Mit „Transgender Dysphoria Blues“ legen Against Me! diese Woche ihr sechstes Album vor. Obwohl die Band seit 15 Jahren aktiv ist, hat diese Platte auch einen Debüt-Charakter. Im Mai 2012 nämlich hatte Frontfrau Laura Jane Grace ihr Coming Out als Transgender. Die ehemals als Tom Gabel bekannte Musikerin machte in einem brutal ehrlichen Interview mit dem amerikanischen Rolling Stone öffentlich, ihr Leben fortan als Frau zu führen. 

AgainstMe_CoverAgainst Me! – und auf einmal machte dieser Bandname soviel mehr Sinn. Eine Frau, die seit frühester Kindheit mehr oder weniger still gegen den eigenen, fälschlicherweise männlichen Körper rebelliert. Bei den Fans schlug die Nachricht ein, wie eine Bombe. Natürlich war der ein oder andere erstmal etwas perplex und latent überfordert von der Tatsache, dass ihre geliebte musikalische Testosteronschleuder von Band gar keinen stets breitbeinig und verschwitzt krakelnden Über-Punk-Dude am Mikro hat, sondern tatsächlich eine Frau. Die Mehrheit aber zollte Grace tiefsten Respekt und feiert sie als Role-Model. Die Diskussion wie Graces Coming Out die zukünftige Musik der Punk-Band aus Florida beeinflussen oder verändern würde, war schnell hinfällig, als ankündigt wurde, das nächste Album werde sich ausführlich und ausschließlich mit diesem Thema beschäftigen. Ein extrem mutiger Schritt, der für Grace sicherlich Befreiungsschlag und auch ein Stück weit Therapie sein dürfte.

Vier der zehn Songs wurden schon weit vor der Albumveröffentlichung bekannt. „Fuckmylife666“ (der es sofort in meine Top-Songs 2013 geschafft hat) und „True Trans Soul Rebel“ wurden schon letztes Jahr in Form der 2-Track-Akustik-EP „True Trans“ veröffentlicht. „Osama Bin Laden As The Crucified“ und „Black Me Out“ spielte Grace (damals noch als Tom Gabel) bereits bei ihren Solo-Auftritten in akustischer Form. Z.B. beim 2012er Pirate Satellite Festival in Stuttgart. Man wusste also schon, wo es grob hingeht, und die Vorfreude war geschürt, aber mit Band und im Kontext eines Albums funktionieren Songs dann doch nochmal anders.

againstme_2013_sm_CreditRyanRussell

Was erwartet uns also mit dem kompletten Album? 29 Minuten kontrollierter Wutanfall. Auskotzen, Aufarbeiten, Abrechnen. Zehn Songs in denen sich Grace schonungslos alles von der Seele singt und plärrt, was sie seit Ewigkeiten innerlich auffressen muss. Die Melodien unglaublich catchy, mit ordentlich Dampf, die Texte extrem explizit, was aber absolut sein muss, wenn man das rüberbringen will, worums hier geht. Im Punk wurde noch nie um den heißen Brei herumgeredet, und wenn Grace seit Jahr und Tag beschäftigt hat, dass sie nunmal „no cunt in her strut“ hat, dann wird das hier auch genauso ausgesprochen. Und zwar ohne Aufwärmphase, vom Opener bis zum letzten Song. Die Texte sind wirklich schonungslos ehrlich. So ehrlich, dass es teilweise schmerzt. Zum Beispiel wie sehr sie sich wünscht, den anderen möge doch bitte eher der ausgefranste Saum ihres Sommerkleids auffallen, anstelle ihrer Schultern, offensichtlich zu breit für die eines Mädchens. Mit welchen trivialen Befindlichkeiten hatte man grade nochmal selber zu kämpfen?

Schon beim Opener wird also kein Blatt vor den Mund genommen und auch die Melodien der ersten drei Songs fräsen sich gleich in die Hirnwindungen. „Unconditional Love“ ist eine schwer hitverdächtige tanz- und mitjohlbare Punkrock-Hymne. Aber auch hier  muss man bei den Lyrics gleichmal schlucken, wenn es heißt /Even if your love is unconditional, it still wouldn’t be enough to safe me/. Schließlich lebt Grace doch nach wie vor mit ihrer Frau Heather und der gemeinsamen Tochter zusammen. „Drinking With The Jocks“ ist dann der  1:49 lange Ausraster, in dem die für sie früher fatalen Auswüchse des Gruppenzwangs angeprangert werden. /All my life, all my life, just like I was one of them / rotzt sie uns entgegen, nur um wenig später hinterherzuschleudern /There will always be a difference between me and you/. Das darauffolgende „Osama Bin Laden As The Crucified“ klingt in der Bandversion wie eine liedgewordene Heimsuchung. Oder wie ein musikalischer Molotow-Cocktail. Ordentlich aggro jedenfalls. Danach wird’s mit „Fuckmylife666“ und „Dead Friend“ zumindest musikalisch wieder etwas freundlicher. Erstgenannter bleibt auch in der Bandversion mein Lieblingslied vom Album (Fat Mike von NOFX spielt hier übrigens Bass, genau wie bei „Unconditional Love“). Was für ein Ohrwurm, was für eine große Melodie. Nach der reduzierten Ballade „Two Coffins“ beschließen mit „Paralytic States“ und „Black Me Out“ nochmal zwei fette Kracher diesen Longplayer. Alter Schwede! Ein Album, wie eine 10er-Karte für die Achterbahn. Knapp 30Minuten im Adrenalin-Rausch, zwischen Kloß im Hals und Atemnot.

Against Me! sind tight und Punkrock wie eh und je. Liefern hier ein Album ab, das man eher als das Konzentrat eines Albums bezeichnen könnte. Jede Zeile sitzt, keine Note zuviel wurde hier verbraucht. All Killers, no Fillers. 29 Minuten voll auf die Zwölf. Nicht wenige fürchteten ja um die prägnante Stimme der Frontfrau, andere eher um die nun nicht mehr gegebene Projektionsfläche und mangelnde Identifikation, da sie mit dem Transgender-Thema ja so gar nichts am Hut haben. Die Sorge um Graces Stimme ist aber genauso unbegründet, wie meiner Meinung nach die um fehlende Identifikation. Haben diese nun jammernden selbsteranenten Vollblut-Punks bisher auch 24 Stunden am Tag gegen das System rebelliert und sind mit stetig erhobenem Mittelfinger oder wüst marodierend durch die Strassen ihrer Stadt zogen, nur weil in einem Punksong davon gesungen wurde? Das Wichtige ist doch hier die Botschaft. Es ging im Punk schon immer darum Stellung zu beziehen, mutig zu sein, und nicht mit der Masse zu schwimmen, nur weil es halt bequemer ist. Mir fällt also ehrlicherweise nicht viel ein, was mehr Punkrock sein könnte, als das, was Grace hier macht. Mehr Badass wird’s wohl nimmer, Jungs! Und wenn ich mich mal wieder einscheiße, weil mir etwas in meinem Kosmos ganz und gar Unerträgliches bevorsteht, dann nehm ich mir in Zukunft 29 Minuten Zeit und höre einer zu, die verdammt nochmal weiß, wovon sie spricht.

 

„Transgender Dysphoria Blues“ von Against Me! erscheint am 24.01.2014 bei Xtra Mile (Indigo).

 

Fotos: PR