Wir schreiben das Jahr 1988. Kylie Minogue ist mit „I Should Be So Lucky“ die unangefochtene Nummer eins der britischen Jahrescharts. Was sie nicht ahnen kann: Luke Sital-Singh erblickt im gleichen Jahr in der englischen Hauptstadt das Licht der Welt. Und er hat Großes vor. Zum Glück!

Zeitsprung in die Gegenwart: Wenn man Luke Sital-Singh heute fragt, wie er das findet, dass Kylie in seinem Geburtsjahr der hellste Stern am Pop-Firmament war und immer noch Songs veröffentlicht, und ob es da wohl einen Zusammenhang mit ihm und seiner eben erst beginnenden Karriere geben könnte, antwortet er zögerlich: „Kylie hat eine ziemlich unglaubliche und lange Karriere hinter sich. Eine, die man sich auch nur selbst wünschen kann. Aber einen Zusammenhang gibt es wohl leider nicht.“ Das macht nichts, denn Sital-Singh wird uns – komplett ohne Kylies Hilfe – zu einigen Ohrwürmern verhelfen: Gerade eben erst beendete er die Arbeit an seinem Debütalbum, das sich nicht nur durch feines Songwriting, sondern auch seine recht einzigartige Stimme auszeichnet.

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Für den Briten, der auf der BBC-Shortlist für die heißen Newcomer des Jahres 2014 steht und auch in unserer Newcomer-Prognose ganz oben auf der Liste steht, war die Werkelei an seiner ersten Platte das höchste der Gefühle. Es wäre einfach großartig gewesen, diese Möglichkeit (ein eigenes Album!!!) zu haben und zu verwirklichen. Die Zeiten und Aufnahme-Möglichkeiten hätten sich in den letzten Jahren ja sehr verändert – von „Bedroom Recordings“ spricht der 25-jährige da. Und so intim das auch alles sein mag, wen kümmert es denn wirklich, wer bekommt den x-ten Soundcloud-Link wirklich mit? Wenn man allerdings eine Platte im Studio aufnimmt, dann hätten zumindest manche Leute eine gewisse Erwartung an das Resultat. Und genau diese Erwartungshaltung mache ihn stolz, so Luke Sital-Singh.

25 und ein eigenes Album – nicht schlecht. Allerdings gab es für den smarten Londoner auch keinen Plan B. Er hätte sich ein paar Jahre lang der Schauspielerei gewidmet, die Bühne wäre schon immer sein Ding gewesen, erzählt er. Seine erste große Leidenschaft war das Theater, Ambitionen, der nächste große Hollywood-Star zu werden, hegte Sital-Singh einige Zeit lang. Sein Vorbild für diese Ära? Leonardo DiCaprio in „Titanic“: „Ich wollte wie er sein“, bekennt er. Doch die Liebe zum Drama hielt nicht lange, die Liebe zur Bühne allerdings schon. Als er die Musik für sich entdeckte, ist sie sofort an die erste Stelle seiner Leidenschaften geschossen – live vor Publikum wollte er spielen. Geblieben ist jedoch seine Verehrung für Leo, denn den findet er immer noch gut. Einen richtigen Plan B hat er bislang nicht. Den braucht er in unseren Augen aber auch gar nicht mehr.

Man denkt immer, alle englischen Musiker kämen aus London und hätten ewig gebraucht ,um erfolgreich zu sein (Wir denken hier an Frank Turner, der Hinterzimmer von Pubs eine Zeitlang seinen festen Wohnort nannte). Ist denn die Stadt wirklich ein so hartes musikalisches Pflaster? „Ja, in der Stadt besteht ein großer Konkurrenzkampf“, beteuert Luke Sital-Singh. „Deshalb ist die Qualität der dargebotenen Musik auch viel höher als an anderen Orten Englands. Es gibt so viele Live-Spielstätten, so viele Leute, die eigentlich auch schon alles gesehen haben und die man nur noch sehr schwer beeindrucken kann. Ich hatte Glück: Ich habe nicht aberhunderte Shows gespielt, sondern mir ein paar Venues rausgepickt, und das hat dann glücklicherweise einfach funktioniert.“

