Sie könnten kaum unterschiedlicher sein. Am 12. November gaben sich die Arctic Monkeys und Bruno Mars in München die Ehre. Wir hatten die Qual der Wahl, lagen deswegen nächtelang wach. Dreckiger Indie-Rock oder funky Wohlfühl-Pop? Rotzlöffel oder Sunnyboy? Während Kerstin mit ihrer Schwester bei den Britrockern im Zenith abging, ließen sich die beiden Sexy-Hüftschwung-Fanatiker Ursi und Renzo von Bruno Mars einlullen.

amvsbm

Location:

AM: Zenith, unsere Lieblings-Hass-Location. Immer schwierig. Diesmal soundmäßig aber ganz tragbar. Zumindest in der vorderen Hälfte. Viel mehr war auch gar nicht gefüllt. Erstaunlich.
BM: Die Olympiahalle strotzt als Multifunktionshalle natürlich nicht gerade vor Charme, dafür bietet sie beste Sound-Qualität. Und internationale Topacts wie Bruno Mars machen es eben nicht unter 12.000 Zuschauern.

Publikum:

AM: Eher farblos. Weder übermäßig auffällige Styler, noch der pure Mainstream. Sehr junge Trägershirt-Girlies neben unwesentlich älteren Poser-Jungs, die schon zur Vorband extremst einen sitzen haben, Pärchen mittleren Alters, Erasmus-Studenten, Österreicher und einen Haufen „Ich-hör-halt-so-Indie“-Volk. Irgendwie so alles und nichts. Im Gegensatz zum eher unauffälligen Äußeren, kann sich der Enthusiasmus der Anwesenden aber wirklich sehen lassen. Die Band wird ausnahmslos, hingebungsvoll und lautstark abgefeiert. Von Anfang bis Ende. Diejenigen, die da waren, waren DA!
BM:
Eine bunte Mischung aus kreischenden Teenies – vorwiegend weiblich –, Eltern mit ihren Kids, wobei die Väter und Mütter ebenso glücklich grinsten wie ihre Schützlinge. Hinzu kamen schnieke Münchner, die im P1 gerne zu einer House-Version von Bruno abgehen. Der Anteil an Bayern-3-Hörern dürfte ziemlich hoch gewesen sein, wir würden ihn auf 80 Prozent schätzen. Und mittendrin: wir.

Spieldauer:

AM: Eineinhalb Stunden wurden geboten. Kein Grund zur Beanstandung.
BM: Gerade mal eine Stunde und 15 Minuten gab sich Bruno Mars die Ehre. Für über 50 Euro für ein Ticket eine ziemliche Frechheit, finden wir. In dieser Zeit gab der charmante Hawaiianer seine größten Hits zum Besten und stellte seine sexuelle Potenz in Form von wiederholten anzüglichen Hüftstößen unter Beweis. Diesem Spekatkel hätten wir durchaus noch etwas länger zusehen, Verzeihung, zuhören können.

Support:

AM: The Strypes. Der Punkt geht ohne Diskussion an Team AM. Der vermeintlich 20-jährige Sänger, der wie 17 aussieht, ist tatsächlich 15! Vier stille Bürschlein aus Irland, die aus dem Probenraum quasi direkt auf die große Tour-Bühne gefallen sind, und dafür gleich noch die Konformationsanzüge auftragen können. The Strypes sind große Klasse! Wie extrem schnelle, rock’n’rollige Mini-Beatles. Was ihnen an Bühnenpräsenz vielleicht noch ein bisschen fehlt, machen sie mit ihrem fetten Set locker wett. 45 Minuten ohne Punkt und Komma. „You Can’t Judge A Book By Looking At The Cover“ ist ein Hit! Viele der anderen Songs auch. Aus denen wird noch was. Vorerst würden wir die gern nochmal in klein sehen – also locationmäßig.
BM: Mayer Hawthorne. Nun ja, Ursi und Renzo schwänzten den Voract, und genossen stattdessen das umfangreiche kulinarische Angebot: Bier.

strypes

Catering:

AM: Catering? Außer Bier aus Flummy-Bechern brauch ma nix!
BM: Von Popcorn über Currywurst bis Süßwaren-Allerlei war alles dabei. Wie auf einem Volksfest! Das wichtigste, Bier, gab’s natürlich auch. Gott sei Dank.

