Heute kommt der neue Film „Inside Llewyn Davis“ von Ethan und Joel Coen in die Kinos. Neben einer exzellenten Cast gibt das außerdordentlich talentierte Brüderpaar dem Film einen Soundtrack mit an die Hand, der seinesgleichen sucht.

„Fargo“, „The Big Lebowski“, „No Country for Old Men“, „True Grit“ – die Coen-Brüder wissen einfach, was sie machen. Period. In ihrem neuen filmischen Meisterwerk nehmen sie sich der Folk-Musik-Szene des New Yorker Greenwich Village im Winter 1961 an. Frage: Wieso hat das vorher noch keiner gemacht? Es ist der Winter, bevor aus Robert Zimmermann Bob Dylan wird und als dieser dann seinen großen Durchbruch feiert. „Inside Llewyn Davis“ erzählt die Geschichte von einem der vielen Folk-Musiker, die es in jenem Winter nicht einfach so geschafft haben, sondern denen neben Geld und Schlafplatz  manchmal auch der warme Wintermantel fehlt. Oscar Isaac, hoffentlich noch vielen als Standard aus „Drive“ bekannt, gibt auch diesmal nicht die „Deluxe“-Version, sondern den irgendwie zum Scheitern verurteilten Llewyn Davis (oder den ewigen Dritten, Dave Van Ronk, auf dessen Leben der Film lose basiert).  Seine „Drive“-Kollegin Carey Mulligan spielt diesmal nicht Frau, sondern Geliebte, denn die ist eigentlich mit dem poppig-folkigen Justin Timberlake verheiratet. Der spielt sich nämlich wiederum einfach selbst in einer Sechziger Jahre-Version.

artikelAber wieso war denn Folk damals so auf dem Weg nach oben? Ganz einfach, es war nicht der Hippie-Schmonz, der aus Kalifornien kam, und auch nicht der achso intellektuelle Sound der Beatniks der Ostküste und der Hochebene im Westen. Folk war und ist immer noch die Musikrichtung, die sich irgendwie auf alte, bodenständige Werte und Instrumente besinnt, die vor allem eins macht: eine bessere Welt besingen. Mögen die Zeiten noch so dunkel sein, der harmonische Zwiegesang lässt nicht nur die alten Zeiten goldener erscheinen, sondern auch die Gegenwart nicht ganz so harsch. Wirft man noch eine ordentliche Prise Marketing mit in den Mix, kommt Justin Timberlakes Rolle in „Inside Llewyn Davis“ heraus: Der Folk-Popper, der von Kennedy nicht auf dem Mond geschossen werden will (am besten in dem ansonst nervigen Song: Adam Driver mit Cowboy-Hut aus „Girls“, der ausnahmsweise mal nicht den bescheuerten Boyfriend geben muss, sondern die Bass-Zwischenrufe).

Wir haben es hier  mit 14 Songs in gut 42 Minuten zu tun. Eingesungen wurden sie von den Schauspielern nicht nur selbst, sondern im Film vor allem auch live und direkt, ohne Nachsynchronisation oder Playback. Wieso? Weil es hier, in dem Film, in der Story um Authentizität geht.

Produziert wurde der Soundtrack von T-Bone Burnett, der  bisher ungefähr jeden Preis für Filmmusik einsacken konnte, unter anderem einen Grammy für „O Brother, Where Art Thou“, dem Coen-Film aus dem Jahr 2002. Eingespielt wurden alte Stücke, von denen man manchmal gar nicht mehr weiß, woher sie eigentlich stammen und Songs von Folk-Größen. Bill Paxtons „The Last Thing on My Mind“ wird von Stark Sands und den Punch Brothers neu interpretiert und  Hedy Wests Superklassiker „Five Hundred Miles“ bekommt von Carey Mulligan und Justin Timberlake einen neuen Anstrich verpasst. Wer hätte das gedacht, dass der „Suit & Tie“-Dancefloor-Killer Timberlake einen  Folk-Song mit Herz und Seele zum besten geben kann?! Dass auch der alte Ire Brendan Behan ein Revival mit „The Auld Triangle“ erlebt, ist besonders schön:  In dem Lied, das 1954 eigentlich für ein Theaterstück geschrieben wurde, werden die beschwerlichen Verhältnisse in einem Dubliner Gefängnis besungen. Die Iren hatten es schon immer schwer und deshalb gehört das reine Gesangsstück  seitdem fest zum irischen Liedgut, eh klar!  In „Inside Llewyn Davis“ beklagen sich  Justin Timerlake, Chris Thile, Chris Elridge und Marcus Mumford über die wirklich alles andere als rosigen Verhältnisse. Ja, genau, der Marcus Mumford, ganz ohne seine Sons. Der agiert übrigens auch auch Associate Music Producer des Soundtracks.

Marcus Mumford ist gemeinsam mit Schauspieler-Sänger Oscar Isaac für den schönsten Song auf dem Soundtrack verantwortlich: „Fare Thee Well (Dink’s Song)“, ein traditioneller Folk-Song, erzählt die Geschichte von Dink, einer Frau an den Levee Camps, von der man nicht sonderlich viel mehr weiß. Nur, dass sie wohl schwanger war, der Vater ihres Kindes fortgehen musste und sie den schrecklich vermisst. Letztendlich erzählt das in gewisser Weise Llewyn Davis‘ Geschichte – denn auch der macht sich im Film schließlich von New York auf nach Chicago und lässt seine Liebe (samt seinem ungeborenen Kind) zurück. Was am Lake Michigan dann aber passiert und ob er Carey Mulligan am Schluss doch noch bekommt – man weiß es (noch) nicht.

art2Ganz zum Schluss gibt sich noch der, der es in der Folk-Szene von New York im kalten Winter 1961 geschafft hat, ein Stelldichein: Bob Dylan singt sein „Farewell“. Und ganz in Dylan-Manier wird auf dessen Reise aus dem Regen Hagel und er reist auf einem „path-beaten trail“. Da muss man nicht mehr dazu sagen.

Wer also Coen-Filme mag, soll sich dringend ab 5. Dezember „Inside Llewyn Davis“ im Kino anschauen – weder das Regie-Duo noch die Schauspieler werden enttäuschen. Vor allem werden viele verstehen, dass Oscar Isaac alles andere als „Standard“ ist, sondern ein außerordentlich begabter Mime und Musiker, der über ein Viertel des Soundtracks ganz allein mit seiner Gitarre bestreitet.

Wer Folk-Musik nicht erst seit den Lumineers mag, sollte sich auch dringend den Soundtrack zulegen. Justin Timberlake, Marcus Mumford, die Punch Brothers und natürlich Oscar Isaac und Carey Mulligan haben gemeinsam mit T-Bone Burnett den Soundtrack geschaffen, der sowohl potenzieller Oscar-Favorit ist als auch die Musikrichtung, um die es im Film geht, so authentisch wie möglich porträtiert. Folk singt immer gegen die Dunkelheit an, immer für das Licht – und genau das brauchen wir alle ein bisschen vor der Wintersonnenwende am 21. Dezember.

„Inside Llewyn Davis“ läuft am 5. Dezember in den deutschen Kinos an, der Soundtrack ist bereits bei Long Strange Trip/ Warner erschienen.

Fotos: Studio Canal