Weibliche Popstars legen heute einen Balanceakt zwischen Vorbildfunktion und künstlerischer Freiheit hin. Dabei setzen sie auf unterschiedliche Strategien. Während sich die einen nackt machen, geben sich die anderen natürlich. Die Musik ist dabei längst zur Nebensache geworden.

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Es ist hart, ein weiblicher Superstar zu sein. Lily Allen kann ein Lied davon singen. In „Hard Out Here„, ihrer neuen Single, rechnet die britische Pop-Sängerin mit Sexismus und Doppelmoral ab. „If I told you ‚bout my sex life, you’d call me a slut, when boys be talking about their bitches, no one’s making a fuss“, trällert die 28-Jährige.

Auch Lauren Mayberry, Sängerin des schottischen Elektro-Pop-Trios Chvrches, weiß, wie schwer es als Frau im Pop-Zirkus sein kann. Über die Facebook-Seite ihrer Band veröffentlichte sie im September abwertige Kommentare von männlichen Usern, die sie sich seit dem Durchbruch ihrer Band so reinziehen musste. Beispiel gefällig? „Das ist keine Vergewaltigungskultur. Du weißt, was das ist, wenn ich dich vergewaltige, Bitch.“ In einem Gast-Kommentar für den britischen „Guardian“ rief die Chvrches-Sängerin andere weibliche Musiker dazu auf, Frauenfeindlichkeit nicht einfach hinzunehmen.

Babies & Bitches

Lily Allen versucht es mit Sarkasmus. Im Video zu „Hard Out Here parodiert die 28-Jährige u.a. den Clip zu Robin Tickes Überhit „Blurred Lines“, in dem der R’n’B-Schmusesänger von leicht bekleideten Damen bezirzt wird. Männliche Popstars definieren ihren Begehrlichkeitsstatus eher über ihre sexy Partnerinnen als über ihren eigenen Körper – zu bestaunen etwa in Robin Thickes ziemlich geschmacklosen „Blurred Lines“. Mr. Thicke macht den coolen Macker, der sich von Girls – in der unzensierten Version oben ohne – anschmachten lässt. Und Kanye West nimmt seine Angetraute Kim Kardashian im Video zu „Bound 2“ mal eben lässig auf dem Motorrad. Ne, ist klar. Frauen werden zum Baby, im schlimmsten Fall zur Bitch deklassiert.

Während also die Robins, Justins und Brunos dieser Welt nur selten ihre muskelbepackten Oberkörper oder ihr Sixpack vorführen, zeigen sich weibliche Popstars oft von ihrer sexy Seite. Das liegt mitunter wohl auch daran, dass Frauen keine Schweine sind und nicht ständig an Sex denken – im Gegensatz zu den meisten Männern! Wer, als weiblicher Star, die Hüllen fallen lässt, so das Credo, erhält mehr Aufmerksamkeit und verkauft dementsprechend mehr Platten. Dabei legen die Sängerinnen einen Balanceakt zwischen Vorbildfunktion und künstlerischer Freiheit hin: Zeigt man zuviel Haut, gilt man als vulgär, stellt die feministischen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte in den Schatten, und ist, kurz, eine Bitch (im negativen, ursprünglichen Sinn des Wortes). Trägt man züchtige, hochgeschlossene Kleidchen, gilt man allerdings schnell als braves Naivchen – prüde, harmlos und langweilig. Die perfekte Pop-Inszenierung liegt irgendwo dazwischen. Nein, es ist nicht leicht, eine Popsängerin zu sein.

Hotpants, High Heels und Peitsche

Viele Sängerinnen spielen den Sex-Joker aus. Rihanna zum Beispiel drehte seit Beginn ihrer Karriere eine Vielzahl obszöner Videos – und avancierte innerhalb kurzer Zeit zu einem der erfolgreichsten weiblichen Superstars. Britney Spears versuchte sich schon vor zwölf Jahren mit aufreizenden Auftritten von ihrem braven Ruf als unschuldige Disney-Pop-Prinzessin zu befreien. Im Video zu „I’m A Slave 4 U“ verausgabte sie sich in einem freizügigen Outfit, in „Womanizer“ schwitzte sie dann komplett nackt in der Sauna und in „Toxic“ machte sie mit einem hautfarbenen, die intimen Stellen nur mit funkelnden Diamanten bedeckten Dress von sich reden. Der Image-Wechsel ist geglückt, den anrüchigen Rollenspielen bleibt Britney Spears bis heute treu. Im Video zur neuen Single „Work Bitch“ heizt die 32-Jährige ihren Tänzerinnen als knapp bekleidete Domina-Motivationstrainerin ein.

Was bei Britney funktioniert hat, klappt auch bei Miley, dachte sich wohl Manager Larry Rudolph. Der ehemalige „Hannah Montana“-Star  twerkte sich in den zurückliegenden Wochen völlig losgelöst durch einige Award-Show und ließ dabei kein männliches Becken aus. Mit dem Skandal-Clip zur Ballade „Wrecking Ball“, in dem sie sich nackt auf einer Abbrissbirne räkelt und daran herumleckt, entfachte die gerade mal 21-Jährige eine Diskussion über die Rolle von Frauen in der Pop-Welt. Da erhoben nicht nur besorgte Eltern, sondern auch einstige Pop-Ikonen den Zeigefinger.