Style-Faktor:

AM: Die Vorband war ja schon schick zurecht gemacht, aber die Arctic Monkeys legen nochmal einen drauf. Alex Turner im dunklen Slimfit-Anzug zu Western-Hemd und obligatorischer Schmalzfriese. Den Kamm immer griffbereit um die Tolle in Form zu halten (ich unterstelle ihm sogar, dass zwischendurch nachpommadiert wurde). Auch seine Kollegen sehen Schmuck aus, wobei Turner das unumstrittene Zentrum aller Aufmerksamkeit ist.
BM: Bruno Mars hat sich schick gemacht. Dabei sah er aus, wie Hemingway während seiner Kuba-Zeit. Oder eben, wie ein etwas älterer Herr. Eine blaue, ganz trendbewusst zu kurz geratene Stoffhose, anfangs ein aufgekrempeltes, dann ein kurzärmeliges Hemd (Sorry, Bruno, aber das sieht auch an dir nicht besser aus!), eine braune Weste dazu, ein paar Ketten, ein Hut – fertig ist der Superstar. Ach ja, über die Bühne fegte er in Slippern mit gelben Socken. Während sich Beyoncé oder Kylie Minogue in dieser Zeit wohl 26 Mal umgezogen hätten, blieb Bruno Mars bei seinem doch eher schlichten Outfit. Er ist eben keine Diva. Wobei: Wenn er zum Vibrato ansetzt und dabei die Hand Christina-Aguilera-like hochhält, kommt auch in ihm die Diva zum Vorschein! Dann aber immer noch die, die auch selbst Schlagzeug spielt.

Songauswahl:

AM: Da war Luft nach oben. Nach „Do I Wanna Know“ als Opener (perfekt!) hält man sich hinsichtlich neuem Material erstmal zurück. Zuerst wird viel Altes ausgepackt und man wundert sich, dass man sich reflexartig doch noch an einige Lyrics erinnert, auch wenn man die Songs schon ewig nicht mehr gehört hat. Den Aufbau hätte man vielleicht besser gestalten können – das ist schon ein ziemliches Auf und Ab. Gerade wenn man den Stimmungsbogen Richtung Fetzigkeit gespannt hat, nimmt man mit einem Balladenset direkt und konsequent immer wieder den Dampf raus. Schade. Mancher Song auf den wir uns gefreut hatten, fehlte gänzlich. „Knee Socks“ z.B.
BM: Der kleine Entertainer, der mit seinen Moves, seinem Aussehen und der unglaublichen Stimme an den jungen Michael Jackson erinnert, sang sich durch sein aus zwei Alben bestehendes Repertoire. Davon gab es die größten Hits wie „Marry Me“ , „Treasure“, den Nummer-Eins-Hit „Grenade“, „Just The Way You Are“ und natürlich „Locked Out Of Heaven“ zu hören. Einige der Songs kamen live überraschend rockig, bluesig oder sogar dancehallig daher. Moderner R&B meets Motwon-Soul, auf den üblichen EDM-Quatsch verzichtet Bruno Mars zum Glück. Stattdessen gibt er sich erfrischend retro! Den Balladen-Teil hätte er sich unserer Ansicht nach allerdings schenken können. Funky à la James Brown/Jackson 5 ist er am besten! Unglaublich: Die achtköpfige Boogie-Band von Bruno Mars – in groovy 70s-Outfits gekleidet! Während die Songs auf Platte doch recht poppig daherkommen, entfalten sie live ihre ganze Wucht und zeigen, dass in Bruno Mars ein kleiner James Brown steckt.

