Mit ihrem charmanten Indie-Pop liefern Broken Bells eines der ersten musikalischen Highlights des Jahres. Wir sprachen mit Produzent Danger Mouse über die Arbeit am neuen Werk „After The Disco“ – und was es mit dem Albumtitel auf sich hat.

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Er ist ein ungewöhnlicher Superstar, einer, der allem Anschein nach nicht gerne im Mittelpunkt steht. Den Platz im Rampenlicht überlässt er lieber anderen. Brian Burton, besser bekannt unter seinem Produzentennamen Danger Mouse, ist ein bescheidener Superstar. Dabei arbeitete der 36-Jährige bereits mit zahlreichen Topacts zusammen: The Black Keys und den Gorillaz verhalf er zu Grammy-Ehren, darüber hinaus werkelte er mit Norah Jones, Beck, Portugal. The Man, The Rapture, Frank Ocean, Jack White und Sparklehorse im Studio. Zusammen mit Cee-Lo Green landete er als Gnarls Barkley vor acht Jahren einen weltweiten Smash-Hit. „Crazy“ dröhnte 2006 aus allen Boxen. Ach ja, und ganz nebenbei arbeitete Danger Mouse mit U2 an deren neuem Album, das dieses Jahr erscheinen soll.

Fragen zur Kollaboration mit Bono und Co. sind beim Interview mit Danger Mouse allerdings tabu. Eine klare Ansage von Seiten des Plattenlabels. Danger Mouse möchte nicht über seine Arbeit am neuen Werk der irischen Superstars sprechen. Schließlich steht das zweite Album seiner Band Broken Bells im Fokus. 2009 gründete Danger Mouse zusammen mit James Mercer, Sänger der vor allem in den USA erfolgreichen Indie-Band The Shins, das Projekt Broken Bells.

Mitgröhl-Songs à la Gnarls Barkley sucht man auch auf dem zweiten Broken-Bells-Album vergebens. Stattdessen liefert das Duo kleine Pop-Songs mit eigenwilligen, aber oft eingängigen Melodien, die tagelang im Kopf herumspuken, bis man sich plötzlich beim Mitsummen ertappt. Die elf neuen Songs sind im Vergleich zum selbstbetitelten Broken-Bells-Debüt von 2010, das von einem reduzierten, fast rumpeligen Lo-Fi-Stil geprägt war, satter ausproduziert. Dadurch verlieren die Stücke jedoch keineswegs an Charme und der 43-jährige Mercer profiliert sich erneut als vielseitiger Sänger.

„After The Disco“, so der Titel des zweiten Broken-Bells-Longplayers, ist durchtränkt vom kalifornischen Laisser-faire-Feeling. Mit Disco hat das Ganze nichts zu tun. „Es geht um das Gefühl nach einer Party, wenn ein Traum zu Ende ist, der Tag danach“, beschreibt Brian Burton das Konzept der Platte.

Aftershow à la California

Broken Bells versüßen uns einen Tag in der Hängematte am Meer – wahlweise geht auch die Couch – mit lässigen Westcoast-Grooves, spacigen, psychedelischen 70s-Vibes und 80s-Synthies. Der flirrende Titelsong wird von einem federnden, dezenten Disco-Beat vorangetrieben, während „No Matter What You’re Told“ auf einer dreckigen Bassline aufbaut, die auch auf einem Black-Keys-Album auftauchen könnte. Die erste Single, „Holding On For Life“, erinnert mit dem Falsettgesang im Refrain stark an die Bee Gees. „Dabei klang das Stück im Anfangsstadium eher wie ein 90s-Hip-Hop-Track von Dr. Dre“, erzählt Burton. Die beiden haben also nicht ständig Bee Gees gehört? „Nein“, lacht Danger Mouse. „Wir mögen die Bee Gees,  aber wir haben bestimmt nicht an die Disco-Ära gedacht!“

88843037172Inspiration fanden Broken Bells unter anderem in alten Science-Fiction-Filmen. Brian Burton und James Mercer verbindet eine Vorliebe für retro-futuristische Ästhetik – zu bestaunen auch im Cover-Artwork und den begleitenden Mini-Filmen zu „After The Disco„. „Es ist faszinierend, wie die Menschen in den fünfziger oder sechziger Jahren sich die Zukunft vorgestellt haben“, findet Burton.

Coole Musiker-WG

So entspannt wie das Resultat waren auch die Aufnahmen. Mercer zog von Portland nach Los Angeles, die beiden waren sozusagen Mitbewohner, fuhren zusammen ins Studio und hingen nach der Arbeit zusammen rum. Die Kollaboration mit Mercer könne er nicht mal als Arbeit bezeichnen, schwärmt Burton mit seiner freundlichen, tiefen Stimme am Telefon.

Anders als viele beschäftigte Künstler schickten sich Broken Bells, die sich erstmals 2004 bei einem dänischen Rockfestival begegneten, einzelne Songparts nicht via E-Mail hin und her, sondern feilten – ganz old school – wochenlang gemeinsam im Studio in Los Angeles an den Songs.

Die beiden Musiker, die eine Vorliebe für Bands wie The Smiths, The Cure oder Kraftwerk teilen und eine Sensibilität für melancholische Melodien haben, verbrachten viel Zeit miteinander. Im Studio experimentierten die beiden kreativen Köpfe mit verschiedenen Sounds, inspirierten sich gegenseitig. „Wir gehen meist ohne Ideen ins Studio, nehmen Instrumente in die Hand und probieren dann unsere verschiedenen Einfälle aus. Wir spielen mit den Ideen des anderen, arbeiten sie gemeinsam aus, so kommt alles nach und nach zusammen“, erklärt Danger Mouse. Unterstützung erhielten Broken Bells von Komponist Daniele Luppi, der für die Streicher-Arrangements verantwortlich zeichnet. Ansonsten spielten die beiden Multiinstrumentalisten alle Titel selbst ein.

It’s getting personal!

Die Lyrics zum zweiten Broken-Bells-Album entstanden ganz zum Schluss, innerhalb von gerade mal einer Woche. „Alle Songs basieren auf unseren Gesprächen, die wir im Verlauf der Aufnahmen geführt hatten. Wir kennen uns inzwischen ziemlich gut, sind seit unserem ersten Album eng befreundet – jetzt sogar noch enger als zuvor. Dadurch konnten wir auf diesem Album noch persönlicher werden.“

Wer hat bei derart geballter Talent-Power das letzte Wort? „Wir haben eine Regel: Wenn einer etwas nicht mag, lassen wir die Finger davon“, erklärt Brian Burton. „Ich möchte nichts auf einer Platte haben, hinter dem James nicht stehen kann. Und ihm geht es genauso.“ Dieses Prinzip funktioniere grundsätzlich ganz gut bei Kollaborationen, meint Danger Mouse. Was macht denn einen idealen Produzenten aus? „Ich weiß nicht, ob ich der Richtige bin, diese Frage zu beantworten“, gibt er sich ernsthaft bescheiden. „Man muss sich einfach bewusst sein, dass die Leute, mit denen man zusammenarbeitet, einzigartig sind und ihr jeweils eigenes Ding machen. Diesen individuellen Ansprüchen sollte man als Produzent so gut wie möglich gerecht werden. Letztendlich hängt es aber immer von der Situation ab. Manchmal ist es besser, durchzugreifen, manchmal sollte man in Deckung gehen. Ich lerne immer noch.“ Gibt es andere Künstler, mit denen er noch gerne arbeiten würde? „Möglicherweise. Aber vor allem möchte ich eine weitere Broken-Bells-Platte machen.“ Gut so!

Foto: Sony Music