Wenn Beck am heutigen Freitag „Morning Phase“ veröffentlicht, dann hat er uns vor allem eins bewiesen: Er pfeift auf Genre-Konventionen. Und wenn es diesmal nicht so elektronisch wie gewohnt ausfällt, dann ist das eben auch nur wieder eine Phase – aber eine ziemlich gute.

kleinZiemlich genau auf den Tag vor 20 Jahren hat Beck sein Album „Mellow Gold“ veröffentlicht. Den Longplayer, der dem Slacker-Song „Loser“ ein Zuhause gab, und der ein wirklich scheußliches Cover hatte. Ich erinnere mich daran, dass ich das Album am Erscheinungstag kaufte, unter anderem um meiner Schwester mit „Loser“ in Endlosschleife auf die Nerven zu gehen. Nur drei Jahre später sah ich Beck als Freitag-Headliner beim Bizarre-Festival 1997 in Köln (in meinen Augen immer noch das beste Festival, das es je gab), experimenteller war er da schon als er mit seinem Album „Odelay“ zu uns auf Tour kam.

Fast Forward fünf Jahre: 2002 erschien „Sea Change“, eine ganz feine, melodiöse Platte, bevor Beck Hansen es mit „Guero“ 2005 richtig krachen ließ und zwischen den Genres endgültig so hin- und hersprang wie das Äffchen beim Looping Louie. Spätestens da war klar, was sich wie ein roter Faden durch jedes einzelne seiner bisher acht Alben zieht: Sie klingen alle unverwechselbar nach Beck und strafen jeden Kritiker, der „Loser“ als One-Hit-Wonder abtat, Lügen. „Morning Phase“ reiht sich da als Album Nummer neun nahtlos ein und zwinkert mehr als einmal zurück ins Jahr 2002.

47 Minuten lang nimmt uns Beck Hansen mit in seinen Morgen. Sanft wie ein Sonnenaufgang nimmt einen der erste, nur 39 Sekunden lange Instrumentaltrack „Cycle“ mit auf diesen Weg. Nach diesen 39 Sekunden geht’s dann aber los – „Morning“: Beck hat uns da den perfekten Song zum Aufwachen an einem sonnigen Frühlingstag geschrieben. Ganz ruhig singt er vom Neuanfang, denn nichts anderes ist in seinen Augen jeder neue Morgen, davon, dass man zu zweit, ohne irgendeine Form von Schutz dasteht. Und schon in diesem Song wird klar, in welche Richtung das ganze Album wandert: Richtung „Sea Change“. Der zweite Song „Heart is a Drum“ ist mein liebster auf der Platte; wegen des „it’s beat-beat-beat-beatin‘ me down“, des Echos, des Klaviers – wenn man so will wegen allem. Vielleicht auch, weil mir dieser Track wirklich schon so angenehm ruhig wie möglich nach einem verfeierten Freitag in den nächsten Tag verholfen hat.

Ruhig bleibt es auch erst einmal. „Say Goodbye“ holt sich dafür anstatt des Klaviers aus „Heart is a Drum“ ein Banjo. Becks Stimme und die Lyrics sind deutlich im Vordergrund. Vom Abschied singt er, in der ganz typischen, stripped-down Manier, in der sich die ganze Platte hält. Und obwohl es melancholisch klingt, klingt es großartig. Beck schafft es seltsamerweise, dass die Songs trotz ihrer textlichen Traurigkeit alle immer nach einem neuen Morgen klingen. Selbst wenn er die erste Single „Blue Moon“ mit „I ‚m so tired of being alone“ eröffnet, bekommt er nach 50 Sekunden nicht nur den Rythmus-, sondern auch den Stimmungswechsel hin. Überraschenderweise klingt dann auch sein fast flehendes „Oh don’t leave my on my own“ gar nicht mehr so tragisch. Liegt vielleicht auch an den harmonischen „Aaaahhhhs“ im Hintergrund.

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Okay, auf „Unforgiven“ versteht er keinen Spaß. Es ist ein getragenes Stück auf „Morning Phase“. Und auch „Wave“ lässt Beck noch am ehesten auf die dunkle Seite abdriften. Quasi die Zeit am Morgen, bevor der erste Kaffee fertig ist. Da ändern auch die Streicher in „Wave“ nix dran. Besser wird es erst wieder auf „Don’t Let it Go“, dem achten Track der Platte. Nach der relativ deprimierten Mitte des Albums geht es jetzt dafür wieder stetig bergauf: „Blackbird Chain“ folgt da eher wieder dem Prinzip der ersten Songs: ruhig, grad recht zum Aufwachen. Apropos „Aufwachen“: „Phase“ ist das zweite rein instrumentale Stück auf dem Album und mir ist bewusst, dass das kitischig klingt, aber es hört sich nunmal an wie ein Sonnenaufgang. Isso. Auf „Turn Away“ und „Country Down“  lässt Beck sowohl seiner Stimme freieren Lauf als auch seiner Westerngitarre und Mundharmonika. Als würde er uns sagen wollen „He, das Album ist nicht nur für den Kaffee am Morgen, sondern auch für das Lagerfeuer am Abend!“ Recht hat er.

„Waking Light“, letzer Track. Ja, da habt ihr es: Klingt nach Sonnenaufgang und Wachwerden und heißt jetzt sogar auch noch so. Die sirenenartige Synthie-Spielerei ab Mitte des Songs kommt einem Weckgeräusch aber auch ziemlich nah. Auf Synthie-Symphone-Geplänkel folgt eine verzerrte Gitarre und dann ist auch auf einmal Schluss mit dem Song und dem Album – irgendwie typisch für den inzwischen unglaublicherweise 43-jährigen. Vielleicht ist das Schlusslied mit seiner Elektro-Spielerei, die sonst so gar nicht auf der Platte stattfindet, aber auch der Vorgeschmack auf das nächste Album: Beck hat für den kommenden Longplayer nämlich wieder mehr Elektro angekündigt. Da fallen wir dann zu Dance-Beats vermutlich aus oder auch erst ins Bett.

Auf „Morning Phase“ findet man also nicht den lustigen, spaßigen Beck, der uns „Odelay“ und „Loser“ um die Ohren gehauen hat. Der Beck auf „Morning Phase“ klingt immer ein wenig traurig und nachdenklich. Aber Mister Multiinstrumentalist Hansen schafft, dass jeder Song, und handelt der auch noch von den düstersten Momenten im Leben, nicht ganz so schrecklich klingt wie die Phase, in der man sich vielleicht gerade befindet. Es ist perfekt, um aufzuwachen – selbst an einem hässlichen Montag hat es sich schon erprobt. In diesem Sinne: WAKE UP!

„Morning Phase“ von Beck ist am  28. Februar 2014 bei Capitol Records/Caroline erschienen.

Fotos: PR