„Mittwoch ist Schnittwoch“, sagt man in Graz. Schnittwoch ist die Wochenmitte, die gefeiert werden will. Farewell Dear Ghost aus Graz und Caged Animals aus Brooklyn machten gestern in der Milla vor, wie ein echter dieser Schnittwoche aussieht.

Es ist schon eine etwas ungewöhnliche Band-Liaison – die einen aus den USA, Hipster-Hochburg Brooklyn noch dazu, und die anderen aus der Steiermark, der hübsch-beschaulichen Landeshauptstadt Graz. Nichtsdestotrotz geht hier das Konzept auf: Caged Animals und Farewell Dear Ghost bescheren dem Indie-Pop einen großen Abend. FM4, der immer noch beste Radiosender wo gibt, hat dieses Potenzial schon lang erkannt und featured beide gleichermaßen: Keine Morningshow vergeht bei dem staatlich gesponsertem, alternativen Funkhaus aus Wien ohne Tracks von beiden Bands. Dass sie jetzt an einem von zwei Abenden (der andere war in Berlin am Dienstag) gemeinsam in München auftreten, ist eine mehr als günstige Fügung des Schicksals.

fdg

Farewell Dear Ghost betreten die Bühne und Bandleader/Mastermind Philip Szalay begrüßt die Zuschauer mit „Hallo Berlin!“ – ähem, ganz falsche Stadt leider. Wenn einem sowas passiert, dann hat man auf den Bühnen der Landeshauptstadt nicht den allerleichtesten Stand. Da muss man dann irgendwas wieder gut machen. Nur womit? – Mit einem Top-Live-Set vielleicht. Eine gute Dreviertelstunde spielen sich Farewell Dear Ghost durch ihr Debütalbum „We Colour the Night“ und das zieht einen live genau so in seinen Bann wie in gepresster Form. Gleich ob „Cool Blood“, die erste Single, „Wake Up“ oder der große Hit „Fire“ – sie alle funktionieren live, zu viert ebenso gut wie allein im Studio. Farewell Dear Ghost ist nämlich eigentlich kein Quartett. Die zwei Philipps, Günther und Lukas sind nur für die Tour gemeinsam eine Band, alle Songs hat Philipp Szalay aber im Alleingang geschrieben und aufgenommen. Wer „Fire“ immer noch nicht kennt: Hört wieder mehr FM4! Und schaut Euch hier das Video an.

Und dann wird er erklärt, der Schnittwoch: Wenn man am Donnerstagmorgen in Graz mit der Trambahn fahre, könne es sein, dass man immer noch den jugendlichen „Mittwoch ist Schnittwoch“-Opfern, müde und verkatert, begegne. Grund? Die Happy Hour-Nummer zur Begießung der Wochenmitte am Abend zuvor. Farewell Dear Ghost spielten bei ihrem insgesamt zweiten (!) Deutschland-Konzert jedenfalls fast eine komplette Happy Hour durch – Schnittwoch rules. Die Solo-Zugabe von Szalay, eine Cover-Version von“I’m on Fire“ von Bruce Springsteen, lässt einen dann auch den Patzer mit der falschen Stadt endgültig vergessen. Und auch hoffen, dass die Grazer bald für ihr drittes Konzert zurück aus der Alpenrepublik kommen. Übrigens: Am Samstag spielen sie gemeinsam mit einem anderen Ösi-Exportschlager, Bilderbuch, im nicht allzu weit entfernten Rockhouse in Salzburg.

Und weil uns Farewell Dear Ghost beim ersten Hören im Dezember 2013 komplett umgehauen haben, baten wir Philipp Szalay gestern zum Tête-a-Tête. Was dabei rausgekommen ist, könnt ihr bald hier lesen/sehen/hören.

caZweiter Streich des Abends sind Caged Animals, das Quartett aus Brooklyn um Vincent Cacchione. Jaja, italienische Wurzeln – unverkennbar, wenn man sich seinen schwarzen, lockigen Wuschelkopf anschaut. Gemeinsam mit seiner Schwester Tayla Rose am Bass, Patrick Curry an den Drums und Andrew Hoepfner an Gitarre und Synthie starten sie langsam und ziehen dann ordentlich durch. Will heißen: Am Anfang die ruhigen Nummern, dann die für’s Tanzbein. Spätestens als Cacchione seine Geschichte von einer etwas seltsamen Figur, dem geschleckten Gordon, der Gordo genannt werden will und ein 1a-Mafia-Film-Charakter wäre, zum besten gibt, hat er das ganze Publikum auf seiner Seite. Drei Alben haben die Caged Animals inzwischen aufgenommen, „In the Land of Giants“ ist im September letzten Jahres erschienen. Sie spielen sich durch ihre Trilogie und man ist immer etwas enttäuscht, wenn die Songs so abrupt enden wie sie es bei den Caged Animals nun eben mal tun. Aber diese Enttäuschung währt nur kurz, denn es folgt ja ein Track auf den nächsten, unterbrochen nur von lustigen Anekdoten des Brooklynites. Es sind Low-fi Nummern mit Indie-Gesprenkel, die sich aber immer und immer wieder vor dem Pop verneigen. Ihr könnt Euch nicht erinnern, wie diese Form des Indie-Pops klingt? Dann hier ein gut dreiminütiger Reminder:

An Gordo werden wir jedenfalls noch lange denken. Genauso wie an diesen Abend in der heimeligen Atmosphäre des Milla-Clubs. Ach, Indie-Pop, du hast uns gefehlt. Schau in dieser Form einfach wieder öfter vorbei!

Fotos: the music minutes