Pharrell ist ein Phänomen. Der 40-Jährige begeistert  mit seinen Produktionen Hollywood-Stars, breitbeinige Hip-Hop-Heads sowie zwölfjährige Musikfans und deren Omas gleichermaßen. Acht Jahre nach seinem Debüt „In My Mind“ hat der Sänger, Songwriter, Rapper und Hit-Produzent Pharrell Williams mit „G I R L“ sein zweites Solo-Album am Start. Wobei solo bei dem gutvernetzten Tausendsassa relativ ist.

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Girls Girls Girls – ja, wir haben verstanden: Pharrell Williams hat Frauen gern. „G I R L“ ist aber keine respektlose Macho-Nummer geworden, sondern eine Art Verneigung vor dem weiblichen Geschlecht. Pharrell Williams verzichtet auf die im Hip-Hop und R’n’B oft üblichen Macker-Posen, stattdessen gibt er den einfühlsamen, smarten Frauenversteher. So zeigt das Artwork Pharrell Williams – mit Gänseblümchen hinter’m Ohr – mit drei Girls im Bademantel, die sich allem Anschein nach sehr wohl fühlen.

„Festlich und aktuell“ sollte sich sein neues Album anfühlen, sagt Pharrell Williams. Eröffnet wird „G I R L“ denn auch von einer kurzen, knapp 30-sekündigen Streicher-Symphonie, bevor ein moderner, frischer Hip-Hop-Beat einsetzt. Marilyn Monroe, Kleopatra und Jeanne d’Arc sind ihm völlig egal – Pharrell will ein anderes, ein ganz bestimmtes „Girl“, für das er keine Adjektive braucht (Gefunden hat er sie übrigens bereits in Helen Lasichanh, Model, Designerin und Mutter des gemeinsamen Sohnes Rocket).

Auch das zweite Stück auf dem neuen Pharrell-Williams-Album, „Brand New“ (manch einer versteht „Elephant News“), ist eine lässige und sehr respektvolle Liebeserklärung an die Traumfrau. Für den Song schnappte sich Pharrell Williams Justin Timerlake als Duettpartner. Die beiden liefern sich ein regelrechtes Falsett-Battle.

Happy Family!

Überhaupt die Feature-Gäste: Allein die Dankes-Liste im „G I R L“-Booklet liest sich wie ein Auszug aus der Kontaktliste eines Top-Musikmanagers. Wie bereits bei seinem ersten Album, bei dem er Gwen Stefani, Kanye West und Jamie Cullum ins Studio bat, scharte Pharrell Williams auch für sein neues Werk „G I R L“ einige Stars um sich. Dieses Mal sind neben Langzeit-Spezl Justin Timberlake auch Miley Cyrus, Alicia Keys und Daft Punk mit von der Partie. Kelly Osborne singt im Opener „Marilyn Monroe“ Background-Vocals, Timbaland schmeißt auf „Brand New“ die Beatbox an und Filmkomponist Hans Zimmer steuert ein paar Streicher-Arrangements bei. Eine große, glückliche und sehr prominente Phamilie also – sogar Pharrells Frau steuerte ein paar Handclaps bei!

Natürlich findet sich auf „G I R L“ auch Pharrells internationaler Smash-Hit „Happy„. Den Oscar für den Song aus dem Film „Ich – Einfach Unverbesserlich 2“ konnte Pharrell (in Shorts!) zwar nicht mit nach Hause nehmen, dafür räumte er im Verlauf seiner Karriere bereits sieben Grammys ab – allein dieses Jahr kamen vier neue hinzu. Innerhalb der letzten Jahre avancierte Pharrell Williams zu einem der stilprägendsten Produzenten. Er brachte den Groove zurück, machte Hip-Hop geschmeidiger und Pop wieder spannend.

Der bisherige Höhepunkt: Dem Popjahr 2013 drückte Pharrell Williams mit seinen Kollaborationen mit Daft Punk und Robin Thicke seinen Stempel auf. „Get Lucky“ und „Blurred Lines“ verkauften sich weltweit millionenfach. Dafür wurde Pharrell Williams bei der Grammy-Verleihung zum „Produzent des Jahres“ geadelt. Mit „Happy“ katapultierte er sich weltweit an die Spitze der Charts und zauberte ein glückliches Grinsen in zahlreiche Gesichter.

https://soundcloud.com/pharrellwilliam/iamhunter

Do you wanna get phunky?

Weitere Hippi-Happy-Feel-Good-Singalongs gibt es auf „G I R L“ nicht. „Hunter“ zum Beispiel ist ein kühles Disco-Funk-Brett mit ordentlich Retro-Touch und Arschwackel-Potenzial. Mit seinem mittlerweile zum Markenzeichen gewordenen Falsett geht Pharrell Williams auf die Pirsch – und zwar aus der Frauenperspektive!

„Come Get It Bae“ ist ein rasanter Pop-Song, den Pharrell Williams mit Miley Cyrus einsang – das derzeitige „Enfant Terrible“ der Popwelt stellt ausnahmsweise ihre gesanglichen Qualitäten unter Beweis. Inhaltlich gibt der Text allerdings wenig her – die beiden machen, äh, einen Ausflug auf dem metaphorischen Motorrad (böse Erinnerungen an Kanye West und Kim werden wach…).