Choreo:

AM: Beschränkt sich auf die Posen und Frisiertätigkeiten Turners und die Drumstick-Akrobatik von Matt Helders am Schlagzeug. Damit sind wir zufrieden.
BM: Wenn Bruno Mars wie ein geschmeidiger Kater über die Bühne tänzelt und immer wieder sein Becken kreisen lässt, denkt man unweigerlich an den jungen King of Pop, MJ himself. Zwischendurch stimmt sogar seine hundscoole Band in die Choreografien mit ein – was dann ein wenig an die ein oder andere Boyband erinnert, nur viel viel lässiger eben. Schlimm wird’s nur, wenn sieben Männer Rücken an Rücken synchron zu Schmalz-Songs schnippen – Alpträume von seinerzeit Boyz II Men werden da wieder reaktiviert.

bm

Bühne:

AM: Zwei riesige Leuchtbuchstaben zieren die Bühne. AM – nicht nur die Initialen der Band sondern gleichzeitig Titel des aktuellen Albums. Sieht schon cool aus. Dazu zieht die Lichtshow echt alle Register. Es strahlt, moved, leuchtet und flashed in einer Tour. Fast lasermäßig schneiden die unzähligen Scheinwerfer in wechselnden Farben durch den dunklen Publikumsraum. Mal blau, mal violett, mal gülden. Ein Regenbogen an Licht sorgt für ein bisschen Pop-Appeal und Disco-Flair. Nettes Detail am Rande: Die Basedrum zieren die Ziffern 0114, ein Fingerzeig auf die Wurzeln der Band, die mittlerweile in L.A. lebt – denn die liegen im englischen Sheffield, und das hat ebendiese Nummer als Vorwahl.
BM: Eine Art funkelnde 70s-Disco, inklusive knallenden Pyro-Effekten, einer ausgeklügelten Lichtshow sowie einer überdimensionalen Leinwand im Hintergrund. Sternchen- und Glitzeffekte lassen alles teilweise wie live aus den Siebzigern aussehen: Hello, Soultrain!

Steilgeh-Faktor:

AM: Die Vorband wird schon mehr als wohlwollend  aufgenommen und angefeuert, aber als das Licht nach der Umbaupause erst aus und dann zu einem wirklich sehr guten Intro wieder angeht, wird kollektiv ausgrastet. Das Kreischkonzert wird nur noch überboten durch das schier absurde Meer aus Smartphone-Displays, das gen Bühne gerichtet ist. In diesem Ausmaß habe ich das bisher selten gesehen. Die Begeisterung hält sich über die komplette Show, es wird gesprungen, getanzt und lauthals mitgesungen/ -geplärrt. Wobei die alten Hits zugegebenermaßen schon deutlich mehr abgefeiert werden als die Songs der neuen Platte. Bei „I Bet You Look Good On The Dancefloor“ hat Turner praktisch keine Chance gegen das Publikum, das ihm den Song quasi aus den Händen reist und für ihn singt. Stark!
BM: Während der schnelleren Hits wie „Treasure“ und dem fulminanten Finale, „Locked Out Of Heaven“, konnte man durchaus abgehen. Die neuen Sitze in der Olyhalle waren dann aber auch verlockend bequem. Zudem halten einen irgendwie das oft noch minderjährige Publikum, der lange Weg und auch die Bierauswahl von übermäßigem Genuss desgleichen ab. Faule Vorbilder sind wir!

Interaktion Band/Fans:

AM: „Montschen!!!“ So die Standardparole Turners. Sehr schön. Auch hier und da ein „Dangeschehn“ gibt’s. Sagen wir, er war stets bemüht, und das ist ja schonmal was. Er sagt wenig, aber man nimmt ihm ab, dass er sich ehrlich darüber freut, was er uns hier so präsentiert.
BM: Über die üblichen „I Love You, Munich“-Bekundungen (und der Variante: „Ick liiiebe euck!“) ging Bruno Mars nicht allzu sehr auf Tuchfühlung mit den Fans. Stattdessen zog er professionell seine Show durch, ohne dabei den Kontakt zu suchen. Bemerkenswert: Der Superstar überlässt zum Schluss kurz seinen Bandkollegen die Bühne.

Glamour-Faktor:

AM: Was ist das denn bitte jetzt für eine Kategorie??? Hatte ich Herrn Turners Brillantine-glänzendes Haupthaar erwähnt? Da isser, der Glamour!
BM: Es glitzerte überall! Die goldenen Palmen auf dem Vorhang, der vor Beginn der Show die Bühne verdeckte. Die überdimensionale Disco-Kugel, die über Bruno und der Band schwebte, und der funkelnde Goldregen am Ende. Was fehlte, waren schicke Pailletten-Anzüge. Darin hätten wir Bruno gerne gesehen!

