Scooter fackeln nicht lange: Mit einer Pyro-Einlage, die manche Band vielleicht erst zum Schluss zünden würde, beginnt das Trio um den immer noch platinblonden H.P. Baxxter seine Show. Und deren Name ist Programm: „20 Years of Hardcore“. J’adore Hardcore? Ein Ausflug in eine Parallelwelt.

scooter1Mit einem ohrenbetäubenden Wumms wurden wir aus unseren Drink-Diskussionen an der Bar gerissen. Mitten rein ins Scooter-Universum. Bäm. Und für die nächsten knapp zwei Stunden gab es auch keinen Weg zurück. Aber wer will das schon? Wicked! Entweder man ist seit 20 Jahren großer Fan der Band, die mit einer wahllosen Aufzählung von Techno-DJs ihren vermutlich immer noch größten Hit „Hyper Hyper“  einfahren konnte, oder man geht hin, weil einen die Neugierde treibt: Kann das echt funktionieren? Und wer geht jetzt wirklich zu einem Konzert der Happy-Hardcore-Hands-Up-Dance-Mucker? Wir zählen uns zu den letzteren und stellten recht bald fest: Ja und alle.

Put your hands up in the air!

Es funktionierte, was nicht zuletzt an der Professionalität der Combo lag. H.P. Baxxter ruft, brüllt sich durch das umfangreiche Krawall-Repertoire. Wenn er Hände in der Luft sehen will, sieht er Hände. Das ganze Spektakel erinnert ein wenig an eine Messe, einen Kult, H.P. ist der Zeremonienmeister, wir die Duracellhäschen. Oder so. Zwischendurch ist das fast ein bisschen angsteinflößend.

Aber: H.P. Baxxter hat immer noch Spaß an der Sache, springt rum, lässt sich von der Hebebühnedurch die Gegend fahren und schreit immer wieder „Core!“ oder „Yeah!“ ins Mikrophon. (Ein Wicked! gab’s leider nur einmal zu hören.) Man muss es ihm lassen: Er ist schon irgendwie ’ne coole Sau – selbst im schwarzen, dezent bauchfreien (!) T-Shirt mit Glitz-Applikation. Den Zuschauern gefiel’s. Wicked und so. Das Publikum wiederum setzte sich aus einer wilden Mischung zusammen: Die, die früher ihren Jahresurlaub um die Love Parade in Berlin planten, feierten mit denen, die mit Scooter irgendwie erwachsen wurden und „I wanna check the mircrophone! I wanna check the microphone!“ immer noch – und ob sie nun wollen oder nicht – genau einem Künstler, Scooter nämlich, zuordnen können.

That’s so 1994!

scooter2Fehlen durften da aber auch nicht jene, die mitten in der Ära des Eurodance-Trashs aufgewachsen sind und sich eine deutsche Musiklandschaft ohne H.P. und Konsorten gar nicht mehr vorstellen können. Und solche wie wir, die sich das mal, nicht ganz ironiebefreit, anschauen wollten. Altersgrenzen? – Fehlanzeige. Fast zwei Stunden lang wurde da kräftig gefeiert und es war ein großes Schauspiel. Kräftig ist dabei übrigens ziemlich wörtlich zu nehmen: Wer sich nicht in Acht vor Hardcore-Fans nahm, hatte schnell mal eine wild durch die Luft fliegende Faust in der, pardon, Fresse.

Mal ehrlich – jeder von uns kennt mindestens drei Scooter-Songs. Und die drei mal live erlebt zu haben, mit wummerndem Bass und einer Menge hüpfender Menschen um sich rum, das ist schon was wert. Wicked! Wenn H.P. Baxxter dann noch eine funkensprühende Gitarre, echtes Feuer und eine fette Lightshow oben drauflegt, ist der Abend ein Gewinn.

Jumper, back to the UK!

Was allerdings die Shefflied-Boys auf der Bühne verloren haben, war uns nicht ganz klar. Tänzer, Breakdancer – waren das jedenfalls nicht. Nein, im Scooter-Universum werden diese, äh, Tänzer Jumper genannt. Nur: man mag von diesem Tanzstil halten, was man will, aber diese zwei Buben bewegten sich komplett asynchron – da half auch ihr Pseudo-Zwillings-Humpty-Dumpty-Outfit nicht. Back to the UK mit Euch!

Die Mädchen-Tanzgruppe stand den Shefflied-Fritzen jedoch in Zweifelhaftigkeit nur wenig nach. Sie verrenkten sich in absurden, sehr schlichten Choreos, schwebten mal im schwarz-weißen Engelchen-Kostüm von der Hebebühne und räkelten sich dann in hautengen Leo-Hoodies. Braucht Scooter eigentlich gar nicht. Was Scooter allerdings braucht, ist demnächst einen neuen Keyboarder: Rick J. Jordan, Gründungmitglied von 1993, wird die Band nach dieser Tour verlassen. Deshalb bedankt er sich nach der Zugabe auch noch extralang.

Im Technokrawummerland

Spätestens bei „Move Your Ass“ gab es kein Halten mehr. Die Masse wogte sich in Ekstase, tobte im Takt zu den wuchtigen Bässsen. Ursi und Renzo im Technokrawummerland. Wir waren baff. Und konnten, nach über eineinhalb Stunden Volldröhnung, nicht mehr.

Übrigens: Die erste Scooter-Single erschien Mitte der Neunziger. Wer hätte damals gedacht, dass dieser etwas seltsam wirkende blonde Techno-Antiheld und seine Truppe 20 Jahre später unsere Lieblingshalle wegkrawummen würden. Apropos: Der Höllensound in der Soundhölle war überraschend gut!

Und am Ende? Blieben jede Menge unbeantwortete Fragen. How much is the fish? Are you on the floor? The Question is what is the Question? – So viele Fragen. Und keine Antworten. Scooter entließen uns mit ratlosen – aber zugegeben auch grinsenden – Gesichtern in den kalten Winterabend. Wicked!

Fotos: themusicminutes, Christian Barz