Neneh Cherry ist eine coole Sau. Eine 50-jährige coole Sau. Während Madonna das mit dem in Würde altern nicht ganz hinkriegt, hat Neneh Cherry eine kurzzeitige Popstar-Karriere, Familie und ausgewählte Nebenprojekte lässig unter einen Hut gebracht. 2014 erscheint mit „Blank Project“ ihr viertes Solo-Album – das erste seit knapp zwei Jahrzehnten.

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Ihr Solo-Debütalbum „Raw Like Sushi“ gehört zu meinen All-Time-Favoriten. Songs wie „Buffalo Stance“ oder „Kisses On The Wind“ gehen einfach immer wieder. Diese Stücke sind bereits ein Viertel Jahrhundert alt. Ihre Macherin, damals gerade mal 24, geht inzwischen auf die 50 zu und ist Mutter von drei Töchtern. Dieser Tage legt Neneh Cherry, 18 Jahre nach ihrem letzten Solo-Album, ein neues Werk unter eigenem Namen vor.

Das vierte Solo-Album von Neneh Cherry, auf das wir so lange warten mussten, ist eine moderne, zeitgenössische Platte geworden, die gleichzeitig die Jazz- und Punk-Wurzeln der Künstlerin widerspiegelt. Hits wie „Buffalo Stance“ oder „Manchild“ gibt es auf „Blank Project“ nicht. Stattdessen eine anfangs etwas sperrige, eklektische Mischung aus avantgardistischem Free-Jazz, Beat-Poetry, Post-Punk und Electronica. Klingt anstrengend, ist es aber nicht. „Blank Project“ braucht einfach ein wenig mehr Aufmerksamkeit. Irgendwas hat Neneh Cherry jedenfalls richtig gemacht, denn der gestrenge „Spiegel“ vergab 9 von 10 Punkten, der „NME“ 8 von 10.

Trockene Drumbeats, ein paar Synthesizer, hie und da flubbert und wubbert es, dazu die unverwechselbare Stimme von Neneh Cherry. Sie ist bestimmt keine Soul-Diva mit voluminösem Stimmumfang. Stattdessen wechselt Neneh Cherry lässig und elegant zwischen Gesang, Sprechgesang und Rap.

Auf „Blank Project“ finden sich raue, düstere Songs. Kein Wunder: Durch die Arbeit an dem Material verarbeitete Neneh Cherry den Tod ihrer Mutter, der schwedischen Malerin Monika Karlsson alias Moki Cherry, vor fünf Jahren. Die Sängerin bezeichnet die Platte denn auch als „öffentliche Therapie“.

Karg und reduziert, mit minimalistischen Beats wird die Platte von „Across The Water“ eröffnet. Mit dem darauf folgenden Titeltrack wird das Tempo gesteigert. Zu brachialen Beats sinniert Neneh Cherry über komplizierte Beziehungen. Das Stück „Weightless“ wird durch einen dreckigen, The-Prodigy-artigen Bass vorangetrieben, dazu gibt’s pulsierende Synthies. „Cynical“ wird von polternden, jazzigen Drums dominiert, darüber schwebt die zerbrechliche Stimme von Neneh Cherry. Im beunruhigenden „Spit Three Times“ – das an Massive Attack zu Zeiten von „Mezzanine“ erinnert – lungern schwarze Hunde in der Ecke und Affen turnen auf ihrem Rücken herum.

Für „Blank Project“ holte sich Neneh Cherry Unterstützung von dem britischen Jazz-Duo RocketNumberNine. Die beiden Brüder Tom und Ben Page spielten die zehn Songs ein, produziert wurde das Album von Kieran Hebden, besser bekannt als Elektro-Wunderknabe Four Tet. Innerhalb von weniger als einer Woche wurde die Platte in einer Kirche in Woodstock im US-Bundesstaat New York aufgenommen.

Als Gast-Sängerin schaute Landsfrau Robyn im Studio vorbei. Zusammen mit der jungen schwedischen Pop-Prinzessin nahm Neneh Cherry den Song „Out Of The Black“ auf. Die beiden Künstlerinnen kennen sich seit Jahren und haben großen Respekt voreinander, beschreiben sich gegenseitig als Inspirationsquellen. Robyn covert bei ihren Gigs regelmäßig Songs von Neneh Cherry. Der gemeinsame Titel ist ein finsterer Battle-Track, der sich insbesondere im Remix von Hot-Chip-Mastermind Joe Goddard hervorragend auf der Tanzfläche macht.