Schönster/SchlimmsterMerch-Artikel:

AM: Kneesocks waren leider weder auf der Setlist noch am Merch zu finden. Dafür grenzwertige Pudelmützen im Sechzger-Style und ein sehr feines Posterbook mit reichlich dekorativen Motiven für unschlagbare 10 Euro! Was mich immer etwas aufregt ist, wenn die kleine Vorband sich der Preisstruktur des Hauptacts anpassen muss. So auch diesmal. Also mussten auch für das schlichte Strypes Shirt knackige 30 Euro hingelatzt werden. Nicht so schön und auch immer ein bisschen unfair.
BM: Unsere Highlights: ein kleiner Plüschaffe, Trackshorts mit „Bruno Mars“-Print auf dem Hintern und eine Jacke im angesagten Dschungelprint. Hätten wir uns was aussuchen dürfen: Es wäre die Dschungeljacke geworden – für den nächsten Fasching. Ansonsten: die üblichen T-Shirts und Sweater.

ambm_

Und sonst?

AM: Wir waren anfangs ein wenig besorgt, wie die Stimmung der Band angesichts der wirklich nicht prall gefüllten Halle ausfallen würde, aber diese Sorgen haben sich zu Glück als unberechtigt erwiesen. Die Jungs hatten sichtlich Spaß, das Publikum sowieso, was ja schonmal ne gute Kombi ist. Runde Sache das Ganze, der Rest ist gesagt.
BM: „Keine Fotos!“ hieß es gleich beim Einlass. Gut, dass sich kaum wer dran gehalten hat. Die Werbung zwischen Vorband und Bruno Mars war unerträglich: Als würde man danach eher Produkte der beworbenen, total hippen Firmen (Tamaris, Timezone, Fire & Ice) kaufen als zuvor. Mit den Produkten und der Werbung in der Lautstärke tut sich wirklich keiner einen Gefallen. Die Werbezeit konnte man ansonsten gut nutzen, um sich ein grün leuchtendes Laserschwert zu kaufen. Mit der Dschungeljacke macht es einen zu  einem 1A-Jungle-Jedi im Fasching!

Fazit:

AM: Was ich bis dato über die Livequalitäten der Arctic Monkeys gehört hatte, beschränkte sich auf folgende, eher besorgniserregende Geschichte von Flo. Als er nämlich vor gut 7 Jahren bei deren Show in der Elserhalle gearbeitet hat, waren sie live wohl so unfassbar schlecht, dass es nicht auszuhalten war. Einhellige Frage: Wer hat denen denn die Instrumente in die Hand gedrückt? Da in der Kleinen Halle parallel Thrice gespielt haben, sind sie rüber geflüchtet wann immer sie konnten. Sogar denen, die mit Thrice überhaupt nix anfangen konnten, waren die immer noch lieber als das Trauerspiel nebenan. Okay…. Ich würd mal sagen, unsre Erwartungen waren angesichts dieser Schilderung nicht allzu hoch, aber wir hatten natürlich die Hoffnung, dass sie in den vergangenen Jahren wenigstens gelernt haben ihre Instrumente zu spielen. Was wir dann am Dienstag Abend im Zenith geboten bekamen, hat uns ehrlich überrascht. Es war nicht das beste Konzert des Jahres( Sorry, Anton, ich weiß, für dich bekommen sie immer 12 von 10 Punkten!) aber es war wirklich gute Unterhaltung und ein solides Live-Spektakel. Zugegeben hatte daran einen nicht unwesentlichen Anteil wirklich das Publikum, das mal richtig gut drauf war. Beim Fussball sind die Fans ja oft der 12. Mann, an dem Abend war das Publikum definitiv der fünfte Affe!
BM: Bruno Mars ist ein sehr talentierter Bursche, der im Moment als einziger ein Anrecht auf den Thron des King of Pop hat. Er hätte durchaus länger spielen sollen, er kann’s ja  und die Band dafür hat er auch. Alternativ hätte er, meint Ursi, eine Stunde und fünfzehn Minuten (oder auch länger) nur „Locked Out of Heaven“ performen sollen (Wieso sie deshalb oft ausgelacht wird und wieso ihre Freunde auf Reisen oft unter dem Song leiden mussten, ist eine andere Geschichte.)

Fotos: David Hogan, PR (2), themusicminutes.com (3)