Farewell Dear Ghost. Merkt Euch diesen Namen. Am 31. Dezember war „Fire“, die Nummer 9 der FM4-Jahrescharts, die große Überraschung für meinen Silvesterabend. Wer steckt hinter dieser Band? Und wie mega sind die eigentlich?!

art1Wenn man sich das Debüt „We Colour the Night“ von Farewell Dear Ghost anhört und danach mal checkt, um wer sich hinter dieser Band versteckt, gibt es zwei Überraschungen: Erstens, das ist auf Platte ein Ein-Mann-Projekt. Zweitens, dieser eine kommt aus Österreich. Klingt nach Indie in seinen besten Zeiten Mitte der 00er-Jahre, kommt aus dem beschaulichen Graz und studiert eigentlich noch auf Lehramt. Hä, wie kann das sein?! Zeit für ein Stelldichein mit Mastermind Philipp Szalay in München, denn wir hätten da ein paar Fragen und eine Anmerkung: Wie konnte dieser ganz wunderbare Sound, den wir so vermisst haben, entstehen? Rettet Österreich den Indie? Und: Bitte mehr davon!

Woher kommt der Name Farewell Dear Ghost?
Den Namen habe ich mir eigentlich von einem deutschen Projekt ausgeborgt, von Tobias Kuhn, der inziwschen ja alle Sachen mit Thees Ulmann macht. Der hatte früher ein eigenes Projekt, das Monta hieß. Auf dem ersten Album war ein Song, der hieß „Farewell Dear Ghost“. Das war damals schon mein Lieblingstrack und ich fand ihn irrsinnig ansprechend. Da hab ich den Namen dann einfach übernommen.

Manchmal spielst Du Songs von Farewell Dear Ghost auch solo, also allein auf der Bühne. Was ist Dir denn inzwischen lieber – solo oder mit Band?
Inzwischen mit Band. Dadurch, dass das ganze Projekt so angelegt ist, dass die Songs nur mit Band funktionieren, setzt es das ja auch voraus. Ich finde es hin und wieder ganz interessant, die Songs auch wieder dahin zurückzuführen, wo sie herkommen – mit Soloauftritten und Akustikgitarre. Oder eben meine E-Gitarre und ich.

Du warst ja früher als Singer-Songwriter allein unterwegs. Ist dieses Kapitel denn für Dich komplett abgeschlossen und vorbei?
Vorbei ist es nicht. Es ist ein Teil von mir, den ich sicher nicht verstecken oder zur Seite legen werde können. Das Projekt mit Farewell Dear Ghost war einfach ein Entwicklungsschritt in eine Richtung, die ich gehen möchte. Ich wollte weg von der Intimität des Singer-Songwritertums und einen Sound machen, der mit Band umzusetzen ist. Ich finde, das eine schließt das andere nicht aus: Die ganze Kreativarbeit passiert ja doch noch allein. Ich mach das ganze allein und dann wird es mit Band umgesetzt. Von dem her ist es eigentlich eine Mischung aus beidem und ich möchte nicht nur das eine oder nur das andere sehen, sondern will eher beides vereinen.

artDu schickst also bei Konzerten auch nicht mal die Band weg und spielst Deine alten Solonummern?
Nein, bei den Konzerten sind wir wirklich eine Band. Das war auch eine Entscheidung für den Namen „Farewell Dear Ghost“, sonst hätt ich das alles auch „Philipp Szalay und Band“ nennen können. Sowas ist aber lästig, weil die Menschen dann immer nur den Namen einer Privatperson lesen.

Ihr macht Indie. Die Art von Indie, die man schmerzlich vermisst hat in dem ganzen Folk-Pop-Strom, ohne dass es einem wirklich bewusst war. Woher kommen Deine Einflüsse?
Ich greife, glaub ich, auf das zurück, was 2005 sehr groß war: Diese ganzen Indie-Rock-Bands, die damals aufgekommen sind – Bloc Party und Konsorten. Ich weiß, ich erfinde nichts neu, aber der Sound dieser Bands hat mir immer sehr getaugt und es geht ja immer darum, wie man selber die Sachen interpretiert. Ich denke, der größte Sound-Einfluss für „We Colour The Night“ war das Konzert von Arcade Fire in Wiesen vor zwei oder drei Jahren. Mein Produzent stand damals neben mir und wir dachten uns während des Konzerts: „Okay, da kann man schon ruhig mehr Gitarren draufhauen auf’s Album!“ Arcade Fire, die frühen Coldplay-Sachen, Bloc Party – die haben mich beeinflusst.

Gibt es denn aktuell eine Band, von der Du sagst, dass man sie sich dringend anhören muss?
In den letzten zwei Jahren sind für mich The National zur besten Band geworden. Das muss man sich auf Platte wie auch live unbedingt angehört haben. Für mich interessant sind noch Bilderbuch, weil es Bekannte sind und man eben auch mitbekommen hat, wo sie her sind. Die haben mit ihrer EP wirklich große, große Schritte gemacht und sind sehr interessant vom Sound her. Sie verbinden den Indie-Pop und Indie-Rock mit eigenen Elementen und das ist wirklich sehr, sehr cool.

