Die kollektive Volkswanderung am Freitag Abend führt ins locationtechnische Münchner Hinterland Freimann. Auf der einen Seite der Doherty Pete und seine Babyshambles im Kesselhaus, auf der anderen Kollege Casper und sein Edel-Support Portugal. The Man im Zenith. Von letzterer Luxus-Kombi soll hier berichtet werden.

Volles Haus links wie rechts. Und ein wahres Schlachtfeld des Vorglühens. Ob das noch ein Fest für die Flaschensammler war? Nicht, wenn da nicht irgendwann ein Kleintransporter angerückt ist, um sich der geradezu absurden Glasmassen anzunehmen. Doherty wurde am Nachmittag wohl schon mit ranzigem Zylinder aufm Kopf und nem Lampenschirm unterm Arm auf dem nahegelegenen Antikmarkt gesichtet. Die Chancen standen also gut, dass das Konzert auch wirklich stattfinden würde (das weiß man bei dem Spezi ja nie so genau). Die Fans hatten Glück. Er kam. Wie es war? Cordula war da und erzählt’s euch hier.

casper münchen

Das Zenith gegenüber war voll, wenn auch nicht so brechend voll, wie man es schon bei anderen Bands erlebt hatte. Naja, wenn sich die vornehmlich jungen, weiblichen Fans, die per se schon nicht viel Platz wegnehmen maximal in hauchdünne Trägershirts und Superslimjeans hüllen und wie die liebestollen Lemminge gen Bühne pressen, bleibts halt hinten gemütlich. „Hach, der Cas, so süß isser. Was er wohl anhat und ob er mich anschaut?“ So ungefähr dürfte es im Kopf vieler, vieler Mädels ausgesehen haben. Und die Jungs (Ja, da waren auch welche da)? Für die war die Lage eher aussichtslos. So sehr man sich auch aufstrapste an der Muscle-Shirt-, Cap- und Tattoofront und sich mühsam die komplexen Texte des Meisters draufgeschafft hatte, gegen den Typ da oben hatte an dem Abend keiner eine Chance. Die waren eher der Trostpreis für den Heimweg. So ein Casper Konzert ist ja neben Musik-Happening immer auch Sozialstudie. Zumindest muss man das so betrachten, sonst flippt da unsereins im gesetzteren Alter echt aus. Man tut sich einen Gefallen sich am Anfang einmal klarzumachen, dass die Kids (zumindest für diese paar Stunden) allesamt den Verstand verloren haben, und sich dann im Verlauf des Abends einfach nicht mehr zu wundern, was da so abgeht. Manchmal fällt das ein bisschen schwer und man ertappt sich dabei sich eine Ü-20 Show zu wünschen. Aber seis drum. No pain, no gain.

Der Erste Akt – Portugal. The Man

ptm2Eher selten sind ja die Konzerte, wo man sich auf die Vorband genauso freut, wie auf den Main-Act. In diesem Fall muss ich zugeben, dass ich mich auf den Support sogar noch ein bisschen mehr gefreut hab, als auf den guten Casper. Dafür wird er mir auch nur schwer böse sein können, schließlich sind Portugal. The Man eine seiner absoluten Lieblingsbands, und er hat sie höchselbst ausgesucht, ihn auf einem Teil der Tour zu begleiten. Sehr schön, dass die Kombo, die die Bronzemedaille meiner Albumcharts 2013 umhängen hat, sich so auch mal einem größeren Publikum live präsentieren kann. Vom Strom ins Zenith. Und die Casper-Meute war ein überaus dankbares Publikum. Auch wenn sicher nicht jeder mit dem gut gemachten Indie-Pop was anfangen konnte, wurden sie artig beklatscht und sogar ein bisschen abgefeiert. Nicht unclever hat Casper schon frühzeitig über seine zahlreichen Social Media Kanäle eine Lanze für die Band aus Alaska gebrochen. Den Fans wurde also mehr oder weniger subtil klargemacht, „Wenn ihr die Jungs scheiße findet, findet ihr quasi mich und meinen Musikgeschmack scheiße.“ Er lässt es sich auch nicht nehmen die Band persönlich anzukündigen und einen Bildungsauftrag hinterherzuschicken „Ich hör die schon ganz, ganz lange und das solltet ihr auch tun!“. Der kleine Fanboy. Das Set ist wunderbar, der Sound (zumindest vorne) ziemlich einwandfrei, und auch wenn man ihnen auf der Bühne nicht so viel Platz übriggelassen hat, füllen sie die große, bekanntermaßen eher undankbare Halle tadellos aus. Es gibt viel vom letzten Album „Evil Friends“ (inklusive „Hip Hop Kids“. Natürlich!) und auch ein paar ältere Stücke. Die Temperatur vorne steigt schon jetzt bedenklich. Sänger und Gitarrist John Gourley zieht seine Kapuzenjacken-Vermummung trotzdem wiedermal knallhart durch, und die Girls haben eh nichts mehr, was sie noch hochkrempeln oder gar ausziehen könnten. Nach gut 40 Minuten ist Schluss. Unsereins ist hocherfreut und von den Kleinen beschwert sich auch keiner. Gut gemacht, die Herren!