„Lost Queen“ ist ein Dub-Track mit Afro-Elementen. Das schwerelose „Gust Of Wind“ wiederum würde sich perfekt in die Westcoast-Grooves von Daft Punks „Random Access Memories“ einreihen. Im melancholischen Refrain sind die typischen Roboter-Stimmen des französischen Elektro-Duos zu hören. Das an Nile Rodgers erinnernde Gitarren-Riff stammt von Newcomer Francesco, die Streicher wurden von Filmmusik-Titan Hans Zimmer arrangiert.

https://soundcloud.com/pharrellwilliam/pharrell-willams-gust-of-wind

Leider finden sich auf „G I R L“ nur zehn Songs, darunter auch den ein oder anderen überflüssigen Füller. Der feuchte Traum „Gush“, eine etwas seichte R’n’B-Pop-Nummer, für die erneut Hans Zimmer die Streicher in Szene setzte und in der Pharrell – ganz der emanzipierte Mann von heute – seiner Liebsten seine Liebesdienste zur Verfügung stellt (auch hier gilt wieder: er verwöhnt sie, nicht, wie sonst im Hip-Hop üblich, umgekehrt), wäre nicht nötig gewesen. Und auch das mit einem Reggae-Beat unterlegte „Know Who You Are“ – ein Duett mit Alicia Keys – geht zwar schnell ins Ohr, ist jedoch eher belanglos.

Mit „G I R L“ ist Pharrell Williams insgesamt aber ein abwechslungsreiches, funky Album gelungen, das in den Momenten am besten ist, wenn es an Pharrells Zusammenarbeit mit Daft Punk und Disco-Legende Nile Rodgers erinnert. Die zehn Songs auf „G I R L“ stellen Pharrells Vielseitigkeit unter Beweis. Egal ob bei der Eröffnung eines Sport-Spektakels, bei glamourösen Galas wie den Grammys, Oscars, der Verleihung der Brit Awards oder in einer großen Mehrzweckhalle in Düsseldorf – Pharrell Williams begeistert Hollywood-Stars wie Meryl Streep, coole Hip-Hop-Heads sowie zwölfjährige Musikfans und deren Omas gleichermaßen. Elegant kombiniert er Pop, Hip-Hop, 70s-Disco und 80s-Funk. Und auch wenn uns „Happy“ vermutlich ziemlich bald ziemlich stark auf die Nerven gehen wird – „G I R L“ ist ein makellos produziertes Pop-Album eines der talentiertesten Produzenten, Songwriter und Musiker im zeitgenössischen Pop-Zirkus.

The Pharrell-Story so far

Seine Karriere in der Musikindustrie startete Pharrell Williams Anfang der Neunziger als Multiinstrumentalist in Virginia Beach. Für den Song „Right Here“ (Human Nature Remix) der R’n’B-Girlgroup SWV steuerte er 1992 kurze Rap-Parts bei. Produziert wurde der Track von Teddy Riley, Mitglied der R’nB-Band Blackstreet. In den Credits von deren Debütalbum wiederum tauchte später Pharrell Williams auf.

Erste Erfolge feierte Pharrell Williams dann zusammen mit Chad Hugo als Produzenten-Duo The Neptunes. Gemeinsam verhalfen sie Kelis mit dem Debütalbum „Kaleidoscope“ zum Durchbruch und machten Boyband-Schnucki Justin Timberlake mit dem Album „Justified“ zum smarten Frauenschwarm. Später arbeiteten The Neptunes u.a. mit Britney Spears („I’m A Slave 4 U“), Nelly („Hot In Herre“), Snoop Dogg („Beautiful“ und der Zungenschnalzer „Drop It Like It’s Hot“) und Jay-Z („I Just Wanna Love U (Give it 2 Me)“). Unter dem Namen N.E.R.D. veröffentlichten Pharrell Williams und Chad Hugo zudem mit Unterstützung von Shay Haley zwischen 2001 und 2010 vier Studioalben, auf denen sie Rock, R’n’B und Hip-Hop aufeinanderprallen ließen.

Pharrell Williams arbeitete mit Legenden wie Madonna und den Rolling Stones zusammen, mit erfolgreichen Popstars wie Shakira, Kylie Minogue, Jennifer Lopez und Beyoncé sowie Rappern wie Game, Ludacris und Frank Ocean. Immer wieder greift er Newcomern unter die Arme, zuletzt etwa Kendrick Lamar und Azealia Banks. Weltweit verkauften sich die Produktionen des 40-Jährigen über 100 Millionen Mal. Darüber hinaus designte das ewig jung aussehende Multitalent Schmuck und Accessoires für Marken wie Louis Vuitton, lancierte mit Billionaire Boys Club und Icecream eigene Modelinien, investierte in die Öko-Textilfirma Bionic Yarn und gründete das Multimedia-Unternehmen i am Other. Und ein guter Mensch ist er auch noch: Seinen von Vivienne Westwood kreierten Räuberhut versteigerte Pharrell Williams über eBay für seine Charity-Organisation From One Hand to AnOTHER. Kurz: Pharrell Williams ist ein kleines Allround-Genie, ein phunky Phänomen.

Foto: Sony Music