Wie lang ich diese Band schon höre…. Zu Abi-Zeiten gings los. Da kam ihr Album Shrink raus. Und auf einmal waren alle auf „Chemicals“. Dass dieser Song nicht aus den USA oder von der Insel kommt, sondern aus Bayern, konnte ich erst nicht so ganz glauben. Wunderbarer Track. Und für mich heute genauso modern, wie damals. Um mich wars geschehen und seitdem sind die Weilheimer bei mir weitestgehend über jeden Zweifel erhaben. Jetzt gibt es also mit „Close To The Glass“ den neunten Longplayer von The Notwist, und der ist, wie zu erwarten war, wiedermal genial geraten.

c_2000x2000x830259x1384876193xNotwist_cover_900Mit Markus Achers Stimme ist es so eine Sache. Man erkennt sie unter 100en. Ich kenne tatsächlich jemanden (dessen Identität hier geschützt werden soll), der unfassbarerweise fast allergisch darauf reagiert. Für mich aber hat sie trotz der offensichtlichen Melancholie etwas wohltuendes, etwas zutiefst beruhigendes, fast meditatives. Ich mag, wie sie klingt, ich mag wie sie eingesetzt wird. Wunderbar perfekte Stimmfarbe trifft auf eher unperfekte Gesangstechnik. Wie gut, dass da hin und wieder etwas wackelt und leiert, und das Ganze so organisch, ehrlich und nicht überpoliert wirkt. Das macht das Prinzip Notwist aus. Bei all dem Innovationsdrang und musikalischem Eklektizismus klingt das immer noch unaufgeregt, nie überambitioniert oder berechnend. Und so ist jede Platte wieder ein Ereignis. Weil sie zwar ihren Signature Style beibehalten, den aber doch immer mal wieder in die ein oder andere Richtung dehnen. Beim aktuellen Werk haben sie sich wirklich extrem in alle Richtungen gestreckt. Da ist die komplette Bandbreite des Phänomens Notwist eingefangen und alles geht erstaunlich smooth zusammen. Das Meisterstück der Weilheimer? Gut möglich.

Startet man „Close To The Glass“ wähnt man sich erstmal im Minimal-Kosmos. Bei den ersten beiden Songs dominieren kühle Elektroklänge, es scheppert und fiepst gehörig. Da darf sich Noise-und Frickel-Master Martin „Konsole“ Gretschmann gleich ordentlich austoben. Ist vielleicht für den ein oder anderen eine Herausforderung zum Start, aber es funktioniert perfekt, wenn man die Platte als Ganzes sieht und hört. Und es gilt die Devise, es ist nicht alles künstlich. Viele Elemente des Sounds klingen einzeln sehr natürlich. Da wurden sicher auch menschlich produzierte Töne, gezupfte Gitarrenseiten, Geklöppel auf Metall, Plastik und Co zusammengesampelt. Während der Opener zur Mitte schon wieder die Kurve kriegt und mit Streichern besänftigt, holen sie für den Titeltrack dann zu einem radioheadmäßig sperrigen Klangkoloss aus, nur um dann völlig unerwartet und leichtfüssig mit der hervorragenden ersten Single „Kong“ hemmungslos den inneren Über-Indie rauszulassen.

 

 

Die ersten drei Stimmungswechsel also innerhalb der ersten drei Lieder. Und so geht’s weiter auf dieser Platte. Warum eine Schiene fahren, wenn ihnen doch soviel so gut steht. Da reihen sich wabernde, ausufernde Elektro-Klanggewebe („From One Wrong Place To The Next“, „Lineri“) an ganz schlicht instrumentierte, herzerweichende Indieperlen („Casino“, „Steppin In“) und schon fast schmutzig rockende Tracks mit ordentlich Rumms hinterm zartbesaiteten Text („7-Hour-Drive“). Sie setzen hier ein Style-Mosaik zusammen, das am Ende noch viel eindrucksvoller wirkt, als seine vielen, vielen Einzelteile. Das macht diese Platte aus, und gleichzeitig sehr anspruchsvoll aber dabei gar nicht schwer zu hören.

NOTWIST-2014_A_joergkoopmann.com„Neon Golden“ (2002) war schon ein Hammer. Allein das Spitzen-Trio „Pilot“, „Pick Up The Phone“ und „Trashing Days“! Ganz zu Schweigen von dem fantastischen Transistorradio-Konzert im Pathos Transporttheater. Die Idee war Wahnsinn, die Umsetzung auch und ich ernsthaft beeindruckt. Dann kam 2008 „The Devil You & Me“, und wieder wurde es noch besser. „Good Lies“, „The Devil, You + Me“ (ich hoffe ihr kennt alle das großartige Video mit Material der Peer Gynt Inszenierung der Münchner Kammerspiele), und „Boneless“ wurden zeitweise fast zu einer Obsession. Auch die Show in den Kammerspielen mit dem Andromeda Mega Express Orchestra war wieder ein großer Wurf. Jetzt, wieder sechs Jahre später kommt also mit „Close To The Glass“ der neue Anwärter auf das potentiell beste Album dieser Band. Der erste Eindruck der Platte ist ein sehr, sehr guter, und ich bin mir sicher, dass sie noch weiter wachsen wird. Spätestens, wenn die Herren dann am 13. April im Zirkus Krone Einzug halten, und das Material live zum Besten geben, wird man sich ein abschließendes Urteil erlauben können. Die Location wird ihnen sehr gut stehen und die Vorfreude auf diesen schönen Tag, könnte angesichts des nun Gehörten kaum größer sein.

„Close To The Glass“ von The Notwist ist am 21.02.2014 bei City Slang erschienen.

 

Fotos: PR