Damit die gute Laune in der Umbaupause auch nicht abreißt, wird gleich publikumskompatibles Material vom Band hinterhergechickt. Kollektive Vezückung also angesichts von Tracks der Casper-Buddies Marteria und Kraftklub. Bruno Mars erfreut die Mädels, die Jungs simulieren kurz Abneigung und tun dann cool. Los gehts um halb Zehn. Standesgemäß ist das Intro zu Casper’s Show Coldplay’s Über-Hymne „Fix You“. Ich kann mir jedesmal bildich vorstellen, wie er sich dazu am Bühnenrand mental einpeitscht und im Geiste an der Glühbirne zwirbelt. Coldplay hat musikalisch zuletzt vielleicht ein paar zweifelhafte Entscheidungen getroffen, aber der Song geht auf jeden Fall immer klar. Und trotz inzwischen knapp unter 40 Grad kämpft sich ein kurzer Gänsehautschauer durch.

Das Spektakel beginnt

casper2Wenn der Keyboarder als erster auf die Bühne kommt, weiß man, was der Opener sein wird. Klarerweise „Im Ascheregen“. Schon fett. Natürlich drehen alle durch. In einem fast 2-stündigen Casper-Best-Of klebt heute Hit an Hit (inzwischen hat er doch recht viele).  „Alles Endet Aber Nie Die Musik“ werd ich nie wirklich mögen, aber damit steh ich ziemlich alleine da. Der Fokus liegt schon stark auf den letzten beiden Alben „XOXO“ und „Hinterland“. Es gibt zwar das gute alte „Casper, Bumayé“, „Mittelfinger Hoch“ und im Mittelteil ein wildes Mash-Up/ Medley aus dem Danke-für-500.000-Facebook-Fans-Belohnungssong „Halbe Mille“ und der „Alles Endet Aber Nie Die Musik“-B-Seite „Nie Genug“. Aber der Ur-Hit „Hin Zur Sonne“ ist inzwischen raus aus der Setlist. Die Fans der ersten Stunde werden es ihm verzeihen. Dafür reihen sich jetzt „Auf Und Davon“, „20 qm“ und „Blut Sehen“ an „Lux Lisbon“, „Ganz Schön Okay“ und „XOXO“. „So Perfekt“, zwar der erste Hit von „XOXO“, aber meiner Meinung nach der schwächste Song vom Album, klang in der Live-Version diesmal gar nicht so gemein. Irgendwas haben sie da dran geschraubt. Die Kids drehen so oder so durch. Ausnahmslos zu jedem Song, wenn sie nicht gerade ihre Handys hochhalten. Ohne Scheiß, ich glaube echt da vorne hatte jeder zwei Smartphones dabei. Davon abgesehen gibt das Publikum aber wirklich alles an der Mitspring-, Mitsing- und Durchdreh-Front. Die Temperatur erreicht in Bühnennähe inzwischen Sauna-Niveau. Casper selber ist ja live sowas wie das Duracell-Häschen des Hip Hop. Der steht keine zehn Sekunden still und feiert seine Songs selber so gnadenlos ab, dass uns da unten ja gar nichts anderes übrig bleibt als auch komplett auszusteigen. In den Münchnern hat er an diesem Abend auf jeden Fall ein würdiges Publikum gefunden. Und so ist der einzige Moment, an dem ich mir wünsche, ich hätte die Ohrenstöpsel doch drin, der, als einmal alle anwesenden Mädels aus vollem Hals schreien dürfen. Alter Schwede. Das tat weh. Tinnitus mit Einzählen. 3,2,1, Hörsturz. Ich glaub er und seine Band bereuen diesen Stunt kurz später selbst.