Bilderbuch sind genauso wie ihr mit einem Song auf der letzten FM4-Soundselection vertreten. Ihr wart Soundpark-Act des Monats und Platz 9 der FM4-Jahrescharts. Hat Euch FM4 den Weg zu einem breiteren Publikum ermöglicht oder wäre ohne den Radiosender doch auch alles gleich gelaufen?
Ich glaube nicht. Wir haben in Österreich die einzigartige Situation, dass wir einen Radiosender haben, der einen alternativen Schwerpunkt hat, österreichische Musik in den Mittelpunkt setzt und bundesweit empfangbar ist. Das hilft halt wahnsinnig viel. Wenn die sagen, sie finden was cool und unterstützen das dementsprechend, dann hilft Dir das in Österreich in jedem Fall viel weiter. Es ist dann eine sehr, sehr gute Basis, von der aus du arbeiten kannst.

Im November erschien Euer Album „We Colour the Night“. Darauf sind Songs wie „Fear“, „Demons I“, „Demons II“ – alles etwas düster. Bist Du denn ein düsterer Mensch oder waren das alles nur Themen eines Lebensabschnitts, den Du verabreiten musstest?
Ich würde mich selber sicher nicht als traurige Person bezeichnen, sondern vielleicht eher als „optimistischen Melancholiker“. Ich schreibe über diese Sachen, Angst und Schmerz, weil da viel mehr Energie dahintersteckt, die man verarbeiten muss. Man beschäftigt sich viel damit, wieso man sich genau so fühlt oder wieso man manches auf eine gewisse Weise empfindet und da entstehen dann eben ganz eigene Energien, die man kreativ umsetzen kann.

Als Eure Single „Cool Blood“ letzten Sommer erschien, wurden die Lizenzen für „We Colour The Night“ bereits nach Canada und die USA verkauft. Wann geht’s los mit dem Durchbruch auf der anderen Seite des Teichs?
Ich glaube, der wird jetzt nicht passieren. Das Album wurde in Nordamerika am 28.Jänner digital released. Ich freu mich auf jeden Fall sehr. Man geht ja nicht mit so viel Erwartungen ans Debütalbum. Man denkt sich „Ich release das jetzt und weiß nicht, was dabei rauskommt“. Man schickt es einfach raus und schaut, was passiert. Wenn dann dabei rauskommt, dass es jemandem in Amerika gefällt und er will die Lizenz machen, dann denkst Du Dir schon „Woah, super“. Gleichzeitig weiß man auch, dass da vielleicht dann in Amerika gar nix passiert. Ich freue mich aber sehr, dass das Album dort erschienen ist und auch auf jedes Feedback.

2013 war für Farewell Dear Ghost also ein ziemlich gutes Jahr?
Ein sehr gutes Jahr! Nachdem „We Colour The Night“ erst im November erschienen ist, ist auch alles sehr schnell gegangen.

Was steht 2014 an?
Einfach so viel wie möglich live spielen, Österreich viel touren und auch in Deutschland und der Schweiz Fuß fassen. Aber da stecken wir erst in der Planung. Noch nichts Konkretes, aber wir werden Deutschland sicher öfter unsicher machen.

Gibt’s denn von der Tour zu Eurem Album eine dieser unglaublichen Geschichten, von denen Du vor einem Jahr Dir nicht hättest träumen lassen, dass das passieren würde?
Groß war das Konzert, das wir als Support für The Naked & Famous im Wiener Gasometer gespielt haben. Das war erst die fünfte oder sechste Show, die wir zusammen gespielt haben, und dann gleich vor 2.500 Leuten! Das war ein sehr, sehr, sehr, sehr großes Kaliber, mit dem keiner von uns jemals gerechnet hatte. Dann eine Woche später den Nummer-1-Hit auf FM4… Es ist ganz cool zu sehen wie sich das entwickelt: Man geht mit einem Haufen Idealismus an das Projekt ran, man plant ja nicht, dass das aufgehen wird. Und dann passieren genau diese Sachen, bei denen Du Dir vor zwei Jahren beim Songschreiben im Wohnzimmer gedacht hast „Jaaaa, auf FM4 mal gespielt werden, das wär cool!“ oder „Nummer 1 bei FM4 – das wär der Wahnsinn!“ oder „Mal so einen richtig großen Gig spielen wär klasse!“ Man arbeitet ganz kontinuierlich all diese kleinen Checkpoints ab, die man sich im Kopf gesetzt hat – das ist im Nachhinein sehr, sehr lustig.

 Auf Deiner Liste können da ja nicht mehr so viele dieser Checkpoints übrig sein, oder?
Oh, die Liste ist lang. Im Hinterkopf bastelt man sich ja immer solche Listen. Die Stadion-Tournee mit dem Boss würde ich zum Beispiel sofort unterschreiben. Aber man kann eh immer nur alles auf sich zukommen lassen. In Österreich war es ein sehr guter Start für uns, das kann man schon so lassen. Ich bin schon sehr gespannt, was 2014 alles bringt!

Wir auch. Denn wenn man das letzte Quartal 2013 mit einem BÄM! wie Farewell Dear Ghost beendet, kann nur Großes kommen. Da freuen wir uns drauf!

Farewell Dear Ghost sind als rettende Newcomer aus der Alpenrepublik nicht allein. Wer da noch alles kommt, wird gerade liebevoll recherchiert und für Euch dann hier fein säuberlich aufbereitet.

Fotos: Lena Prehal, the music minutes