbeitet er Liebeskummer, bringt seine Sehnsüchte zum Ausdruck, eingehüllt von minimalistischen Akustik-Klängen. Da wirkt „L.O.V.E.“, im Original von Nat King Cole, für das Scott Matthew zur Ukulele greift, schon fast wie ein krasser Dance-Pop-Rave-Stampfer von Lady Gaga!

Ein weiteres Highlights: Whitney Houstons „I Wanna Dance With Somebody“. Obwohl er selbst ein Konzert sofort verlassen würde, wenn er zum Mitmachen aufgerufen wird, wie er sagt, animierte Scott Matthew die Zuschauer zum Mitsingen. Und so schallte der Refrain des 80s-Klassikers im Chor durch die Kammerspiele. Für Gänsehaut sorgte auch Scott Matthews Interpretation von Charlie Chaplins Klassiker „Smile“ – der laut Scott Matthew traurigste Song übers Glücklichsein.

Scott Matthew war sichtlich nervös, vor einem so vollen Haus zu spielen. Immer wieder bat er die Technik darum, das Licht zu dämpfen – betonte dabei aber grinsend: „Ich bin keine Diva!“ Zwischendurch schlürfte er Rotwein und erzählte die ein oder andere Anekdote. Zu allen Songs, die er für sein Cover-Album aufgenommen hat, habe er einen persönlichen Bezug. Als Kind habe er John Denver zum Beispiel gehasst – vermutlich aus Trotz zu seinem Vater, der die Platten rauf und runter spielte. Inzwischen habe er sich mit dem Singer/Songwriter angefreundet, frage sich manchmal sogar, was damals nicht mit ihm stimmte, dass er seine Musik nicht zu schätzen wusste. Sagt es und stimmt das gefühlvolle „Annie’s Song“ an.

Wenn er singt, scheint Scott Matthew das Drumherum zu vergessen. Er fühlt die Songs, lässt sich komplett auf sie ein. Wie ein Maler zeichnet er die Lyrics mit seinen langen Armen und Händen in die Luft. Der alte Schwerenöter Scott Matthew erfüllt den Raum mit seiner warmen, androgynen Stimme, die zwischendurch bricht. Er berührt, verzaubert. Das Publikum hielt den Atem an, wartete nach den Songs einige Sekunden, bis auch wirklich der letzte Klang verhallt war.

scott2Nach eineinhalb Stunden gab es zum Schluss „Love Will Tear Us Apart“ zu hören. Der Joy-Division-Song gewinnt in der Version von Scott Matthew unglaublich an Traurigkeit und geht unter die Haut. Da glitzert  die ein oder andere Träne im Scheinwerferlicht. Balsam für die Seele, wie eine dunkle, bittersüße Schokolade vor dem Schlafengehen, ein wunderschönes Lullaby. Die Zuschauer verließen die Münchner Kammerspiele mit einem glücklichen Grinsen. Und ich schlief danach, tief und fest.

Scott Matthew tourt derzeit mit seinem aktuellen Album „Unlearned“ durch Europa. Am 12. November ist er in Berlin zu Gast, danach kehrt des sympathischen Bartträger nach einem kurzen Abstecher nach Portugal Ende November und Anfang Dezember für mehrere Gigs nach Deutschland zurück. Hingehen, es lohnt sich!

Hier alle Termine von Scott Matthew in Deutschland im Überblick:
12.11. Berlin, Heimathafen-Neukölln

26.11. Frankfurt, Mousonturm
27.11. Köln, Kulturkirche
28.11. Duisburg, Grammatikoff
07.12. Aachen, Musikbunker
08.12. Hamburg, Kampnagel
11.12. Stuttgart, Theaterhaus
13.12. Würzburg, Cairo
14.12. Dresden, Baerenzwinger
15.12. Leipzig, UT Connewitz

Fotos: themusicminutes.com