Dass im Moment noch viele Singer/Songwriter überall auf  der Welt die Bühnen bevölkern, sieht Luke Sital-Singh als Trend: „Es ist wie in der Mode. Gerade eben ist diese Musikrichtung ein Trend, der über kurz oder lang auch wieder von der Bildfläche verschwinden wird. Wenn eine Band wie Mumford & Sons kommt und mit ihrer Akustik-Musik die Menschen begeisert, dann kommen viel mehr solcher Künstler auf. Ich mache auch diesen Sound und liebe ihn. Ich mag zwar auch Rock à la Springsteen, aber Folkmusik liegt mir am Herzen – egal, ob dieser Trend abebbt oder nicht.“

Bon Iver, Neil Young – Luke Sital-Singh?

Wie Luke Sital-Singh schon vor dem Release eines ersten Albums von den Kritikern mit Bon Iver und Neil Young verglichen zu werden, kommt einem Lorbeerkranz in Gold gleich. In seinem Fall ist das aber eine ganz besondere Freude, denn Luke Sital-Singh „absolutely love[s] Neil Young“. Er hätte ein ähnliches Timbre in seiner Stimme, meint er. Allerdings musste ihn erst ein Bekannter auf diese Ähnlichkeit aufmerksam machen, bevor sie ihm selbst auffiel. Der 25-Jährige ist wirklich großer Fan der kanadischen Ikone: „his tone, his recordings, his artistery“ – alles schätzt er an dem, mit dem er verglichen wird. Mit Neil Young in einem Satz genannt zu werden, dem, der etwa eine Bazillion Platten verkauft hat und in seiner langen Karriere immer genau nur das gemacht hat, was er wollte – das erfüllt den Briten mit den indischen Wurzeln mit Freude und auch ein wenig mit Stolz. Nicht umsonst streiten sich Neil Young und Nick Cave auch um den ersten Platz in der Vinyl-Sammlung des Plattenliebhabers: Da fighten es Kanada und Australien, „Harvest“ und „Five Leaves Left“, wöchentlich untereinander aus.

Künstler wie Chvrches und Mumford & Sons wurden von der legendären BBC-Sound-Of-Shortlist in der Vegangenheit als „Artists to Watch“ auserkoren. Für 2014 steht Sital-Singh auf jener Liste, ohne auch nur ein Album veröffentlicht zu haben. Wie fühlt sich das an? Ist man dann glücklich, aufgeregt, nervös oder einfach nur immensem Druck ausgesetzt? „All of that“, antwortet er. Es wäre sehr aufregend und in gleichem Maße auch unglaublich. Jemanden von der BBC auf seiner Seite zu haben, wäre schlichtweg phantastisch. Er stünde nun schon unter größerem Druck, aber man müsse eben einfach sein Ding machen und es probieren, so der Singer/Songwriter weiter über die BBC-Liste, die manchem Künstler schon zum Verhängnis wurde – denn wer enttäuscht schon gern die britische Rundfunkanstalt?

2014 streicht sich Luke Sital-Singh aber so oder so schon rot im Kalender an, denn er hat Großes vor: Die Arbeit an seinem Debütalbum liegt in den letzten Zügen und nach dessen Veröffentlichung im Sommer will er so viel wie möglich touren (jaaa, auch auf dem europäischen Festland wird er vorbeischauen!). Live ist der Engländer ambivalent: Er spielt sowohl mit Band als auch solo. Aber gerade die deutschen Konzertbühnen wird er aller Voraussicht nach allein mit seiner Gitarre bereisen. Von sich selbst behauptet er, er wäre ein „Show Off“, ein Angeber, wenn er auf der Bühne steht und es schafft, dass ihn das Publikum ansieht. Wenn man sich seine EP „Tornados“ anhört, kommt man relativ bald zu dem Schluss: Angeberei war gestern. Luke Sital-Singh hat jeden Funken Aufmerksamkeit wirklich verdient.

Luke Sital-Singhs Debüt-Album wird diesen Sommer bei Warner Music erscheinen.

Foto: PR