Das „Grizzly“ Lied darf natürlich nicht fehlen, genauso wenig „Hinterland“. Nur auf „Alaska“ wartet man vergeblich. Aber das ist zugegeben Jammern auf hohem Niveau. Es ist wirklich erstaunlich, wie es dieser Typ schafft das ganze Set über voll dazusein. Die Songs sind allesamt textlich sauber anspruchsvoll, dazu tobt er non stop über die Bühne mit Hummeln im Arsch für drei. Und dazwischen gibts dann auch noch brav Konversation mit dem Publikum. Dem Zufall wird da nichts überlassen. Der Mann ist ein Vollprofi. Als Zugabe gibt’s unter anderem noch das heiß ersehnte „Michael X“ und „Jambalaya“. Während ersteres einfach immer im kleinen Rahmen besser funktioniert, ist die leicht größenwahnsinnige Party-Hymne quasi prädestiniert für die große Bühne und alle geben dementsprechend noch ein letztes Mal Vollgas.

Nach der Hysterie

Und dann ist es vorbei. Das Happening. Seine bisher größte Solo-Show und auch mit Abstand der größte Rahmen (ausgenommen Festivals), in dem ich ihn bisher gesehen hab. Vor zweieinhalb Jahren noch in kleinster Runde im Ausrast-Modus im Atomic, ein Jahr später u.a. in der Tonhalle, dazwischen gabs nochmal eine Clubshow im Strom, diesmal also Zenith. Von Anfang an waren die Locations fest in der Hand der Youngsters. Das ist klar dem Genre geschuldet.  Aber je größer die Locations werden, desto prägnanter wird auch die Dominanz der komplett austickenden Kids, die zum Teil jede Zeile mitrappen/ singen, als würden sie das schon seit 10 Jahren hören. Dabei sind sie ja erst 14 oder 17. Das sind dann doch auch diese befremdlichen Momente, wo man sich, als jemand, der den Texten schon auch einiges abgewinnen kann und sie oftmals persönlich relevant findet, und der dabei 15-20 Jahre älter ist, fragt, wie das zusammengeht. Find ich das jetzt noch genauso gut, wenn neben mir Heerscharen von Kids das zu ihren Hymnen auserkoren haben? Aber vielleicht sind das einfach unterschiedliche Ebenen auf denen die Lieder, vornehmlich die Texte, verstanden werden können und funktionieren. Wenn es so ist, macht er das verdammt gut.

Casper ist definitiv einer der relevantesten und besten deutschsprachigen Künstler aktuell und hat mit „XOXO“ und „Hinterland“ innerhalb von zweieinhalb Jahren zwei Alben abgeliefert, die nicht nur großartig sind, sondern auch extrem clever, verdammt mutig und sicher auch stilprägend für vieles, was da noch kommt. Sind wir gespannt, was er als nächstes macht. Vielleicht wieder mehr zurück zu den Wurzeln, wieder etwas rougher, mehr oldschool Hip Hop und weniger Genremixing? Vielleicht sucht sich der Musiknerd erster Güte aber einfach ein anders Genre zum Mixen und bandelt mit seiner großen musikalischen Liebe, dem Metal an. „Er darf tun was er will“ heißt es in „Jambalaya“, und das wird er mit ziemlicher Sicherheit auch beim nächsten Album machen. Gut so, hau rein Junge.

Und wer bis zum nächsten Mal mit Casper nicht warten will bis MTV wieder Musik spielt, der holt sich am Besten noch Karten für eine seiner noch nicht ausverkauften Shows oder die diversen Zusatzskonzerte im April. Oder schaut die Tage wieder hier bei uns vorbei. Denn vielleicht haben wir da bald noch was für euch….Uiuiui…..

 

Kommende Shows:

17.03.2014 Nürnberg, Arena (hochverlegt!)
18.03.2014 Offenbach, Stadthalle (ausverkauft!)
19.03.2014 Stuttgart, Schleyerhalle
21.03.2014 Hamburg, Sporthalle (ausverkauft!)
22.03.2014 Dortmund, Westfalenhalle (ausverkauft!)
03.04.2014 Köln, LANXESS Arena (hochverlegt!)
04.04.2014 Berlin, Max-Schmeling-Halle (ausverkauft!)
05.04.2014 Bremen, Halle 7 (Zusatzkonzert!)
07.04. Ech-Alzette (LU) – Rockhal (Zusatzkonzert!)
08.04.2014 München, Zenith (Zusatzkonzert!)
11.04.2014 Rostock, Stadthalle Rostock (Zusatzkonzert!)
12.04.1014 Dresden, Messe Dresden (Zusatzonzert!)
19.04.2014 Hamburg, Sporthalle (ausverkauft!)
20.04.2014 Würzburg, s.Oliver Arena (Zusatzkonzert!)

 

Fotos: https://www.facebook.com/portugaltheman, https://www.facebook.com/casperxo