Sinéad O’Connor – von deren 1990er Video zu „Nothing Compares 2 U“ sich Miley Cyrus, zumindest was die emotionale Entblößung anbelangt, inspirieren ließ – warnte ihre junge Kollegin davor, dass es nicht cool sei, sich nackt zu machen. Sie solle sich nicht von der Musikindustrie ausnutzen und prostituieren lassen. Eurythmics-Frontfrau Annie Lennox gab ebenfalls ihren Senf dazu und ließ verlauten, die hypersexualisierten Musikvideos von heute erinnerten sie an Softpornos. Und sogar Britney Spears, mittlerweile selbst zweifache Mutter, wünscht sich plötzlich die Zeit zurück, als es in den Clips noch um die Musik und die ausgefeilten Choreos ging und betont in Interviews, wie schwierig es sei, den Spagat zwischen Mutter zweier Kinder und sexy Popstar hinzukriegen.

That’s so Nineties!

Was haben denn plötzlich alle? Das alles ist doch nicht neu. Sex sells, das wussten schon Madonna und Kylie Minogue. Während erstere 1992 ein skandalträchtiges Buch mit expliziten Fotos veröffentlichte und bis heute, mit mittlerweile 55 Jahren, noch in Unterwäsche und schwarzen Overknee-Stiefeln posiert, sorgte die Australierin 2001 mit einem weißen Jumpsuit im Video zu „Can’t Get You Out Of My Head“ für rote Köpfe und turnte knapp zehn Jahre später auf einem Haufen nackter Menschen herum. Madonnas hypersexualisiertes Video zu „Justify My Love“ wurde anno 1990 aufgrund der expliziten SM-Szenen sogar zensiert – da war Rihanna gerade mal vier Jahre alt.

Im Verlauf der Jahrzehnte wurden die Kleider kürzer, die Tops knapper. Es ist alles extremer geworden – passend zu unserer schnelllebigen Zeit. Wenn das nächste Pop-Küken bereits in einer Castingshow herausgezüchtet wird oder nur einen Mausklick vom YouTube-Fame entfernt ist, müssen Popstars eben noch einen drauf setzen. Die Musik ist dabei längst zur Nebensache geworden. Austauschbare Hits, in der Regel krawalliger Dance-Pop, produziert von Hit-Garanten wie Will.I.Am, David Guetta oder Diplo. Es geht weniger um den Inhalt als um die Verpackung.

Dass es auch anders geht, zeigen etwa Jazz-Sängerin Norah Jones oder Singer/Songwriterinnen wie Adele und Sia Furler. Sie sind erfolgreich, ohne sich in aufreizenden Klamotten zu zeigen. Auch Taylor Swift verkauft weltweit (erstaunlicherweise) Millionen Platten, und gibt sich als selbstbewusste, clevere, junge Frau – ohne dabei zu viel von sich und ihrem Körper preis zu geben. Beyoncé sonnt sich zwar hin und wieder knapp bekleidet für einen Markenhersteller an einem Strand oder macht einen auf Gangsta-Braut, gleichzeitig hat sie es aber geschafft, ihr Image als starke „Independent Woman“ in der öffentlichen Wahrnehmung zu manifestieren.

Auch Katy Perry gibt sich heute züchtiger. Noch vor wenigen Jahren lutschte sie, auf Zuckerwattewolken gebettet, an kunterbunten Lollipops und spritzte Sahne aus einem Cupcakes-BH. Im Booklet zu ihrer aktuellen CD „Prism“ posiert die Pfarrerstochter allerdings im Mais- und Sonnenblumenfeld, dezent geschminkt, die Haare auf ungemacht getrimmt. Die 29-Jährige wirkt wie eine große Schwester. Katy Perry gibt das kesse „Mädchen von nebenan“, keine Sexbombe, aber auch keine keusche Katholikin.

Lady Gaga, die zu Beginn ihrer Karriere noch mit einem Disco-Stick herum hantierte, hat die mediale Darstellung ihrer Sexualität ebenfalls zurückgefahren. Die New Yorker Sängerin, die wiederholt Selbstzweifel über ihr Aussehen äußerte, verhüllt ihren Körper in kunstvolle Kostüme. Statt in aufreizende Dessous schlüpft sie lieber in weite Gewänder und stülpt sich Plüschmützen über den Kopf. Und ist sie doch mal in Strapsen zu sehen, klebt sie sich einen Schnurrbart ins Gesicht und erinnert an eine Mischung aus Marlene Dietrich und Salvador Dalí – eher ein Gesamtkunstwerk als sexy Vamp.

Am Ende muss jede Künstlerin für sich entscheiden, wie weit sie gehen will. Während manche die Waffen einer Frau gezielt einsetzen und sich dabei wohl fühlen, verzichten andere bewusst darauf. Beide Ansätze funktionieren, so oder so werden bestehende gender-Rollen werden hinterfragt. Was bei der Diskussion leider immer in Vergessenheit gerät: Die Damen haben Talent. Ihre oft überfrachteten, sich dem Zeitgeist anbiedernden Songs sind zwar Geschmackssache, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sie singen können und ein Gespür für Hits haben. So kompliziert ist das Popstar-Leben also vielleicht gar nicht: Mädels, zieht euch halt ein bisschen was an und singt einfach!

Fotos: Universal Music, Sony Music, Collage: Ursi