Rewind: The Neneh Cherry so far

Geboren in Stockholm und aufgewachsen in einer südschwedischen Hippie-Komune sowie in England und New York, wurde Neneh Marianne Karlsson die Musik regelrecht in die Wiege gelegt. Ihr Familienstammbaum liest sich wie ein „Who is Who“ einmal quer durch die Musikgeschichte: Ihr leiblicher Vater ist der afrikanische Musiker Amahdu Jah, ihr Stiefvater, US-Trompeter Don Cherry eine Jazz-Legende, hing gerne mal mit David Byrne oder Miles Davis ab. Neneh Cherrys Halbbruder Eagle-Eye Cherry feierte 1997 mit „Save Tonight“ einen Charterfolg, Halbschwester Titiyo landete vier Jahre später mit „Come Along“ einen kleinen Hit.

NenehCherry_byFredrik_SkogkvistIm Verlauf ihrer mehrere Jahrzehnte umspannenden Karriere setzte Neneh Cherry immer wieder musikalische Akzente und arbeitete mit zahlreichen Musik-Pionieren zusammen. Vor ihrem Durchbruch wirbelte sie als Mitglied von Bands wie Rip Rig + Panic und The Slits durch die Post-Punk-Szene. Mit ihrem Debütalbum „Raw Like Sushi“ von 1989 – mit dem sie dank Singles wie „Manchild“ und „Buffalo Stance“ weltweit bekannt wurde – adaptierte Neneh Cherry erstmals eine Mischung aus Soul, Hip-Hop und Pop für den Mainstream. Die Single „Buffalo Stance“ präsentierte Neneh Cherry anno 1988 bei „Top Of The Pops“ im britischen Fernsehen – und zwar hochschwanger. Produziert wurde das Werk übrigens von Neneh Cherrys Ehemann Cameron McVey. Der Brite arbeitete später mit Massive Attack an deren bahnbrechenden Debüt „Blue Lines“ und Portishead sowie den Girlbands All Saints und den Original-Sugababes.

An Neneh Cherrys zweitem Album „Homebrew“ (1992) waren u.a. das spätere Portishead-Mitglied Geoff Barrow, Michael Stipe von R.E.M. und Rapper Guru beteiligt. Das 1996er Album „Man“ enthielt den internationalen Smash-Hit „7 Seconds“, den Neneh Cherry zusammen mit dem senegalesischen Sänger Youssou N’Dour einspielte. 2006 gründete sie mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter Tyson (die bei Cherrys Auftritt von Top Of The Pops noch in ihrem Bauch herumpurzelte) und anderen befreundeten Musikern das Kollektiv CirKus. Als Gast-Sängerin ist Neneh Cherry auf Songs von Pulp, Peter Gabriel, den Gorillaz und Groove Armada zu hören. Zuletzt machte Neneh Cherry gemeinsame Sache mit der Free-Jazz-Band The Thing, die sich nach einem Song von Neneh Cherrys Vater Don Cherry benannte. Das Album „The Cherry Thing“ erschien vor zwei Jahren und enthielt Cover-Versionen von Punk- und Hip-Hop-Klassikern.

All diese Einflüsse und Erfahrungen kommen auf dem neuen Album von Neneh Cherry zusammen. Die vielseitige Künstlerin hat einiges erlebt. In „Everything“, dem letzten Stück auf der neuen Platte, reflektiert Neneh Cherry das Älterwerden. „I can’t hear in my right ear/I can’t see shit  in my left eye… Doctor been tellin‘ me I got the stress“ singt sie da zu einem scheppernden Beat. Sie braucht sich keine Sorgen machen. Diese „Inna City Mamma“ ist und bleibt eine der coolsten Frauen im Popbusiness – da können selbst „junge Wilde“ wie M.I.A. oder Santigold noch etwas lernen. Das coole Fly Girl ist erwachsen geworden.

„Blank Project“ von Neneh Cherry ist über das norwegische Indie-Label Smalltown Supersound erschienen. Anfang März präsentiert Neneh Cherry, die übrigens am 10. März ihren 50. feiert, ihr neues Material auch in deutschen Clubs. Den ein oder anderen ihrer Klassiker wird sie bei der Gelegenheit sicherlich auch zum besten geben.

Neneh Cherry live:
5.3. Hamburg, Uebel und Gefährlich
6.3. Berlin, Berghain
7.3. Köln, Stadtgarten

Fotos: Kim Hiorthoy, Fredrik Skogkvist